Daniel Kehlmann im Video Interview © NDR.de

"Lesen ist die tiefste Schule der Empathie"

Stand: 28.11.2020 10:00 Uhr

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann erzählt, wie er selbst zum Lesen kam, welche Autoren und Bücher ihn besonders bewegt haben und was für ihn der Sinn des Lesens ist.

von Alexander Solloch

Man muss Daniel Kehlmann nicht allzu intensiv vorstellen: Mit "Die Vermessung der Welt", 2005, und "Tyll" vor drei Jahren hat er zwei der erfolgreichsten deutschsprachigen Romane der vergangenen Jahrzehnte geschrieben, wobei er sich manchmal auch zum Beispiel für seinen Erstling "Beerholms Vorstellung" oder für den sehr verwickelten Roman "F" noch mehr Leser wünscht.

Herr Kehlmann, was sollen denn die Leserinnen und Leser machen? Es gibt nun einmal so unglaublich viele Bücher und gemessen daran so unglaublich wenig Lebenszeit. Oder?

Daniel Kehlmann: Das ist völlig richtig. Und je älter man wird - und ich bin jetzt auch schon alt genug, um das festzustellen - desto mehr beschäftigt einen das. Also man häuft eine große Bibliothek an. Das ist mir jetzt über die letzten 20 Jahre auch schon gelungen. Und dann sitzt man in dieser großen Bibliothek und es wird einem klar, dass man viel davon wahrscheinlich oder einiges davon, ja wahrscheinlich die Mehrheit, gar nicht mehr lesen wird.

Nun sind Sie ja in einem - würde ich mal sagen - sehr bücherfreundlichen Haushalt aufgewachsen. Ihr Vater war Regisseur für Film und Theater, Ihre Mutter ist Schauspielerin und Malerin. Wann fing das denn für Sie an mit dem eigenen, also eigenständigen, irgendwie selbstbestimmten Lesen, mit der Lesesucht? Und mit welchen Büchern fing das an?

Das fing sehr früh an, weil meine Mutter mich vom Fernsehen wegbringen wollte. Damals war das noch leichter als heute, weil es täglich, glaube ich, zweieinhalb Stunden Kinderprogramm auf einem Kanal gab, und das war's. Und wenn man ein Kind in diesen zwei Stunden anders beschäftigt hat, dann hat es auch nicht ferngesehen. Heute hat man natürlich ganz andere Gegner in Form von einem zu jedem Zeitpunkt verfügbaren Netflix mit gewaltigem Kinderprogramm zum Beispiel. Meine Mutter hat dann etwas gemacht, das nannte sie das "Anstatt-Fernsehen-Buch", und sie hat mir einfach genau in der Zeit, wo Kinderprogramm war, spannende Sachen vorgelesen. Und da war wirklich ihr Kriterium, dass es so spannend und interessant sein musste, dass bei mir gar nicht der Wunsch nach Fernsehen aufkam. Und das hat ganz gut funktioniert. Vor allem habe ich dann relativ schnell angefangen, selber zu lesen, weil ich das eben nicht beschränkt haben wollte auf die zwei Stunden, weil die Bücher so spannend waren. Und ich habe dann also selber gefragt: Was ist das für ein Buchstabe? Und ich habe dann weitergelesen und mir selber das Lesen auf diese Art angeeignet - einfach, weil ich wissen wollte, wie die Bücher weitergehen.

Wissen Sie noch, welche Bücher das waren, die damals spannender waren als Fernsehen?

Es war natürlich eine ganze Menge, aber ganz stark gewirkt haben auf mich die beiden großen Michael-Ende-Bücher "Momo" und "Die unendliche Geschichte". "Die unendliche Geschichte" war wirklich das erste dicke Buch, das ich vollständig selber gelesen habe. Und zwei Jahre später - dafür war ich mit sieben viel zu jung - habe ich dann den "Herrn der Ringe" von Tolkien gelesen und ich habe mich unglaublich gefürchtet. Das war natürlich ein Riesenprojekt. Ich glaube, ich habe über ein halbes Jahr dran gelesen oder noch länger. Aber ich habe mich wahnsinnig gefürchtet. "Der Herr der Ringe" ist wirklich zu unheimlich für einen noch dazu leicht furchtsamen Siebenjährigen. Aber es war natürlich ein wirklich gewaltiges Erlebnis. Das konnte kaum ein anderes Buch je wieder aufholen später.

Ist das denn schon die Antwort auf die Frage, die ich Ihnen jetzt stellen wollte, nämlich die nach dem Buch, das Sie in knapp 40 Jahren Lesebiografie am heftigsten durchgerüttelt hat oder von dem sie heute ganz schlicht und einfach sagen würden, das war das beste Buch?

Das kann man so nicht sagen. Es gibt nicht ein Bestes, und es gibt auch nicht eins, das einen am meisten durchgerüttelt hat, weil es ja wirklich unterschiedliche Arten gibt, einen durchzurütteln. "Der Herr der Ringe" hat mich sicher am meisten durchgerüttelt, in Hinsicht dessen, dass das so eine gewaltige, spannende, düstere, packende, tiefe Welt war, die mich da ergriffen und reingezogen hat. Also emotional war es wahrscheinlich das größte Erlebnis, weil man ja auch als Kind stärkere emotionale Erlebnisse hat als später. So ganz erlebt man nie wieder so unmittelbar, wie als Kind.

In anderer Hinsicht, als Schriftsteller, als Künstler, als schon bewusst selber Schreibender, der sich von anderen Schriftstellern beeinflussen lässt, da müsste ich wahrscheinlich "Hundert Jahre Einsamkeit" nennen oder auch Nabokov - nicht ein Werk von ihm, sondern mehr oder weniger der gesamte Korpus von Nabokov. Ich müsste vielleicht auch Thomas Mann nennen, der mich mit 17, also genau, als ich so angefangen habe, mich selber als möglichen Schriftsteller zu sehen, extrem tief beeindruckt hat, sodass sich wirklich die ganze Werkausgabe damals, oder sagen wir, den erzählenden Teil der Werkausgabe und viel von den Essays durchgelesen habe.

Es kommt wirklich drauf an: beeindruckt als was oder als wer und in welcher Hinsicht? Und da, glaube ich, kommt man nicht drumherum, so vier, fünf, sechs verschiedene Bücher und Autoren zu nennen.

Es bleibt ja trotz allem auch ein bisschen rätselhaft, warum wir lesen. Wir setzen oder legen uns hin. Wir brauchen Ruhe und Konzentration, dürfen uns nicht ablenken lassen, müssen mit müder werdenden Augen irgendwelche Schriftsymbole entschlüsseln, müssen sie im Kopf in sinnliche Wahrnehmungen umsetzen. So hat das mal der wunderbare österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier umschrieben und geschlussfolgert: Ich glaube, der Unterhaltungswert der Literatur wird weit überschätzt. Aber vielleicht wird die Heilkraft der Literatur weit unterschätzt. Soweit Michael Köhlmeier. Wie reimen Sie sich diese Seltsamkeit zusammen, dass Menschen lesen?

Das ist ganz großartig, das würde ich voll und ganz unterschreiben. Ich glaube, es sind auch wieder verschiedene Dinge, die zusammenkommen. Es ist was sehr heterogenes. Einer der wichtigsten Aspekte des Lesens von Literatur überhaupt ist, glaube ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das kann ja selbst der Film nicht wirklich - uns mit einem anderen Kopf denken zu lassen und durch andere Augen sehen. Also durch die Augen sehen kann der Film noch einigermaßen - aber denken als ein Anderer? Das kann er nicht.

Es ist also wirklich die tiefste Schule der Empathie, die tiefste Schule darin, was es heißt, jemand zu sein, der nicht ich bin. Das andere ist gleich wichtig: Die Freude am gelingenden Sprechen. Literatur - das sind ja dann doch nach Möglichkeit absolut gelungene Sprechakte. Wenn man einen wirklich großartigen Schriftsteller liest, dann hat man immer das Gefühl, so müsste man sprechen, wenn die Welt in Ordnung wäre. Also dieses Erleben, was Sprache tun kann, wenn sie gelingt. Und diese zwei Aspekte kommen eben zusammen: die Schule der Empathie und das Erleben, was Sprache ist, wenn sie tut, was sie soll.

Das Interview führte NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | BücherLeben | 28.11.2020 | 18:00 Uhr

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