Stand: 08.08.2019 16:01 Uhr

Von den menschlichen Zügen der Vögel

Das Schöne, Schäbige, Schwankende: Romangeschichten
von Brigitte  Kronauer
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Brigitte Kronauers letzter Roman ist erneut ein Sprachkunstwerk.

Knapp drei Wochen nach ihrem Tod erscheint heute das letzte Buch von Brigitte Kronauer: "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" hat es die große Erzählerin genannt, die Büchner-Preisträgerin, die am 22. Juli im Alter von 78 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben ist. Der Untertitel, den sie gewählt hat (die Genrebezeichnung), ist ungewöhnlich: "Romangeschichten". Was hat das zu bedeuten?

Wie es immer zwitschert und wie es schnattert! Wie es fliegt und gurrt und quakt und schnäbelt! Kein Zweifel: Brigitte Kronauer mochte alles in allem die Menschen, aber sie brauchte die Vögel.


Mir war ihre Dauerbegleitung nicht unangenehm. Wie man, jeder hat es schon erlebt, in Mauerrissen, alten Kartoffeln und Felszacken manchmal den suggestiven Zauber von Menschengesichtern entdeckt, sodass man Mühe hat, überhaupt den wirklichen Gegenstand wahrzunehmen, so zwangen mir die Vögel, von Tag zu Tag beherrschender, im Haus und draußen ihre Ähnlichkeit mit Personen auf, mit Freunden, flüchtigen und alten Bekannten. Leseprobe

Charlotte, die Ich-Erzählerin in Kronauers letztem Buch, kommt also auf eine Idee.

Inspirierende Geschöpfe, wilde, schäbige und erhabene

Im Haus eines Ornithologen, in dem sie Ruhe und Inspiration für ihren neuen Roman sucht, starren sie überall von den Wänden Bilder aus der Vogelwelt an: die wilden, die erhabenen, die lächerlichen Geschöpfe. Wie wäre es also, streng kategorisiert zu erzählen von der Vielfalt des Lebens, oder immerhin: von der Dreifaltigkeit? Nämlich vom "Schönen, Schäbigen, Schwankenden" - jeweils dreizehnmal.

Sollte Brigitte Kronauer, diese Virtuosin des Unbestimmten, in ihren letzten Jahren eine Bürokratin der Literatur geworden sein? Natürlich nicht. Sie beliebt zu scherzen und zu spielen. Wie sagte sie noch vor gar nicht langer Zeit, als diese Geschichten mindestens schon in ihrem Kopf gespukt haben müssen?

Vom Beunruhigenden der Ambivalenz

"Wir haben die Neigung, die Dinge möglichst eindeutig zu sehen, weil Ambivalenz etwas Beunruhigendes ist, und versuchen, die eine Seite immer auszublenden: Entweder soll etwas gut und schön sein, oder es soll böse und hässlich sein. Das ist ja fast schon Märchensprache, aber so wünscht man sich das: diese Ordnung und Klarheit, die aber nicht die Sache der Literatur sein sollte. Auch rein ästhetisch argumentiert: Die Sache kriegt erst ihre Würze durch den Pfeffer des Gegensatzes," so Kronauer.

…. der uns - viel mehr als jede Eindeutigkeit - ganz nah ans Wirkliche heranführt.

Jubilierende Dompfaffe und flatternde Krähen

Brigitte Kronauer beweist das mit ihren "Romangeschichten", die sie - scheinbar unverbunden und kaum sortiert - aneinanderreiht: Geschichten von Menschen, die - während immer wieder ein Dompfaff, ein Goldfasan, eine Krähe durchs Bild flattert - jubilieren, taumeln, rasen; die stürzen, aufstehen oder untergehen. Schön, schäbig und schwankend - das sind sie allesamt und alle gleichzeitig: die unfassbar Charismatische, die versehentlich ermordet wird; die beiden Exzentriker, die streng choreographiert die Straße auf- und ablaufen, ehe sie eines Tages verschwinden; die alte Bäuerin auf dem Foto, Ende 19. Jahrhundert - was war das für ein Leben?

Es war ein verwüstetes Gesicht, zornig und tief gekränkt von den harschen Umständen, die sich durch ein Sonntagsgewand nicht vertuschen ließen. Ein Gesicht, bei dem die Abwesenheit jeglicher Illusion in einer Direktheit ins Auge sprang, wie es schwer erträglich war. Ein Gesicht ohne die geringste Spur einer Erinnerung an glückliche Momente. Und die gnadenlosen Augen? Vielleicht verrieten sie einen Abgrund von Traurigkeit. Man musste lange hinsehen, um das zu ahnen, und man ahnte, dass niemand in ihrer Lebenszeit lange genug hingesehen hatte. Leseprobe

Überhaupt Gesichter: was in ihnen alles zu lesen ist, zu rätseln, zu erkennen und zu missdeuten ist! Wenn Brigitte Kronauer das Tintenfass über ihren leeren Blättern ausschüttet, vergießt sie besonders freigiebig liebevollen Spott. Da wäre zum Beispiel "Die Frau mit Caprice":

Ihr Gesicht war berühmt wegen seines nostalgischen Designs. "Pikant" sollte den Leuten dazu einfallen. Wer sie anschaute, meinte, ins Wien oder doch wohl Paris der Jahrhundertwende versetzt zu sein, in eine Epoche, die sie mit ihrer zum Ornament sublimierten Melancholie für die gelungenste in der Menschheitsgeschichte zu halten schien. Wie kriegte sie bloß dieses Jugendstilgesicht hin, unermüdlich, Tag für Tag? Leseprobe

Zu feiern ist, bei aller Trauer, das letzte große Sprachkunstwerk von Brigitte Kronauer: so elegant und lässig und gewitzt und immer tief verletzlich. Da ist einfach überhaupt nichts schäbig, da ist einfach überhaupt nichts schwankend - da ist einfach alles schön. Eindeutig schön.

Das Schöne, Schäbige, Schwankende: Romangeschichten

von
Seitenzahl:
596 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta Verlag
Bestellnummer:
978-3-6089-6412-7
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

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