Stand: 02.01.2018 12:40 Uhr

Faszinierendes Berlin-Porträt

Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger Jahre
von Boris Pofalla (Text) und Robert Nippoldt (Grafik)
Vorgestellt von Andrea Gerk

Die Weimarer Republik und die Goldenen Zwanziger Jahre sind seit einiger Zeit wieder schwer angesagt: ob man da an die immense Aufmerksamkeit für die Fernsehserie "Babylon Berlin" denkt oder an die zahlreichen Bücher, die schon erschienen sind oder demnächst erscheinen - wie Volker Weidermanns Fantasie über die Räterepublik, unter dem Titel "Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen" oder Wolfram Eilenbergers Exkurs in "Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 - 1929. Zeit der Zauberer".

Bild vergrößern
In die wunderbaren Zeichnungen von Robert Nippoldt schmiegen sich die Texte von Boris Pofalla zu einem Gesamtkunstwerk hinein.

Sehr kulinarisch, sinnlich und lehrreich zugleich ist ein Buch, das der preisgekrönte Illustrator Robert Nippoldt gemeinsam mit dem Autor Boris Pofalla veröffentlicht hat. "Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger" heißt es.

Wenn Josephine Baker, "Die schwarze Diva", im Berlin des Jahres 1926 einen Nachtklub betrat, hörten die Musiker auf zu spielen und verneigten sich. Die uneheliche Tochter einer schwarzen Waschfrau und eines jüdischen Schlagzeugers verdrehte Künstlern wie Max Reinhardt und Jean Cocteau den Kopf, und obwohl sie nur zwei Monate im Nelson Theater am Kudamm beinahe nackt tanzte, ist sie eine der Legenden des Berlins der 20er-Jahre.

Berlin - eine brodelnde Stadt

Für Robert Nippoldt ist es bereits sein viertes Buch über diese Zeit, die ersten drei beschäftigen sich mit den USA während der 20er-Jahre. Passend zu seinem Thema trägt der in Münster lebende Robert Nippoldt Schiebermütze und Tweed-Weste. Würden er und Boris Pofalla gerne mal mit der Zeitmaschine in diese Ära reisen?

"Wenn die Rückkehr garantiert ist, dann schon!"


"Schnuppern unbedingt, aber es ist natürlich auch eine Zeit der unglaublichen Kontraste gewesen: Glanz und Elend, es gab eine wahnsinnige Armut, die damals herrschte. 80 Prozent der Bevölkerung, denen ging es halt sehr, sehr schlecht, und da will man natürlich nicht gern tauschen", antworten die Autoren.

Zwischen Armut und Glamour

"Die große Armut" heißt ein Kapitel über die weniger glanzvollen Seiten der goldenen Ära. Ernste Kindergesichter schauen einen darauf an, ein Mann steht aufrecht da, mit einem Schild um den Hals, auf dem steht: "Ich suche Arbeit jeder Art!". Schwarz, weiß und champagnerfarben sind die wunderbaren Zeichnungen von Robert Nippoldt, in die sich die Texte von Boris Pofalla so hineinschmiegen, dass die Seiten beweglich und höchst elegant wirken. Alte Lichtreklamen füllen ganze Seiten, Tänzerinnenbeine werden in Garderoben in die Luft gestreckt, Massen-Demos und Einzelschicksale, ob von großen Persönlichkeiten wie Egon Erwin Kisch, Alfred Döblin oder Bertolt Brecht oder den kleinen Leuten von nebenan.

"Wir wollen ein paar Bekannte dabei haben, sei es Marlene Dietrich oder die Comedian Harmonists", sagt Nippoldt, "aber wir wollten auch Charaktere finden, die für den Kenner neu sind, die man heutzutage total vergessen hat. Ein Beispiel ist da Thea Albert; das war so eine Simultankünstlerin, die damals schwer angesagt war und im Wintergarten vor 3.000 Leuten aufgetreten ist. Sie schrieb beispielsweise mit der rechten Hand einen englischen Brief, mit der linken Hand einen spanischen Brief und konnte gleichzeitig noch französisch diktieren."

Wildheit und Zügellosigkeit

Das Brodeln dieser Zeit, ihr Pioniergeist, ihre Wildheit und Zügellosigkeit, wird in Robert Nippoldts Zeichnungen und den pointierten, mit vielen erhellenden Zitaten versehenen Texten von Boris Pofalla greifbar. Fast meint man den Geruch der Kohle und den Schweiß der Tänzerinnen zu riechen, so wie man auch den Sound dieser Zeit beim Blättern und Lesen gleich anhören kann. Denn ganz hinten im Buch steckt eine CD mit 20 Evergreens.

"Was mich daran auch fasziniert", erzählt Pofalla, "wie viel davon heute noch total gültig dasteht. Da ist man total baff und denkt, das ist ja überhaupt nicht veraltet, das wirkt so neu. Das ist, was an den 20er-Jahren so fasziniert, auch in der Literatur, im Journalismus: dass sie eigentlich immer noch ein bisschen zukünftig wirken."

Eine stilprägende Zeit

Das trifft nicht nur auf die großen Reformen dieser Zeit zu. Auch ästhetisch, sagt Robert Nippoldt, sind die 20er-Jahre bis heute stilprägend: "Das ist auch etwas, was mich fasziniert: Man schaut sich die alten Fotografien an - und es ist unglaublich ästhetisch, was damals geschaffen wurde. Bei den Lichtreklamen zum Beispiel, das sind so schöne Schriftzüge. Ich merke das jetzt in der heutigen Buchgestaltung. Ganz viel geht wieder in die Richtung wie in den 20er-Jahren. Gerade ist Handtypografie ja schwer angesagt, es wird viel mit der Hand geschrieben und hat eine solche Dynamik und Unperfektheit. Wenn man sich die Buchcover der 20er-Jahre anschaut - die könnten von heute sein."

Robert Nippoldt und Boris Pofalla haben mit ihrem Buch eine Zeitmaschine geschaffen, ein kleines Gesamtkunstwerk, das einen mit allen Sinnen auf eine faszinierende Reise einlädt, die erstaunlich viel mit unserer heutigen Zeit zu tun hat - ob es dabei um aufziehende Schatten am politischen Horizont einer liberalen Gesellschaft geht oder um unsere ganz geheimen Sehnsüchte.


08.01.2018 10:20 Uhr

Der redaktionelle Titel dieser Rezension wurde geändert, da der ursprüngliche Titel möglicherweise zu Verwechslungen mit einem deutschen experimentellen Dokumentarfilm führen kann, der einen ähnlichen Titel hat.

Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger Jahre

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Hardcover mit Musik-CD, 23,5 x 37 cm
Verlag:
Taschen Verlag
Bestellnummer:
978-3-8365-6319-2
Preis:
49,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.01.2018 | 12:40 Uhr

Mehr über die 20er-Jahre in Deutschland

Jeanne Mammen - Chronistin der 20er-Jahre

Für alle, die Jeanne Mammen noch nicht kennen, ist dieses Buch eine Entdeckung. Sehr detailliert gestaltet, mit persönlichen Fotografien und vielen Aufsätzen, nimmt es mit auf eine Reise. mehr

"Babylon Berlin": Mord und Intrigen in den 20ern

"Babylon Berlin" ist eine Milieustudie der Weimarer Republik: 38 Millionen Euro hat das teuerste Serienprojekt im Deutschen Fernsehen gekostet, eine Koproduktion von ARD und Sky. mehr

Zwischen Weimarer Republik und Drittem Reich

Volker Kutschers Roman "Moabit" ist ein mit Illustrationen von Kat Menschik wunderschön gestalteter kleiner Band, dessen Sprache ebenso überzeugt wie die Ausstattung. mehr

Dichter wollen die Welt regieren

Der Autor und Literaturkritiker Volker Weidermann beschäftigt sich in seinem Buch mit dem aufregenden Jahr 1918, als es nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit hieß: Dichter an die Macht! mehr

Kutschers "nasser Fisch" als Kunstwerk

Der Zeichner Arne Jysch hat sich den Bestseller "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher vorgenommen. Herausgekommen ist ein liebevoll kleinteilig gezeichnetes Kunstwerk. mehr

04:29
NDR Kultur

"Die Schwierigen" von Franz Winter

05.01.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:32
NDR Kultur
04:40
NDR Kultur
04:59
NDR Kultur

Mehr Kultur

17:20
ZAPP

Wilhelm: "Wir eskalieren nicht"

25.04.2018 23:20 Uhr
ZAPP
06:12
ZAPP
06:24
ZAPP