Stand: 19.02.2016 12:21 Uhr

Kinderzimmer-Star wider Willen

von Lutz Pehnert
Grauhaarigr Mann mit Vollbart, der über den Rand seiner Brille schaut © dpa-Report/picture-alliance Foto: Jörg Schmitt
Michael Ende (1929-1995) hat erst posthum erreicht, was er so gern wollte - ein Autor für Groß und Klein zu sein.

Mit seinen fantastischen Helden wurde Michael Ende zum erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegszeit: Jim Knopf und seine Gefährten in Lummerland, die seltsame Momo, die in das Geheimnis der Zeit einzudringen vermag, und Bastian Balthasar Bux, der im Land Phantásien eine unendliche Geschichte erlebt - kaum einer, der sie nicht kennt.

Michael Ende war ein Weltstar der Kinderliteratur. Und doch fühlte er sich bis zu seinem Tod 1995 missverstanden und unterschätzt. Nun schaut die "Zeit"-Journalistin Birgit Dankert einfühlsam auf sein Lebenswerk. "Durch die Arbeit an der Biografie habe ich erst begriffen, dass man ihm Unrecht tut, wenn man ihn nur als Kinder- und Jugendbuchautor sieht", sagt sie. "Denn man versteht auch seine Literatur für Kinder besser, wenn man weiß, welchen großen Rahmen er abgedeckt hat mit seiner künstlerischen Tätigkeit."

Ein Kinderbuchautor, der keiner sein wollte

Ende wollte nie ein Schriftsteller (nur) für Kinder werden, und als er es war, auch nicht sein. 1929 in Garmisch geboren, wuchs er in München auf. Als Teenager schrieb er sein erstes Drama "Denn die Stunde drängt", gewidmet den Toten von Hiroshima. Er studierte Schauspiel, um sich auf diese Weise auf seine eigentliche Berufung vorzubereiten.

"Er interessierte sich sehr für Poetik, für Theatertheorien, denn er wollte Theaterschriftsteller werden, beziehungsweise glaubte er schon als 21-Jähriger, das wirklich zu sein", erzählt seine Biografin. Bis zum Tod sei Endes stetiges Bestreben gewesen, wunderbare symbolhafte Theaterstücke und surrealistische Prosa zu schreiben. Das habe er auch immer getan - "aber er war damit leider nicht so erfolgreich wie mit 'Jim Knopf' und 'Die unendliche Geschichte'".

Michael Ende war 27 und wusste nicht, wie er seine Miete bezahlen sollte - da schrieb er einen Satz: "Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, hieß Lummerland und war nur sehr klein." Daraus wurde schließlich ein dicker Wälzer von 900 Seiten und ein Bestseller.

Die Welterfolge - nur ein "Unfall"

Kleines Mädchen mit Lockenkopf und Mann mit Hut und grauem Anzug. © picture-alliance / dpa
Radost Bokel als "Momo" begegnet einem "grauen Herren" - eine Szene aus der Verfilmung des Kinderbuchklassikers von 1985.

Für ihn selbst war "Jim Knopf" nur ein "Erfolgsunfall". Aber er erfuhr damit eine Popularität, die ihm als Theaterautor weiterhin versagt bleibt. 1973 erschien die Geschichte von "Momo" und ihrem Kampf gegen die grauen Herren, die den Menschen die Zeit abschwatzen und auf Bankkonten sperren. Das Buch wurde ein Welterfolg, übersetzt in 46 Sprachen. In der Bundesrepublik schalten Kritiker den Fantasieroman als apolitisches "Unterhaltungsopium" und Flucht aus der Wirklichkeit.

In der DDR dagegen schätzte man die symbolhaft überhöhte Kapitalismuskritik und verlegte den Roman. Allerdings mit einer Einschränkung, wie Birgit Dankert berichtet: "Da gibt es ja dieses charismatische Mädchen und den Fremdenführer, die Geschichten erzählen - eine der Episoden handelt von Marxentius Communus und erläutert den Marxismus auf eine sehr poetische Art und Weise. Aber er wird kritisch dargestellt, als eine Bewegung, die alle gleichmacht, gleich arm, und die wirklich keine Zukunft hat. Das wurde in der DDR-Ausgabe mit Zustimmung von Michael Ende herausgestrichen."

Flucht nach Italien

1970 zog Michael Ende nach Italien, entfloh den zermürbenden Vorwürfen der westdeutschen Literaturkritik gegen seine fantastischen Geschichten. Hier lebte er mit der Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, die er 1964 geheiratet hatte. Was er in der Nacht geschrieben hat, las sie ihm am Morgen vor. Sie war seine strengste Leserin: "Sie hatte ein Gefühl für die Musik der Sprache", sagt Dankert. "Und sie las diese Texte mit ihrer wunderbaren tiefen dunklen Stimme vor und zeigte ihm sofort, wo der Klang der Sprache nicht stimmte und daher auch nicht das Bild, das er benutzte."

So entstand "Die unendliche Geschichte", der Roman über einen traurigen Jungen, der in einem Buch verloren geht und von diesem geheilt wird. 113 Wochen hielt er den Spitzenplatz auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Bestseller sind nicht gerade die Bücher, die Michael Ende schätzt. Die Verfilmung geriet zu einem 60-Millionen-Dollar-Fantasy-Kitsch. Michael Ende empfand sie als schauderhaft und prozessierte dagegen.

Ein Märchen auch für Große

Birgit Dankert © WBG
Kinder- und Jugendliteratur ist der Schwerpunkt der emeritierten Professorin und Publizistin Birgit Dankert.

Seinem eigenen Ruhm jedoch schadete sie nicht. Er wollte von Erwachsenen wahrgenommen werden, sagt Dankert, und das werde er auch inzwischen, weil seine "Unendliche Geschichte" und ähnliche Dystopien anderer Autoren, die nachfolgten, ein Lesepublikum von 12 bis 42 gefunden hätten. "Da verwirklicht sich sein Traum auf eine merkwürdige zeittypische Weise, die er nicht voraussehen konnte, die ihm aber ganz gut gefallen hätte", meint die Autorin.

Posthum hat Michael Ende erreicht, was er sich als Anerkennung schon zu seinen Lebzeiten gewünscht hätte: ein Autor für alle zu sein.

Birgit Dankert hat sich tief in das Leben und Werk dieses Mythenschöpfers gegraben. Sie erzählt davon in einer angenehmen Klugheit. Ihre Biografie ist auch eine Lektion, die davon handelt, wie schwierig es ist, der zu sein, der man ist - und nicht der, der man sein will.

Michael Ende - Gefangen in Phantásien

von Birgit Dankert
Seitenzahl:
312 Seiten
Genre:
Biografie
Verlag:
Lambert Schneider Verlag
Bestellnummer:
978-3650401229
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 24.02.2016 | 00:00 Uhr

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