Stand: 11.04.2019 11:00 Uhr

Stiller Kampf gegen das Patriarchat

Die Geschichte der schweigenden Frauen
von Bina Shah, aus dem Englischen von Annette Carpentier
Vorgestellt von Amelia Wischnewski
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"Die Geschichte der schweigenden Frauen" ist ein Science-Fiction-Roman mit tiefgründigem feministischen Hintergrund.

Was fehlt dem südasiatischen Land Pakistan derzeit am meisten? Feminismus! Das ist die Antwort der Journalistin und Schriftstellerin Bina Shah. Mit dem Science-Fiction Roman "Die Geschichte der schweigenden Frauen" wurde zum ersten Mal eines ihrer Bücher ins Deutsche übersetzt. Vier Romane und zwei Kurzgeschichten-Bände hat die 47-Jährige bisher auf Englisch geschrieben. Nach einem Studium in den USA lebt Bina Shah nun wieder in Pakistans Millionenmetropole Karatschi.

"Wir Frauen in Pakistan leben ein Leben als Bürger zweiter Klasse in unserer eigenen Heimat", sagt Bina Shah in einem Vortrag bei einem Event der Innovations Konferenz TED. Beim Feminismus ginge es nicht darum, Männer zu hassen oder westliche Werte über die pakistanischen zu stellen. "Feminismus ist die Bewegung, die auf Missstände aufmerksam macht und uns eine Stimme verleiht. Pakistan braucht mehr Feminismus, damit wir ein besseres Pakistan schaffen können."

Bina Shah: Geprägt von Orwells "1984"

Bina Shah spricht in diesem Vortrag über ihr Herzensthema. Ihr dystopischer Roman ist eine Parabel über das Leben von Frauen in repressiven muslimischen Ländern überall auf der Welt. Als Zwölfjährige las sie George Orwells "1984". Laut der Autorin ein massiver Einschnitt in ihr Leben. "Die Geschichte der schweigenden Frauen" ist ihre zentralasiatische Antwort auf Orwells Meisterwerk:

"Ich schleiche mich lautlos die Treppe hinunter und zum Ausgang des Luxusblocks, in dem Joseph lebt. Meine Schritte hallen aber wie Schüsse auf dem Marmorboden. [...] Der Goldstaub, den ich aufgetragen habe, verhindert, dass die Scanner der Sicherheitsanlage meine DNA erfassen. Somit werden auch die Videokameras nicht aktiviert, und ich kann niemals identifiziert werden, wenn ich Gebäude in Green City betrete oder verlasse." Leseprobe

Bina Shahs literarische Stimme bringt die zerstörerische Wirkung der Geschlechterselektion in Pakistan, Indien und China auf einen poetischen Punkt: auf die fehlende Intimität zwischen Männern und Frauen.

Feministische Rebellinnen agieren aus dem Untergrund

In ihrer Dystopie hat sich eine Handvoll Rebellinnen der technokratischen Diktatur von Green City entzogen, um einer Zukunft als Gebärmaschine zu entfliehen. Die Anführerin Ilona Serfati hat ihren Nachkommen Tonbandaufzeichnungen hinterlassen:

"Die Panah gibt es schon seit dreißig Jahren, also haben unsere Verbündeten uns niemals verraten, und vielleicht wird das auch niemals geschehen. Die Panah wird weiter bestehen, solange es eine Nachfrage danach gibt, solange Männer Frauen brauchen - und das bedeutet bis in alle Ewigkeit. [...] Oberirdisch sind wir bloß Frauen, aber hier unten, in der Panah, sind wir wieder zu Menschen geworden." Leseprobe

Die Panah ist der unterirdische Zufluchtsort der Frauen. Sie gehen nur raus, um reichen Männern beim Einschlafen zu helfen. Tröstende Nähe - aber kein Sex. Das ist die Regel. Die Charaktere verkaufen das, was man in der Wissenschaft als emotionale Arbeit oder auch "Care Work" bezeichnet. Erst mal ein interessanter Gedanke, tun Frauen diese Arbeit heutzutage doch häufig umsonst oder für nur wenig Geld: wenn sie Kinder pflegen, Partner umsorgen oder in unterbezahlten Jobs wie Erzieherin arbeiten.

Protagonistinnen entwickeln wenig eigene Kraft

Doch leider setzen Shahs Figuren diese Ressource nur dazu ein, um Männer von sich abhängig zu machen. Eine eigene Kraft entwickeln die Protagonistinnen kaum. Einziger Lichtblick ist eine Biochemikerin, die es geschafft hat, einen unterirdischen Garten in der Panah anzulegen.

Die Geschichte wird von den männlichen Figuren vorangetrieben. Das ist schade, weil es inkonsequent ist. Bina Shahs futuristisches Zerrbild ist trotz seiner Fehler relevant und lesenswert. Wenige Genres sind derzeit so im Kommen wie feministische Science-Fiction. Erst kürzlich hat sich ein Millionen-Publikum bei der erneuten Verfilmung von Margaret Atwoods "The Handmaid’s Tale" gegruselt. Der Roman von 1985 scheint aktueller denn je: Was passiert, wenn religiöse Fanatiker oder rechte Spinner die Zeit vor die Gender-Debatte zurückdrehen und Frauenrechte zerstören?

Bei Bina Shah ist ein Atomkrieg der Auslöser. Es folgen Notstandsgesetze und eine Obrigkeit, die keinen Widerspruch duldet und demokratische Freiheit nicht kennt. Ein ungewöhnlicher Debattenbeitrag zu aktuellen Entwicklungen. Interessant ist auch der kleine Verlag Golkonda, der mit der aufwendigen Gestaltung der deutschen Ausgabe und mit seiner erlesenen SciFi-Kollektion Liebe zum Genre beweist.

Die Geschichte der schweigenden Frauen

von
Seitenzahl:
360 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Golkonda
Bestellnummer:
978-3-9465-0394-1
Preis:
22,00 €

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