Stand: 13.01.2017 11:26 Uhr  | Archiv

Zu unrecht vergessen: der Fotograf Sid Grossman

von Claudio Campagna

Der Name Sid Grossman dürfte heutzutage nur wenigen bekannt sein. Grossman war aber ein großer Mann in der Geschichte der Fotografie; in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat er als Lehrer und Vorbild viele Fotografen geprägt. Vor allen Dingen seine Bilder aus den Straßen New Yorks haben ihn zu Lebzeiten berühmt gemacht. Nach seinem Tod jedoch ist Grossman weitgehend in Vergessenheit geraten. Der Fotoband "The Life and Work of Sid Grossman", im Steidl Verlag erschienen, bietet nun eine Einführung in sein Werk und Leben.

Realismus als oberstes Ziel

Es ist ein Bild unbeschwerter Ausgelassenheit, das den Band eröffnet: Zwei junge Männer und eine Frau stecken lachend die Köpfe zusammen. Sie kauern leicht bekleidet im Sand; jemand hat eine Decke und die Arme um alle drei gelegt. Von der Seite ragt schräg ein Gitarrenkopf ins Bild. Der Hintergrund ist kaum zu erkennen. Denn Sid Grossman geht ganz dicht an die Szene heran. Mit seiner Kamera steht der Fotograf nicht irgendwo am Rand. Er ist mittendrin.

"In der Photographie geht Ausdruck Hand in Hand mit Verstehen. Wer sich ausdrücken möchte, muss durchdringen", hat Sid Grossman in einem seiner Seminare gesagt. Selbst ein Autodidakt, zählte er 1930 zu den Mitbegründern der Photo League - gleichzeitig Schule und Club für Foto-Fans. Realismus war oberstes Ziel in der Photo League; und davon zeugen auch Sid Grossmans frühe New-York-Serien.

Dokumentation des Wandels

Er dokumentiert den Wandel des Stadtteils Chelsea, die Folgen der Industrialisierung. Auf einem Bild verheißen im Hintergrund die ersten Wolkenkratzer Erfolg und Reichtum. Angekommen ist beides in den schäbigen Mietskasernen auf vielen der Bilder aber noch nicht.

Grossman porträtiert das Schwarzen-Viertel Harlem und die Menschen, die dort leben: Den Straßenverkäufer mit Schiebermütze, der behutsam Knollen in Papier einwickelt; mitgenommen aussehende Schuhputzjungen oder Kinder, die auf der Tribüne eines Schwimmbads in der Sonne liegen. Immer wieder pickt er sich einzelne Figuren heraus: Eine Dame in knielangem Rock und modischem Hut, die mit angespanntem Mund zur Seite schielt. Oder ein Mädchen, auf der Straße hockend, das in ein Abrechnungsbuch kritzelt und herausfordernd in die Kamera blickt. Öfter sehen Menschen zum Betrachter, also zu Grossman hin; er fotografierte ganz offen, quasi im Austausch mit den Porträtierten.

Ziellose Arbeiten sind größtenteils Imitationen. Etwas Eigenes geht immer aus einem lebendigen Kern und leidenschaftlicher Erfahrung hervor.

Bilder voller Energie

In den späten 40er-Jahren erreicht Grossmans Schaffen seinen Höhepunkt. Er bleibt dem dokumentarischen Ansatz treu, beginnt aber noch stärker eine persönliche, künstlerische Handschrift zu entwickeln. Seine Bilder stecken jetzt voller Energie. Grossman sucht sie, dort, wo Menschen sich versammeln, in ihren Gesichtsausdrücken, Gesten und Gebärden.

Er flaniert durch Coney Island: Seine Bilder von dem New Yorker Vorstadtstrand zeigen ein Panorama ganz gewöhnlicher Leute in ihren glücklichsten Stunden. Da balgen Kinder im Sand; schöne junge Menschen necken und herzen sich in bieder gemusterter Badekleidung. Teenager treiben Sport oder posieren fürs Foto, rundliche Damen mit Badekappen tuscheln im angeregten Zwiegespräch.

Die Mulberry Street in Little Italy beim San-Gennaro-Fest. Der Beobachter mit Kamera fotografiert Mädchen und junge Frauen, die sich für den Anlass aufgebrezelt haben, Großmütter und Enkel vor den dicken Salamiwürsten eines Fleischgeschäftes, süditalienisch aussehende Charakterköpfe.

Eines der wichtigsten Ziele ist es die Erscheinung zur durchdringen und herauszufinden, was daran am echtesten und bedeutsamsten ist.

Eindringliche Künstlerfotos

Auch bei seinen Porträts bekannter Folk- und Blues Musiker bemüht sich Grossman um äußerste Nähe.

Die Aufnahmen sind eindringlich: Big Bill Broonzys Narbe neben dem rechtem Auge ist zu erkennen, die Poren seiner schweißglänzenden dunkeln Haut. Sonny Terry wirkt wie ein Seher, der aus seiner Mundharmonika ein geheimes Wissen saugt.

Am 31. Dezember 1955 erleidet Sid Grossman einen Herzanfall. Er ist gerademal 42 Jahre alt. Der Band "The Life and Work of Sid Grossman" würdigt - leider nur auf Englisch - Leben und Werk dieses zu Unrecht Vergessenen. Seine großartigen Fotografien von Menschen in ihren Milieus, von Festen und Straßenszenen - sie erschließen sich jedem und sind immer noch beeindruckend.

The Life and Work of Sid Grossman

von Keith F. Davis (Herausgeber), Sid Grossman (Autor)
Seitenzahl:
252 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Steidl
Bestellnummer:
978-3958291256
Preis:
48 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 15.01.2017 | 17:40 Uhr

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