Stand: 16.06.2019 12:40 Uhr

Dokumentation einer ungleichen Beziehung

Letzte Liebe
von Bettine von Arnim
Vorgestellt von Tobias Wenzel

Zweimal wollte Bettine von Arnim ihren Briefwechsel mit dem Studenten und späteren Juristen Julius Döring und damit die Liebesgeschichte der beiden veröffentlichen, zweimal wurde daraus nichts. Lange schlummerten die Briefe im Besitz der Familie von Arnim und dann in einem Archiv in Frankfurt.

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Der Briefwechsel zwischen von Arnim und Döring ist erschreckend frei von Humor.

In den 60er-Jahren wurden zwar die meisten Briefe von Bettine von Arnim veröffentlicht, allerdings nicht die Briefe des Studenten. Auch konnte diese wissenschaftliche Edition kein breites Publikum erreichen. Das hat nun die Andere Bibliothek geändert. Zum ersten Mal erscheint der fast vollständig erhaltene Briefwechsel: "Letzte Liebe. Das unbekannte Briefbuch".

"Wir alle gehn in der Irre und im Dunkel: Dann kommt plötzlich ein Licht, und erhellt unsere Wege." Leseprobe

Liebe zu einem deutlich älteren Partner

Fanpost von vor 180 Jahren: Der Berliner Jurastudent Julius Döring schildert im Januar 1839 in einem Brief an Bettine von Arnim, was ihr Buch "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" in ihm ausgelöst hat. Ihr Briefwechsel mit Goethe, den von Arnim nach dessen Tod stark bearbeitet veröffentlichte, und die Möglichkeit des tief empfundenen Dialogs zwischen den Generationen begeisterten damals viele junge Leser.

Döring imitiert in seinem Schreiben geschickt den Ton des Briefbuchs - und Bettine von Arnim reizt offensichtlich das Spiegelbildliche: Mit Anfang 20 verwickelte sie den von ihr abgöttisch geliebten, 36 Jahre älteren Goethe in einen Briefwechsel. Nun schreibt ihr ein Student, der 32 Jahre jünger ist als sie, genauso schwärmerisch.

Der Briefwechsel ist eine große Entdeckung

Döring und von Arnim gehen vom Sie zum Du über. Er besucht sie und gesteht ihr bald seine Liebe in einem Gedicht. Nach erstem Zögern lässt sie, die Witwe, Küsse zu. Aber schon wenige Tage darauf verlässt Döring Berlin, um in der Provinz seine Juristenausbildung fortzusetzen. Die Beziehung wird wieder ausschließlich schriftlich. "Letzte Liebe", der nun erschienene Briefwechsel der beiden, ist eine große Entdeckung.

"Ja wir sind glücklich wir beide Thautruncknen", schrieb von Arnim. Obwohl der Briefwechsel erschreckend frei von Humor ist und die beiden in ihren metaphernreichen Texten recht eitel auf eine mögliche Veröffentlichung schielen, ist man als Leser berührt vom Überschwang der Liebe und fühlt mit, wenn der eine Partner sich nach einem neuen Brief des anderen sehnt.

Allerdings vergaß Bettine von Arnim selbst in der Liebe ihre Rolle als intellektuelle Mentorin Dörings nicht. Sie glaubte, Großes in ihm zu erkennen, einen Dichter und Revolutionär vielleicht, jedenfalls keinen Juristen. So schrieb sie ihm im Mai 1839: "Während ich dir predige Du sollst die ganze Welt an dich reißen, so schmiegst du dich gleich vorne herein in den Ruhesessel der Entsagung - er ist bequem nicht wahr?"

Von Arnim will den Briefwechsel veröffentlichen

Julius Döring veröffentlichte ein paar Gedichte und Bettine von Arnim machte ihn auf einer gemeinsamen Reise nach Kassel - für beide ein glückliches Wiedersehen - mit den Brüdern Grimm bekannt. Aber Döring fehlte der Mut, um seine Juristenlaufbahn aufzugeben. Bettine von Arnim politisierte ihn allerdings erfolgreich und sensibilisierte ihn für das Armutsproblem in Preußen.

Er wurde sogar später Parlamentarier, ein glühender und mutiger Demokrat. Da war die Korrespondenz allerdings schon einseitig geworden, wozu auch eine antisemitische Entgleisung Dörings beigetragen hatte. Von Arnim hatte, unterstützt von einer Lüge, mit der sie Dörings Eifersucht provozierte - so deutet es der Herausgeber Wolfgang Bunzel in seinem aufschlussreichen Nachwort -, Döring ihre Briefe erfolgreich abverlangt, um sie in einem Buch mit dem Titel "Letzte Liebschaften" zu veröffentlichen.

Zum Schluss ignoriert von Arnim Dörings Briefe

Dazu kam es aber nicht. Seine flehenden Bitten, ihm ihre Briefe zurückzuschicken, ignorierte sie einfach und beraubte ihn so der Belege ihrer gemeinsamen Liebe, die für von Arnim mittlerweile beendet war. Ohne diesen egoistischen Akt wären ihre Briefe an Döring heute allerdings verschollen.

Im März 1849 schrieb ihr Döring noch ein letztes Mal. Wegen seines politischen Engagements wurde er als Jurist herabgestuft und sollte ohne Bezahlung arbeiten.

"Sollte es dir bei deinen Bekanntschaften und Verbindungen nicht möglich sein, mir ein vorläufiges Unterkommen zu verschaffen?" Leseprobe

Bettine von Arnim reagierte auf seinen Hilferuf nur mit Schweigen, so wie Goethe schließlich nicht mehr auf ihre Briefe geantwortet hatte.

Letzte Liebe

von
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Ediert, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Wolfgang Bunzel, Schlaufe mit Hochprägung, floral bedruckter Einband. Fadenheftung, Lesebändchen. Nummeriert, limitiert.
Verlag:
Die Andere Bibliothek
Bestellnummer:
978-3-8477-041-33
Preis:
42,00 €

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