Stand: 10.02.2018 15:40 Uhr

Aus dem Nachlass von Hildebrand Gurlitt

Bestandsaufnahme Gurlitt
von Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH / Kunstmuseum Bern
Vorgestellt von Lenore Lötsch

Es ist ganz sicher der heikelste Bilderfund der deutschen Nachkriegsgeschichte. Was da vor sechs Jahren, im Februar 2012, Zollfahnder in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt und später in seinem Haus in Salzburg beschlagnahmten, hatte in der Öffentlichkeit schnell einen Stempel: Nazischatz!

Zeitungen überschlugen sich mit sensationslüsternen Schlagzeilen. Noch bis Anfang März werden Teile der Gurlitt -Sammlung in der Bundeskunsthalle in Bonn und im Kunstmuseum in Bern erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. Dazu ist ein Katalog erschienen mit dem Titel "Bestandsaufnahme Gurlitt".

Prachtstücke des Expressionismus

Ein Krimi aus Kunsthändlerkreisen

Natürlich geht es um die Kunst in diesem Buch, aber sie schafft es nicht, sich zu lösen von dieser Geschichte, diesem Krimi, das macht schon der Einband klar.

Claude Monets "Waterloo Bridge" aus dem Jahr 1903 ist eine trübe, grau-bläuliche Abrechnung mit der Moderne: die rauchenden Londoner Industrieschlote im Hintergrund, das Gewimmel der Ameisenmenschen auf der Brücke. Hier hat der Impressionist Monet sich als Skeptiker vor die Leinwand gestellt. Doch der goldene Rahmen mit dem Bild hängt an einem Gitter, wie es in Museumsdepots verwendet wird. Und so sehr die von Monet geschaffene Stimmung es auch versucht - man kann die akkuraten Quadrate, die die Gitter bilden, nicht ausblenden, man wird sie nicht vergessen. Hier, in der "Bestandsaufnahme Gurlitt" geht es in erster Linie um die Katalogisierung, um die Rekonstruktion der Geschichte und der Besitzer hinter den Bildern.

Unübliche Zusammenstellung der Werke

Fast 300 Werke, die auch in den Ausstellungen in Bern und Bonn gezeigt werden, führt der Katalog im Bildteil auf, und er hält sich dabei strikt an das Alphabet: Ein Früchtestillleben aus dem 17. Jahrhundert von Willem van Aelst trägt die Nummer 1. Ein Farbholzschnitt auf Japanpapier von Jukodo Yoshikuni aus dem Jahr 1814 die Nummer 296. Man muss sich einlassen auf diese zufälligen Begegnungen, die kein Kurator, kein Museum so zusammenstellen würde.

Doch der Zufall schafft auch Entdeckungen, erzählt Geschichten: Sehnt sich die junge Frau aus dieser dekadenten Szenerie eines Strandcafés in der Gouache von Max Beckmann nicht direkt auf die andere Seite des Buches, in die getupfte blaugrüne Naivität eines Landschaftsbildes von Camille Bombois?

Man springt durch die Kunstgeschichte, man bleibt hängen an den zwielichtigen Berliner Typen der Aquarelle von George Grosz, man entdeckt die kraftvollen expressionistischen Zeichnungen von Cornelia Gurlitt, der Schwester von Hildebrandt Gurlitt. Doch es bleibt die Frage: Was erzählt dieses Sammelsurium? Geht es am Ende in der Sammlung trotz großer Namen vor allem um die Lagerbestände eines Kunsthändlers? Hildebrand Gurlitt war vieles: ein Museumsmann - in Zwickau, ein Kunsthändler - in Hamburg, ein Profiteur - in Paris, einer der gerissensten Händler im Nazi-Kunstbetrieb.

Ein zwiespältiges Erbe

Gurlitts Tochter Benita schrieb ihrem Bruder Cornelius 1964: "Und was wurde aus seiner Sammlung? Freust du dich überhaupt manchmal an dem, was Du davon in Salzburg hast? Sein persönlichstes, wertvollstes Erbe hat sich, so scheint mir manchmal, für uns in die dunkelste Belastung verwandelt. Mir wird jedesmal Angst, wenn ich nur daran denke. Was hier steht, ist im Grafik-Schrank eingeschlossen oder hinter Vorhängen mit Reißzwecken eingesperrt - niemand sieht es, niemanden freut es. Man denkt dabei an Steuerfahndungen, Kriegsgefahr, Familienkräche…"

Auch im Jahr 2018 ist die Freude an den Bildern eingeschränkt. Man sieht sie, lange hat man darauf gewartet, doch die Informationen neben jedem Bild, darüber wann es wer erworben hat, lassen sich nie ausblenden.

Das Buch "Bestandsaufnahme Gurlitt" erzählt vielstimmig in 20 Aufsätzen von den Mühen, Sackgassen und immer neuen Fragen der Provenienzforschung. Unerklärlich bleibt, warum die Kunsthistoriker nicht anhand eines markanten Beispiels die zahlreichen Stempel, Nummerierungen und Aufkleber auf der Rückseite der Rahmen auch bildlich dokumentieren und damit den Weg eines Gemäldes durch die Wirrungen des 20. Jahrhunderts nachzeichnen.

Dennoch zeigt dieser Bildband eindringlich: Provenienzforschung ist eine Kernaufgabe von Museen und Universitäten - vor allem im Bereich der Kunst voller Begehrlichkeiten, Schuld und monetärer Verstrickungen.

Bestandsaufnahme Gurlitt

Seitenzahl:
344 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Beiträge von L. Bächer, A. Bambi, A. Baresel-Brand, M. Frehner, H. Gramlich, A. Heuß, H. Hoffmann, M. Hopp, S. Koldehoff, G. Kreis, M. Leifeld, A. Lulinska, N. Neumann, L. Philipp-Hacka, B. Schwarz, Y. Shendar, S. Steinberg, B. O. von Husen - 480 Abbildungen in Farbe, 24 x 28 cm, gebunden
Verlag:
Hirmer Verlag
Preis:
29,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.02.2018 | 17:40 Uhr

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