Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau etc." © Klett-Cotta

Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau etc."

Stand: 09.02.2021 16:26 Uhr

Bernardine Evaristo offenbart Generationen-Konflikte und interne Grabenkämpfe innerhalb von Bewegungen, die sie selbst als Aktivistin kennengelernt hat.

Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau etc." © Klett-Cotta
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von Alexandra Friedrich

"Ein beeindruckender, leidenschaftlicher Roman über das Leben schwarzer britischer Familien, ihre Kämpfe, Schmerzen, ihr Lachen, ihre Sehnsüchte und Lieben." So beschreibt die Jury des Booker-Preises Bernardine Evaristos "Mädchen, Frau etc.". Für ihren Roman wurde sie 2019 als erste schwarze Schriftstellerin mit dem Booker-Preis ausgezeichnet.

Zwölf ganz unterschiedliche, aber dennoch miteinander verbundene Lebensgeschichten breitet sie auf mehr als 500 Seiten aus.

dann lag sie plötzlich flach, das feuchte Gras am bloßen Rücken, an Armen und Beinen, sie wollte schlafen, fünf selige Minuten nur, spürte, wie ihr die Augen zufielen, und als sie sie wieder aufmachte, sah sie nichts mehr, die Augen waren ihr verbunden worden,
wo waren denn ihre Kleider hin?
dann war ihr Körper nicht mehr ihrer
er gehörte jetzt ihnen Leseprobe

Gewalt, Verachtung und Unterdrückung

Wenn die 13-jährige Carole in ihrem ersten Alkoholrausch von Mitschülern immer wieder vergewaltigt wird, ist das eine der drastischsten Schilderungen von Gewalt in "Mädchen, Frau etc.". Aber die Erfahrung von Verachtung, Abwertung, Unterdrückung, Verletzung - in unterschiedlicher Form und Intensität - teilen alle Protagonistinnen in Bernardine Evaristos Roman. Dennoch ist keine einzige der zwölf Biografien zumeist schwarzer Frauen eine reine Opfergeschichte.

Häufiger sind es Erzählungen von Selbstfindung und -ermächtigung, auch im Fall von Carole: Der sexuelle Missbrauch wird für sie zu einem Erweckungsmoment der schmerzhaftesten Art, in dessen Folge sie ihrem zuvor ziellosen Leben eine Richtung gibt.

Selbstfindung und Entwicklung

Auch wenn einige der Männerbilder im Buch gelinde gesagt unvorteilhaft sind, ist Bernardine Evaristos Narrativ deutlich komplexer als "Frauen sind die Guten, Männer die Bösen". Auch die "Täterinnenschaft" kommt vor: Da ist etwa die radikalfeministische, separatistische Lesbe Nzinga, die überall die Gefahren der patriarchalen Unterdrückung wittert, aber ihre eigene Partnerin entmündigt.

Sie will deren Namen durch den der Frauenrechtlerin Sojourner Truth ersetzen. "Es wird die feministische Erweckung deines neuen Ichs". Und ihr verbieten, Bücher von Männern zu lesen. "Du kannst doch kein womanistisches Leben führen und dabei männliche Stimmen im Kopf haben, Sojourner!" Im Namen des Feminismus rasiert sie ihr den Kopf kahl, sperrt sie ein und misshandelt sie.

Feministinnen unterschiedlichster Richtungen

Einige der zentralen Figuren definieren sich als Feministinnen, aber leben diese Rolle ganz unterschiedlich. Amma ist eine freizügige und freigeistige, lesbische Theatermacherin in London, deren neues Stück über afrikanische Amazonen als "urfeministischer Schocker" gefeiert wird. Von ihrer selbstbewussten Tochter Yazz muss sie sich aber als gestrig betiteln lassen.

Feminismus ist doch voll die Herdennummer, ganz ehrlich, heute ist es sogar schon durch, noch eine Frau zu sein, ich denke, in Zukunft sind wir irgendwann alle nicht-binär, weder männlich noch weiblich, was ja alles sowieso nur Genderperformance ist, und das heißt dann auch, Mumsy, dass deine Frauenpolitik überflüssig wird. Leseprobe

Die Lebenswelt von Amma und Yazz ähnelt jener der Autorin und trotzdem - oder gerade deshalb - bekommt deren vorgeblich so aufgeklärtes und tolerantes Umfeld sein Fett weg.

Auch Frauen, die mehr oder weniger traditionelle Geschlechterstereotype erfüllen, kommen in "Mädchen, Frau etc." vor (wie die latent homophobe und langweilige Lehrerin Shirley oder die Supermarkt-Mitarbeiterin LaTisha mit drei Kindern von drei verschiedenen Männern). Am prägnantesten aber sind Bernardine Evaristos Einblicke in queere Lebenswelten.

Die Autorin bricht Klischees und stiftet Verwirrung

Gender wie Trans*frau oder Trans*mann und nicht-binär leuchteten ihr ein, von anderen platzte einem aber echt der Kopf, quivergender zum Beispiel - eine Genderidentität, die in ihrer Intensität fluid war - , polygender - die mehrere Geschlechtsidentitäten umfasste - oder staticgender - so was wie das weiße Rauschen im Fernsehen - und wie kann man seine Geschlechtsidentität denn mehrmals am Tag wechseln, wie die synchgender-Leute behaupten? Leseprobe

Bernardine Evaristos kleine Lektionen in Gender-Forschung funktionieren ohne Bierernst oder gar erhobenen Zeigefinger. Ihre bevorzugten Instrumente sind Witz und Ironie. Wenn die Autorin Klischees nutzt, dann überzeichnet sie sie oder bricht sie umgehend, um Verwirrung zu stiften. Bernardine Evaristo setzt mit ihrem Buch Ambiguität und Ambivalenz ein Denkmal. Nichts ist klar, nichts eindeutig. Aber für diejenigen, die das aushalten können, sei dies eine klare und eindeutige Lese-Empfehlung.

Mädchen, Frau etc.

von Bernardine Evaristo, aus dem Englischen von Tanja Handels
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Tropen bei Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-50484-2
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

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