Stand: 28.05.2020 10:13 Uhr  - NDR Kultur

Geheimnisverrat im Staate Liechtenstein

Für immer die Alpen
von Benjamin Quaderer
Vorgestellt von Benedikt Scheper

Lichtenstein ist ein kleines Land auf der Karte und auch in der Weltliteratur eher übersichtlich vertreten. Doch ein junger Autor hat mit seinem ersten Roman nun seiner Heimat ein - allerdings zweifelhaftes - Denkmal gesetzt.

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Quaderers Erstlingsroman spielt in Liechtenstein, dem - ehemaligen? - Paradies für Steuerhinterzieher.

"Für immer die Alpen" heißt der rund 600 Seiten umfassende Roman und beschreibt einen untergetauchten Bank-Datendieb. Interessierte fühlen sich erinnert an reale Vorbilder. Auch der Schriftsteller Benjamin Quaderer selbst gibt an, von dem Mann inspiriert worden zu sein, der geheime Konten an deutsche Behörden verkaufte und damit unter anderem den damaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel zu Fall brachte.

"Mein Name war einmal Johann Kaiser. Wahrscheinlich haben Sie von mir gehört." Selten schafft es der erste Satz eines Romans, Leser auf Anhieb zu faszinieren, Spannung zu erzeugen und die Erzählsituation zu erklären.

Die Lebensbeichte eines Datendiebs

Hier schreibt, fabuliert und rechtfertigt sich ein selbsternanntes Opfer der Gesellschaft. Enttäuscht von der Welt, lebt ein Mitte Fünfzigjähriger an einem anonymen Ort und berichtet über seine unglaubliche "Karriere" als Datendieb in einer Bank.

Denn diese Geschichte, meine Geschichte, ist alles, was mir geblieben ist, um mich gegen diejenigen zu verteidigen, die mich tot sehen wollen. Eine angenehme, aber aufrüttelnde Lektüre wünscht ihr Johann Kaiser. Leseprobe

Ausführlich schildert der Erzähler seinen Weg auf die schiefe Bahn. Eine prekäre Kindheit, die Sehnsucht nach sozialem Aufstieg und schließlich die Möglichkeit. Biografische Kosmetik ist sein Schlüssel zu höheren Kreisen.

Auf Rachefeldzug gegen die Reichen und Mächtigen

Doch ausgerechnet die schlagen nach beruflichen Patzern des trügerischen Beraters erbarmungslos zurück. Als eine reiche Familie Johann Kaiser wegen gescheiterter Geschäfte in Argentinien foltern lässt, schwört er Rache und ermutigt sich selbst.

Wenn sie dir nicht geben wollen, was dir rechtmäßig zusteht, musst du es dir eben nehmen. Egal, was die anderen sagen. Du bist schön, Johann. Du bist aus Gold. Vergiss das bitte nie. Leseprobe

Johann Kaiser wird es nicht vergessen, sondern seinen Rachefeldzug führen, gegen Menschen und Modelle der Finanzwelt, letztlich gegen einen Gesellschaftsentwurf. Die Alpen - mehr als eine profane Kulisse der Steueroase, sondern das Biotop ihrer Gegner.

Gut erzählte Geschichte mit Referenzen an Günter Grass

Der Plot ist trotz Längen gut erzählt. Intermediale Referenzen, wie in der Pop-Literatur üblich, schmücken das Werk - wie eine Hommage an Günter Grass' gesellschaftskritischen Außenseiter Oskar Matzerath. Am interessantesten sind die Passagen der Selbstreflexion, gerade weil sie authentisch sein könnten.

Ich befand mich an einem ortlosen Ort in einer zeitlosen Zeit und sah, während ich sprach, die Jahre, die ich durchlebt, und die Orte, an denen ich gewesen war, an mir vorbeiziehen. Nichts tat mehr weh. Als läge der Zweck meines Lebens, all die Strapazen, durch die ich gegangen war, in diesen fünfzehn Minuten. Leseprobe

Der Text ist eine moderne Mischung aus Schelmen- und Entwicklungsroman, wie so oft, wenn ein Hochstapler im Fokus der Erzählung steht. Sowohl inhaltlich als auch formal.

Einerseits hat der Protagonist die klassischen Attribute - er ist gerissen, bauernschlau, größenwahnsinnig. Andererseits kommuniziert der unzuverlässige Ich-Erzähler, wie schon Felix Krull, direkt mit dem Leser, um Sympathien zu lenken.

Die formalen Spiegelfechtereien sind etwas störend

In einer Passage übertrifft Quaderer sogar literarische Traditionslinien, indem er es seiner Hauptperson ermöglicht, selbst Fremdbewertungen zu kritisieren. So analysiert ein Kriminalpsychologe auf rund vierzig linken Buchseiten in roter Schrift den Helden während der auf den rechten Buchseiten seine Gegenrede in schwarz formuliert, wie bei einem fiktiven Roman.

So heißt es links:

"Was sie in den letzten fünf Monaten erlebt haben, erlebt ein anderer in einem ganzen Leben nicht. Haben Sie jemals daran gedacht, einen Roman zu schreiben?" Leseprobe

Und rechts:

"Dass er mich meiner Geschichte berauben würde, um sie in seinem Namen zum Besten zu geben, konnte ich noch nicht wissen." Leseprobe

Layout und Druck avancieren hier zur Performance, fungieren mit Textschwärzungen und Fußnoten als zweite Inszenierung des Erzählten. Das ist stilistisch interessant, aber weder neu noch besonders leserfreundlich. Doch auch wenn die vermeintlich innovativen, formalen Spiegelfechtereien eher stören, ist der Roman insgesamt gelungen.

Für immer die Alpen

von
Seitenzahl:
592 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87613-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.05.2020 | 12:40 Uhr

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NDR Kultur

Benjamin Quaderer: "Für immer die Alpen"

29.05.2020 12:40 Uhr
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Benjamin Quaderer erzählt von einem untergetauchten Lichtensteiner Bank-Datendieb. Der Text ist eine moderne Mischung aus Schelmen- und Entwicklungsroman. Audio (04:57 min)

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