Stand: 18.08.2020 10:52 Uhr

Ben Lerners großer amerikanischer Gesellschaftsroman

von Lisa Kreißler

Von Ben Lerners erstem Lyrikband "Die Lichtenbergfiguren" war Alexander Kluge so begeistert, dass er 2018 gemeinsam mit dem amerikanischen Dichter das liebevoll gestaltete Duett-Buch "Schnee über Venedig" herausbrachte. Der 1979 geborene Ben Lerner ist mittlerweile vor allem für seine autofiktionale Prosa berühmt geworden. In seinen Romanen "Abschied von Atocha" und "22:04" verschränkte er eigene Lebenserfahrungen mit Wissenschaft, Politik und Kunsttheorie zu den aufregendsten Erzählungen der Gegenwart. Jetzt erscheint sein dritter Roman "Die Topeka Schule", in dem er tief in seine eigene Kindheit eintaucht und in die Geschichte männlicher Gewalt.

Cover des Buchs "Die Topeka-Schule" von Ben Lerner © Suhrkamp
Ben Lerner taucht in seinem neuen Roman tief in seine eigene Kindheit ein und in die Geschichte männlicher Gewalt.

Als "Schnellsen" wird bei Debattierwettbewerben der Sprechakt bezeichnet, bei dem ein Redner seine Argumente in solch rasendem Tempo aneinanderreiht, dass der Sinn zwar korrekt bleibt, für das menschliche Gehirn jedoch kaum noch nachvollziehbar ist. Der 17-jährige Adam in Ben Lerners neuem Roman beherrscht diese Technik perfekt.

Es kam ihm weniger so vor, als hielte er eine Rede, sondern eher so, als hielte die Rede ihn, als begännen der Rhythmus und die Intonation seines Vortrags den Inhalt zu diktieren und er müsste seine Argumente nicht mehr so sehr ordnen, als sie vielmehr durch sich hindurchfließen lassen. Leseprobe

Hochbegabter Sohn eines Psychoanalytiker-Ehepaares

Adam ist der Sohn des erfolgreichen Psychoanalytiker-Ehepaares Dr. Jane und Dr. Jonathan Gordon. Beide forschen an der berühmten Menninger Foundation in Topeka, Kansas. Adams Mutter holt sich mit dem Erfolg eines populären feministischen Ratgebers Ärger ins Haus. Fremde Männer aus ganz Amerika rufen bei den Gordons an, um Jane übel zu beschimpfen. Nicht selten nimmt der hochbegabte Adam die Hasstiraden am Telefon entgegen. Als Adam seinen Eltern eines Abends seine komplett mit Kaugummi umwickelten Geschlechtsteile präsentiert, deuten die Analytiker das als eindeutigen Kastrationsversuch.

Der doppelte Boden der krisengeschüttelten Wirklichkeit

In den USA, wo das Buch bereits im vergangenen Jahr erschienen ist, wird "Die Topeka Schule" vor allem als literarische Erkundung männlicher Gewalt gelesen. Man tut Ben Lerners avantgardistischem Superroman aber unrecht, reduziert man ihn auf seine inhaltliche Relevanz. Denn "Die Topeka Schule" versammelt zwar tatsächlich auf schwindelerregend leichte Weise alle gesellschaftlichen Diskursfelder der Gegenwart, Rassismus, Feminismus, Antisemitismus und sexuellen Missbrauch, vor allem aber untersucht der Roman, mit sämtlichen Mitteln der Dichtung, den doppelten Boden unserer krisengeschüttelten Wirklichkeit.

In einer Szene ist Adam mit seiner Mutter im Supermarkt. Sie bittet ihn Milch aus dem Kühlregal zu holen. Völlig verstört und weinend kehrt das Kind zu ihr zurück. Da seien Männer hinter den Wänden, berichtet Adam. Jane versucht ihn zu beruhigen.

"Da drin sind keine Männer", sagte ich lächelnd, um dich zu beruhigen, obwohl mir gar nicht ruhig zumute war, und um es dir zu zeigen, öffnete ich die Glastür und nahm eine Gallone Milch heraus. Und in diesem Augenblick hörte ich die Stimmen hinter dem Kühlregal. Mir wurde ganz kurz schwindelig, ein Echo deines eigenen Entsetzens, dann machte ich mir klar, dass es Arbeiter waren, die die Regale von hinten befüllten, dass die Rückseite des Kühlregals eine Art bewegliche Trennwand zum Lagerraum war. Leseprobe

Ben Lerner verknüpft die Lebensthemen der Protagonisten

Das Echo der Erfahrungen und Gefühle der Anderen hallt in den einzelnen Stimmen der drei Hauptfiguren wider. Ungemein sensibel verknüpft Ben Lerner die Lebensthemen seiner Protagonisten, bei Adam ist es die Sprache, bei Jane die Gewalt, beim Vater Jonathan die Sehnsucht, zu einer Art kollektivem Bewusstsein. Das macht die Lektüre von "Die Topeka Schule" zu einer nahezu transzendentalen Erfahrung.

(...) es war wie ein Blick auf die Modelleisenbahn, die Klaus, der Freund seines Vaters, ihm als Kind geschenkt hatte; aus den Zügen machte er sich nichts, konnte sie kaum zum Laufen bringen, aber er liebte die Landschaft, die grün beflockte Platte, die winzigen und dennoch hoch aufragenden Kiefern und Laubbäume. Wenn er die unwahrscheinlich detailgetreuen Bäume betrachtete, nahm er gleichzeitig zwei Blickwinkel ein: er sah sich selbst unter ihren Ästen und betrachtete sie zugleich von oben; er schaute hinauf zu sich selbst, wie er hinabschaute. Leseprobe

"Die Topeka-Schule": Eine neue Schule des Erzählens

Ben Lerner schlägt in "Die Topeka Schule" einen enormen erzählerischen Bogen, von der Kindheit der Eltern in den 50er-Jahren, über die brodelnden Aggressionen im Alltag amerikanischer Jugendlicher um die Jahrtausendwende, bis ins New York von heute, wo der zum Dichter gewordene Adam gegen Trumps Einwanderungspolitik demonstriert. Dieses Buch wird in Zukunft, völlig zu Recht, zu den großen amerikanischen Gesellschaftsromanen zählen.

Vor allem aber ist "Die Topeka Schule" eine Emanzipation. Mit seinem Roman hat Ben Lerner eine neue Schule des Erzählens begründet. In dieser Schule sind die inneren Stimmen der Figuren miteinander im Gespräch, über Zeit und Raum hinweg - und über die Grenzen der Sprache.

Die Topeka-Schule

von Ben Lerner
Seitenzahl:
395 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42949-5
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.08.2020 | 12:40 Uhr

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