Stand: 09.11.2015 11:07 Uhr

Die Erinnerungen der "Ohrfeigen-Beate"

von Andreas Teska
Die aus Berlin stammende Französin Beate Klarsfeld beschimpft während einer Bundestagssitzung am 02.04.1968 von der Zuschauertribüne im Bundestag in Bonn Bundeskanzler Kiesinger als "Nazi" und "Verbrecher". Neben ihr ein Saaldiener. © dpa Foto: dpa
Schon vor ihrer Ohrfeige beschimpfte Beate Klarsfeld Kanzler Kiesinger im Bundestag als "Nazi", hier am 2. April 1968.

Für die Deutschen wird sie immer "Ohrfeigen-Beate" bleiben: die Frau, die Bundeskanzler Kiesinger eine klebte. Beate Klarsfeld verteidigt die Aktion bis heute. Kurt Georg Kiesinger habe sich geweigert, seine Vergangenheit einzugestehen. "Diese Ohrfeige beim CDU-Kongress sollte symbolisch sein", sagt sie, als "Ohrfeige der jungen Generation gegen die Nazi-Generation. Wir waren verpflichtet, diese Mittel zu wählen, denn sonst hätte sich niemand in Deutschland darüber aufgeregt, dass derjenige, der die deutsche Politik regiert, ein Nazi-Propagandist war."

Der Rauswurf als Beginn der Beziehung

Das Titelblatt einer deutschen Zeitung vom Tag danach hängt eingerahmt an der Wand im Büro von Beate und Serge Klarsfeld. Die Vorgeschichte des tätlichen Angriffs auf Bundeskanzler Kiesinger wird in ihrem Buch "Erinnerungen" ausführlich beschrieben. Und ebenso die Nebenwirkung: Denn auch für das deutsch-französische Paar steht die Ohrfeige am Beginn der Beziehung. Beate fliegt raus beim deutsch-französischen Jugendwerk, Serge beschließt, ihr zu helfen.

Die Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Beate Klarsfeld. © dpa - Bildfunk Foto: Tim Brakemeier
Mit ihrem Mann Serge widmete sich Klarsfeld später der Suche nach untergetauchten NS-Verbrechern.

Der junge Historiker arbeitet beim französischen Rundfunk, vor allem aber forscht er nach dem Verbleib von Nazis, die nach dem Krieg untertauchen oder gar in Deutschland unter ihrem eigenen Namen vollkommen unbehelligt leben. Dass es gelingt, 1979 einen Prozess in Köln zu erzwingen, bewertet Serge in der Rückschau als größten Erfolg überhaupt, weil damit endlich der Rechtsstreit zwischen Frankreich und Deutschland über die Verfolgung der Täter entschieden ist. "Der wichtigste Fall für uns war der um Kurt Lischka, Herbert M. Hagen und Ernst Heinrichsohn, denn das waren die Organisatoren der Deportation der Französischen Juden", sagt er. Lischka wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, Hagen musste für zwölf, Heinrichsohn für sechs Jahre ins Gefängnis.

Klaus Barbie in Bolivien aufgespürt

"Für die Medien war aber der Fall Klaus Barbie wichtiger", sagt Serge Klarsfeld. "Denn der entsprach all den Romanen über kriminelle Nazis, die bis nach Südamerika geflohen waren." Beate und Serge Klarsfeld spürten den ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon in Bolivien auf. Mit dem Prozess gegen ihn beginnt zugleich die Aufarbeitung der französischen Kollaboration. Auch sie wurde jahrzehntelang verdrängt, bis zum historischen Schuldeingeständnis von Präsident Jacques Chirac 1995. Deutsche waren Täter, Franzosen Komplizen, und Serge und Beate Klarsfeld die beiden, die ihr gesamtes Leben in den Dienst der Aufklärung gestellt haben und dies nun minutiös nachzeichnen.

Warnung vor Marine Le Pen

"Es ist nicht viel Persönliches in dem Buch", sagt Beate Klarsfeld, "aber zumindest ist die Familie ist gut beschrieben. Man weiß, dass hier ein Paar gehandelt hat. Serge, dessen Vater in Auschwitz ums Leben kam, und eine deutsche Nicht-Jüdin." Sie bereuen nichts und würden es wieder tun, vor allem, weil es ihnen nicht um Rache an den Tätern ging, sondern um Hilfe für die Opfer. Mit ihrer Organisation für die Söhne und Töchter der ermordeten Juden und mit ihrem Einsatz gegen die Gefahr von rechts in all ihren Spielarten. Marine Le Pen dürfe nicht Frankreichs Präsidentin werden, warnt Serge Klarsfeld: "Entscheidend ist, dass eine extremistische, rassistische, fremdenfeindliche und antisemitische Partei nicht an die Macht kommt. Das wäre eine Katastrophe für Frankreich, für Europa und für die ganze Welt."

Acht Jahre war Serge alt, versteckt mit seiner Schwester in der elterlichen Wohnung in Nizza, als die Gestapo seinen Vater abholt. 76.000 Juden haben die Deutschen aus Frankreich deportiert. Jeden einzelnen Fall hat der Historiker dokumentiert. Die Regale im Büro reichen bis unter die Decke, sind vollgestopft mit Ordnern voller Dokumente. Gerade ist Serge Klarsfeld 80 geworden. Er sprüht vor Energie. Beate, nur wenig jünger, bereitet Reisen nach New York und Italien vor. Die beiden haben ihre Erinnerungen verfasst, aber der Kampf geht weiter.

Erinnerungen

von Beate und Serge Klarsfeld
Seitenzahl:
624 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Piper
Veröffentlichungsdatum:
09.11.2015
Bestellnummer:
978-3-492-05707-3
Preis:
28 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.11.2015 | 16:20 Uhr

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