"Bauern, Land": Ute Ruges Buch über die Moorbauern

Stand: 26.10.2020 16:46 Uhr

In "Bauern, Land" erzählt die Autorin Uta Ruge, wie über Jahrhunderte Moorbauern das Land zwischen Stade und Bremen eroberten - und jetzt zu verschwinden drohen.

von Thorsten Mack

Der Himmel: wie gemalt. Das Land: grün und saftig. Zwischen Stade und Bremen liegt Neubachenbruch. Es sieht aus wie ein Bauernparadies, aber die Höfe werden weniger, die angestammten Bauern unbeliebter. "Wir sind ja sogar soweit, dass es unsere Kinder in den dörflichen Schulen zum Teil recht schwer haben", erzählt Landwirt Arnd Ruge. Die Kinder würden sogar gemobbt, weil Mitschüler meinten, ihre Eltern wären Tierquäler oder Umweltvergifter. Früher sei es anders gewesen, da hätten die Bauern die "Erzeugungsschlacht" geschlagen. "Das war noch eine andere Situation."

Moorbauern in Neubachenbruch: Früher Ernährer, heute Buhmänner

Früher Ernährer, heute Buhmänner - das ist die wechselvolle Geschichte der Moorbauern. Uta Ruge ist hier groß geworden. Sie hat ein Buch geschrieben über die Bauern und das Land, das mit Kanälen entwässert wurde: "Bauern, Land". Dank der Moorbauern sei Landwirtschaft überhaupt erst möglich geworden, erzählt sie. "Dadurch wurden Dörfer möglich. Dadurch wurden Bauern angesiedelt, und diese Bauern im Moor, die sollten dem Landesfürsten Steuern einbringen." Der sumpfige Moorgrund war eigentlich nicht für Ackerland geschaffen. Aber die Kanäle machten das Land urbar. Seit dem 18. Jahrhundert wurden sie ausgehoben, der Boden umgegraben, der Torf mühsam abgebaut und verkauft. Die Bauern waren Erbpächter. Das karge Land, das sie der Natur abtrotzten, gehörte erst den Adligen und später oft den Banken. Es ging um eine bessere Zukunft, auch für die nächste Generation. Die Bauern sollten das Land ernähren, es unabhängig machen. "Sie sollten vor allem im Land bleiben", erzählt Uta Ruge. "Sie sollten nicht weggehen, denn aus dieser Gegend sind viele Menschen aus Armut und Not weg, entweder haben sie den ganzen Sommer über in Holland gearbeitet, immer die schwersten Arbeiten, Heu machen, Torf graben und so weiter, oder sie sind gleich weiter gegangen und sind nach Amerika ausgewandert."

Verantwortung für die Tiere und das Land

Es ist mehr als nur eine Lokalgeschichte. Dieses Land wurde durch Napoleon besetzt. Später konkurrierten die Bauern auf dem Weltmarkt mit Amerika und Russland. In den Weltkriegen fielen viele Bewohner von Neubachenbruch, wie auch die örtliche Dorfchronik festhält. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen reich gewordene Auswanderer aus Amerika zu Besuch, Flüchtlingsfamilien übernahmen verwaiste Höfe. Uta Ruges Eltern gehörten dazu. Die Kindheit verlief zwischen Freiräumen und Mitarbeit. "Toll, schön, anstrengend", erinnert sich Uta Ruge. "Als Kinder haben wir gespottet und gesagt, das, was wir hier machen, ist Kinderarbeit." Die Kinder seien auf diese Weise hineingewachsen in die Verantwortlichkeit, vor allem für die Tiere, Verantwortung auch für das Land. Sie selbst habe sich um die Enten kümmern müssen. "Dieses Lernen von Zusammenhängen, ich denke, das war sehr sinnvoll. Als Kind habe ich das nicht toll gefunden, natürlich."

Psychologische Belastung durch Anfeindungen

Heute übernehmen Maschinen immer mehr Arbeit. Es geht auch nicht anders - die Höfe müssen wachsen, um überleben zu können. Der Preisdruck durch die großen Handelskonzerne ist zu groß. Etwa 150 Kühe hat der Hof von Uta Ruges Bruder heute, das macht für ihn knapp 3.000 Stunden Arbeit pro Jahr. Ein Angestellter leistet rund 1.800 Stunden. Urlaub ist praktisch nicht drin - aber was wirklich stört, ist etwas anderes: "Die psychologische Belastung durch die Öffentlichkeit und durch die Gesellschaft", erzählt Arnd Ruge, "dass man immer dargestellt wird als Umweltvernichter und Tierquäler, das belastet einen doch recht stark." Ruge verteidigt die konventionelle Landwirtschaft, denn alle Menschen ließen sich kaum mit kleinen, veralteten Methoden oder ausschließlich mit Bio ernähren, auch wenn der Zeitgeist sich das wünsche.

Die Landwirtschaft verändert sich

Man muss ihre Position nicht teilen, aber es lohnt sich, das Land und seine Bewohner zu verstehen und vielleicht einen gemeinsamen Weg zu finden. Uta Ruge sieht die Landwirtschaft im Umbruch, nicht zuletzt wegen der Corona-Krise, die sichtbar gemacht habe, wie Stadt und Land voneinander abhängig sind und welche Rolle Transportwege und die Lieferketten spielen. "Diese Vorstellung, dass vielleicht doch um eine Stadt herum Landwirtschaft betrieben wird, die für die Stadt funktionieren kann. Vielleicht wird das wieder ein bisschen deutlicher ins Bewusstsein kommen. Vielleicht auch nicht."

Einst war das hier ein Versprechen auf die Zukunft. Heute ist es eine Frage: Wie geht es weiter?

Bauern, Land. Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang

von Uta Ruge
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Kunstmann
Bestellnummer:
978-3-95614-387-8
Preis:
28 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 28.10.2020 | 00:00 Uhr

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