Stand: 29.10.2019 14:53 Uhr  - NDR Kultur

Turbulenzen in den letzten Tagen der DDR

Grünauge sieht dich
von Bastienne Voss
Vorgestellt von Matthias Schümann
Bastienne Voss: "Grünauge sieht dich" © Picus Verlag
Die Autorin Bastienne Voss wurde 1968 in Berlin geboren und wuchs in Blankenburg, einem Ortsteil im Berliner Bezirk Pankow, auf.

"Grünauge sieht dich", so heißt der neue Roman von Bastienne Voss. Der Titel ist eigentlich ein Spruch, der hinter vorgehaltener Hand in der DDR die Runde machte, wobei "Grünauge" die Polizei bezeichnete. Der neue Roman von Bastienne Voss, Jahrgang 1968, es ist bereits ihr dritter, erzählt von den letzten Tagen der DDR, als die "Grünaugen" und die "Firma Horch und Guck" noch aktiv waren. Erschienen ist das Buch in dem österreichischen Picus Verlag. Bastienne Voss stellte den Roman kürzlich auf der Frankfurter Buchmesse vor.

Es ist still geworden in der DDR im Sommer 1989. Eine eigenartige Anspannung liegt in der Luft. Auch der Stasi-Mann Leo Landowski spürt das, und seine Erfinderin, die Schriftstellerin Bastienne Voss, lässt ihn an einer Blumenrabatte zu ganz eigenartigen Erkenntnissen kommen.

Er sah es deutlich und konnte es nicht fassen. Da guckte ihn aus der Rabatte heraus etwa dreitausend Mal Karl Marx an. Er lief seit elf Jahren an dieser Rabatte vorbei, und nie vorher war es ihm aufgefallen. Die Stiefmütterchen, sie alle sahen aus wie Karl Marx. Leseprobe

Das DDR-System ist nur noch eine Hülle

Nicht nur der große Karl Marx ist zum Stiefmütterchen verkommen, auch der mächtige Staatssicherheitsdienst schrumpft zusehends zu einer Ansammlung desorientierter Befehlsempfänger ohne klare Weisung. Alles ist Ritual, und es dämmert Leo Landowski, dass das System nur noch eine Hülle ist. Die Inhalte sind irgendwann verlorengegangen.

Landowski legte einen Schritt zu. Nichts begriffen, immer nur schön durchideologisiert. Er konnte sich nicht erinnern, je mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen zu sein. Musste er aber wohl. Kannte er eigentlich seinen Intelligenzquotienten? Kannte er nicht. Leseprobe

Nach außen verbreitet die Stasi allerdings noch Angst und Schrecken. Zu spüren bekommt das ausgerechnet Iris, die Tochter des Geheimdienstlers Landowski. Am Ufer des Greifswalder Boddens verliebt sie sich in den westdeutschen Physiker Henry Weber. Das allein reicht Bastienne Voss aber noch nicht aus als Konfliktpotenzial. Iris ist eine 16 Jahre alte Schülerin, Henry Weber, der sich seinerseits in das Mädchen verliebt, ist 37.

Keiner der Protagonisten ist nur böse oder nur gut

Liebesgeschichte, politische Geschichte, Zeitgeschichte, alles vermischt sich heillos. "Ich wollte wirklich Grauzonen ausloten", sagt Bastienne Voss. "Wir reden hier über Menschen, über drei Menschenschicksale, über menschliche Unzulänglichkeiten, darüber dass jeder in diesem Buch recht hat - und unrecht zugleich. Keiner ist nur der Böse, keiner ist nur der Gute. Das ist, was rückblickend auf die Geschichte gerne gemacht wird. Man findet gern Schubfächer, in die man Figuren packt", erklärt die Autorin. "Ich wollte versuchen, genau das Gegenteil zu tun und zu sagen: Wir gucken noch mal auf jede einzelne dieser drei Hauptfiguren. Jede hat Schwächen und Unzulänglichkeiten, aber auch Ideale, Visionen und Ideen. Das war mir wichtig, und das geht natürlich mit so einem Sujet ganz gut."

Eine 16-Jährige gerät in den Mittelpunkt

Bastienne Voss führt tief miteinander verstrickte Figuren vor. Denn der Westdeutsche Henry Weber soll eigentlich von Leo Landowski für die Stasi angeworben werden. Das Mädchen Iris kommt ihm dabei in die Quere, und als sie sich mit dem Physiker heimlich in Prag trifft, gerät sie selber in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Stasi will sie nun als Informantin einspannen und Vater Landowski lässt das auch noch zu. Über allem droht der Satz des Geschichtslehrers von Iris, der vor, während und nach der Wende im Unterricht die Französische Revolution behandelt.

Er sagte: Wer die Französische Revolution versteht, versteht die Weltgeschichte. Es war sein Lieblingssatz. Leseprobe

Friedliche Revolution wird für einzelne zur Katastrophe

Unter dieser Voraussetzung kann die Geschichte der friedlichen Revolution in der DDR für den einzelnen zur Katastrophe werden, und tatsächlich endet sie für Iris mit Tod und Verzweiflung. Am Abend des Mauerfalls sitzt sie im Gewahrsam des Sicherheitsdienstes. Als sie entlassen wird, spült die euphorische Ostberliner Menschenmenge sie an den nächsten Grenzpunkt, wo sie wie angewurzelt stehenbleibt. Sie verharrt in der Heimat, die sie soeben verloren hat.

"Man muss sich erinnern, wenn man Vergangenheit bewältigen will"

Bastienne Voss will verstörende, irritierende Geschichten erzählen. Denn über die DDR und die Wende 1989 ist zumindest aus ostdeutscher Sicht noch lange nicht alles gesagt, findet sie. "Ich finde, es ist bis heute ein Problem, dass es heißt: Nun hört doch endlich auf mit der Vergangenheit, wir sind doch nun seit 30 Jahren ein Volk", sagt sie. "Das sind wir eben nicht. Ich finde, man hat das Recht, sich zu erinnern, und man muss sich erinnern, wenn man Vergangenheit bewältigen will. Für die Zukunft ist es wichtig, mit Vergangenheit umzugehen und sich zu erinnern. Das wird sehr gerne abgeduscht, und wer sich dann noch erinnert, ohne dass er die DDR verklärt oder vergöttert, sofort wird sofort gesagt: Man will die DDR zurück. Aber das stimmt überhaupt nicht. Man will sich nur bitte gern erinnern dürfen."

Finsterer Roman, präsentiert mit einem Lächeln

"Grünauge sieht dich" ist eigentlich ein finsterer Roman über Verrat, Niedertracht und eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte. Doch Bastienne Voss, die auch Schauspielerin ist und die viele Jahre im Ensemble des Kabaretts "Distel" arbeitete und mit dessen Cheftexter, dem 2013 verstorbenen Peter Ensikat liiert war, erzählt die Geschichte dann doch ironisch gebrochen und präsentiert selbst atemberaubende Wendungen der Handlung mit einem Lächeln.

Grünauge sieht dich

von
Seitenzahl:
254 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Picus
Bestellnummer:
978-3-7117-2088-7
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.10.2019 | 12:40 Uhr

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