Barney Norris: "Die Jahre ohne uns" © DuMont Verlag

Barney Norris: "Die Jahre ohne uns"

Stand: 10.02.2021 12:40 Uhr

Barney Norris besitzt genug Spielfreude in Form und Sprache, um einen die verschiedenen Winkel dieses Lebens entdecken zu lassen und nicht nur die Melancholie.

von Marie Schoeß

Vielleicht liegt es an unserem Wunsch, nicht verrückt zu werden, dass wir bestimmte Wahrheiten einfach verdrängen: die zum Beispiel, dass Elektroschocks weiter zum Alltag in psychiatrischen Einrichtungen gehören, dass manchen Patienten nichts bleibt als die Wahl zwischen einem künstlich herbeigeführten Krampf und einer selbstmörderischen Depression, weil die Elektroschocks - so grausam sie auch klingen - etwas lösen können, wenn alle Medikamente versagen. Der britische Autor Barney Norris erinnert uns in seinem neuen Roman an den schmalen Grat zwischen dem gesunden und dem verlorenen Verstand und an den Schmerz darüber, wie schnell man die Seiten wechseln kann.

Das wahre Leben spielt sich in unseren Träumen ab

Sie hat den Verstand noch nicht verloren - lieber hat sie ihr Leben, Sehnen und Streben, so weit gedämpft, dass ein Durchdrehen gar nicht mehr möglich ist. Schlafwandlerisch könnte man sie nennen, immer auf dem Absprung in Traum- und Erinnerungswelten, weil das wahre Leben viel zu früh von Verlusten geprägt war, um dem Hier und Jetzt noch zu vertrauen. Aber - das lässt uns Barney Norris wissen - auch schlafwandelnd kann man die Schönheit dieser Welt entdecken und in ihr: Komplizen wie die Faultiere, die wissen, was auch sie ahnt:

Dass sich nämlich das wahre Leben in unseren Träumen abspielt, den Sequenzen, die in unseren Köpfen ablaufen. Die Welt war bloß ein Ort, den wir besuchten, um für unser Träumen aufzutanken. Wir waren bloß dann wirklich wach, wenn wir schliefen. Das eigentliche Leben versteckte sich, es fand statt, wenn man von einem Ast hing, die Augen schloss und dabei zusah, wie die Bilder ineinanderliefen wie Muster in einem Kohlenfeuer, flackernd, erblühend, verglühend. Leseprobe

Ihre Träume führen die Frau zu den Männern, die sie verloren hat: Als sie sieben Jahre alt war, kam der Vater nicht mehr nach Hause. Schizophrenie, sagte die Mutter, als könnte das Wort erklären, warum ein Mensch plötzlich verschwindet. Zwanzig Jahre später - da trägt sie den verlorenen Vater und die Warnung Schizophrenie noch immer mit sich herum - kommt ihr der Ehemann abhanden.

Norris ist auf mehr aus und lässt die mittlerweile alte Frau ins Gespräch mit einem ebenso alten Fremden kommen.

"Was haben Sie heute so gemacht?", fragte ich ihn.
Er wandte den Kopf und sah mich an, überrascht.
"Oh, nun ja. Lange Geschichte. Manchmal denke ich, man kann das Letzte, was man getan hat, nicht erklären, wenn man nicht alles andere, was man davor getan hat, auch erklärt - wissen Sie, was ich meine?" Leseprobe

Eine Geschichte in zwei Teilen

Eine lange Geschichte, weil er in dem Alter, als sie sich gerade endgültig vom vollen Leben verabschiedete, ganz und gar den Faden verlor. Der zweite Teil des Buches folgt dieser Erzählung - dem Zeugnis eines Mannes, der seine Frau verlässt und seitdem glaubt, mit jeder Tür, die er durchschreitet, in einem neuen, ihm fremden Leben zu landen.

Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Leben ich gelebt habe, in wie vielen Welten ich aufgewacht bin. Und ich wünschte, es hätte mein Leben bereichert, die Wahrheit aber ist, dass es für mich nicht diesen Effekt hatte. Es ist mir offenkundig verwehrt, am Leben teilzuhaben. Ich kann lediglich kurze Blicke darauf werfen, flüchtig hineinschauen und Momente erleben, aber nichts wirklich Entscheidendes festhalten. Leseprobe

Das Problem ist: Dem Leser geht es nicht anders, auch lesend wartet man darauf, aus dem Strudel der Leben wieder in eines entlassen zu werden, das zählt. Norris hat das vielleicht gespürt. Zumindest lässt er den Mann immer wieder aussprechen, welche Bedeutung er in den vielen flüchtigen Leben, von denen er hier erzählt, erkennt. Aber das stärkt die Geschichte nicht. Es wirkt eher so, als würde der Erzählung des Erlebten nicht mehr zugetraut, selbst zu verraten, was in ihr steckt.

So verstrickt sich der Autor am Ende in seinem Wunsch, mehr zu bieten: mehr Leben, mehr parallele Entwicklungen und heimliche Verbindungen der Charaktere, mehr fein vorbereitete Pointen und Formenwechsel. Dabei ist Norris gerade dann stark, wenn er seinen Figuren ganz schlicht dabei zusieht, wie sie leben. Wenn er einfach ins Erzählen kommt und sich nicht belastet mit ausgetüftelten Symbolen der Bedeutsamkeit.

Die Jahre ohne uns

von Barney Norris, aus dem Englischen von Johann Christoph Maas
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8113-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.02.2021 | 12:40 Uhr

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