Barbara Pym: "Quartett im Herbst". Übersetzt von Sabine Roth (Cover) © DuMont

Barbara Pyms humorvoller Roman "Quartett im Herbst"

Stand: 01.12.2021 10:18 Uhr

Von Barbara Pym sind schon "In feiner Gesellschaft" und "Vortreffliche Frauen" auf Deutsch erschienen. Nun folgt "Quartett im Herbst", das 1977 auf der Shortlist des renommierten Man-Booker-Preises stand.

von Andrea Gerk

Sie treffen sich seit Jahren im Büro, teilen Pulverkaffee, Teewasser und ihre kleinen Sorgen mit den Vermietern: Marcia, Letty, Norman und Edwin stehen kurz vor der Rente und jeder dieser vier alleinstehenden Eigenbrötler versucht auf seine Art, die drohende Einsamkeit zu bewältigen.

Vier Eigenbrötler bekämpfen die Einsamkeit

Der Witwer Edwin pilgert von einem Gottesdienst zum nächsten und sein ewig nörgelnder Kollege Norman besucht seinen kranken Schwager, obwohl er den so wenig mag wie eigentlich alle Menschen. Letty wiederum, die zur Untermiete wohnt und Wert auf gute Kleidung legt, sollte eigentlich zu ihrer Freundin aufs Land ziehen, doch die verliebt sich in den Dorfpfarrer und so bleibt sie erst mal in London. Weil sie gerne liest, startet sie mit einem Gang in die Bibliothek in den Ruhestand und beschließt, sich dem Studium der Soziologie zu widmen:

Der Tag war lang gewesen und auf eigenartige Weise anstrengend, so anstrengend wie ein Arbeitstag, empfand Letty. Sie hatte pflichtschuldig versucht, eines der Bücher zu beginnen, die sie aus der Bücherei mitgebracht hatte, aber sie hatte sich schwergetan mit dem Lesen. Ernsthafte Lektüre war offenbar etwas, das gelernt sein wollte, und vielleicht sollte sie sich lieber am Morgen daransetzen, wenn sie ausgeruht war. Leseprobe

Sie alle haben ihre schrulligen Gewohnheiten

Auch Lettys Kollegin Marcia hat nicht viel mehr zu tun, als in ihrem heruntergekommenen kleinen Haus all die Konservenbüchsen und Milchflaschen, die sie hortet, zu sortieren oder für den Arzt Mr. Strong zu schwärmen, der ihre Krebsoperation durchgeführt hat.

Wie die schrullige, wirre Frau beim Sortieren von Plastiktüten und anderem Kram, nahezu alles, vor allem aber das Essen so konsequent vergisst, dass sie gleichsam in sich selbst verschwindet, das erzählt Barbara Pym auf einfühlsame und humorvolle Weise:

Als sie endlich fertig war, wäre es im Büro Mittagszeit gewesen, und Marcia überlegte kurz, was wohl Edwin und Norman gerade taten, aber natürlich würde es das Gleiche sein wie sonst auch, sie würden die Brotzeit essen, die sie sich mitgebracht hatten, Edwin etepetete wie immer, Norman mit einem Kaffee zum Abschluss. An ihr eigenes Mittagessen dachte Marcia nicht, und es wurde Abend, ehe sie etwas zu sich nahm, nur eine Tasse Tee allerdings und einen Brotrest, den sie in der Brotbüchse entdeckt hatte. Es wollte noch so viel Kleinkram erledigt sein, und eine große Esserin war sie noch nie gewesen. Leseprobe

Liebevoll porträtierte Nebenfiguren

Marcia, Letty, Edwin und Norman sind - wie auch die Figuren in Barbara Pyms anderen Romanen - genau genommen typische Nebenfiguren. Man merkt, welche Freude die Autorin daran hatte, ausgerechnet solche gern übersehenen Menschen in den Mittelpunkt ihres Werkes zu stellen. Denn so unauffällig und bescheiden wie Barbara Pyms herbstliches Quartett auf den ersten Blick wirkt, ist natürlich keiner der vier.

Vielmehr pflegen diese seltsamen Kauze hingebungsvoll ihre Marotten und es zeugt vom großen Können der Autorin, dass sie deren Schrullen zwar sehr amüsant beschreibt, aber sich nie über ihre Figuren erhebt oder gar lustig macht. So schließt man dieses unvergessliche Quartett von Seite zu Seite mehr ins Herz und wundert sich gleichzeitig, warum man so gefesselt immer weiterliest, obwohl doch kaum etwas wirklich Erwähnenswertes passiert.

Ein feiner Humor durchzieht den Roman

Es war keine unkomfortable Existenz, auch wenn sie von einer gewissen Sterilität geprägt war, um nicht zu sagen, Entbehrung. Aber Entbehrung setzte voraus, dass man zu irgendeiner Zeit etwas gehabt hatte, das seinem genommen worden war, wie, um ein praktisches Beispiel zu nennen, Marcias Brust, und Letty hatte nie sonderlich viel gehabt. Allerdings fragte sie sich mitunter, ob nicht auch die Erfahrung des Nicht-Habens eventuell als Wert verbucht werden durfte. Leseprobe

Barbara Pyms feiner Humor zieht sich wie ein Unterstrom durch die gesamte Erzählung, in der - wie nebenbei - die großen Fragen des Lebens verhandelt werden. Das Etikett "altmodisch", das Barbara Pyms Romanen eine Zeitlang anhing, kann auch Dank der gelungenen Neuübersetzung von Sabine Roth nun endgültig ins Altpapier. Denn Pyms verschrobene Figuren wirken weniger altmodisch als auf wunderbare Weise wie aus der Zeit gefallen und es ist ein großes Vergnügen sie endlich kennenzulernen.

Quartett im Herbst

von Barbara Pym, aus dem Englischen von Sabine Roth
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-8164-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.12.2021 | 12:40 Uhr

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