Stand: 18.03.2019 16:37 Uhr

Anekdoten aus Wolf Biermanns Leben

Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten
von Wolf Biermann
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Kaum eine Biografie eines deutschen Künstlers spiegelt so intensiv unsere kollektive Geschichte wider wie die von Wolf Biermann. Kind eines kommunistischen Widerstandskämpfers, der von den Nazis umgebracht wurde, von der Mutter im Krieg aus den Trümmern von Hamburg gerettet. Als junger Erwachsener ging er in die DDR, um beim Aufbau des Kommunismus mitzuwirken. 1965 Auftrittsverbot; 1976 aus der DDR ausgebürgert. Seine Autobiografie hat er schon geschrieben, aber nun kommt noch ein Nachschlag. Geschichten aus seinem wirklich bunten Leben, die noch nicht so oft erzählt sind, erscheinen jetzt mit dem Titel: "Barbara".

Lesung
NDR Kultur

Manuel Soubeyrand liest Wolf Biermann

NDR Kultur

"Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten" nennt Wolf Biermann seine Textsammlung, in der er aus seinem bewegten Leben erzählt - mit Gerechtigkeitssinn und Selbsterkenntnis. mehr

Er sei kein Marathonläufer, sondern eher ein Meister der kurzen Strecken, so etwa formulierte es Wolf Biermann, als seine Autobiografie "Warte nicht auf bessre Zeiten" erschien, er habe die einzelnen Episoden des Buches immer seiner Frau gegeben, die das alles dann chronologisch sortiert hat. Das Ergebnis war "nicht restlos uneitel", wie es mit leise ironischem Augenzwinkern in einer Rezension hieß, aber wunderbar eigenwillig und kraftvoll in der Sprache. Biermann ist schon ein begnadeter Geschichtenerzähler. Auch jetzt wieder in den neuen Anekdoten aus seinem Leben. Es beginnt mit erotischen Abenteuern:

Nach dem Bau der Mauer, und noch lange vor meinem Verbot 1965 im Dezember, bot mir ein Bett im Krankenhaus eine willkommene Klausur. In der Charité, zwischen Luisenstraße und Mauer, entfloh ich den Vorhaltungen meiner einzigen Brigitte. Ich hatte sie mal wieder betrogen mit gleich zwei jungen Frauen, die es mir zudem komisch bequem machten, denn beide hießen Ingrid. Und ich genoss dabei den Kitzel einer politischen Eroberungsromantik: Der Rebell raubt seinen Widersachern, den übermächtigen Ober-Genossen, die Weiber. Leseprobe

Biermanns Ziehsohn Manuel Soubeyrand spricht das Hörbuch

Gelesen werden die Geschichten im Hörbuch nicht vom Meister selbst, sondern von Manuel Soubeyrand, seinem 'Ziehsohn', der gar nicht erst versucht, den Biermann-Sound zu imitieren, sondern es gelingt ihm, einen eigenen neuen zu schaffen, der sehr eingängig ist. Dazu sind im Buch nach den Geschichten jeweils passende Gedichte abgedruckt und im Hörbuch werden sie als kleine Biermann-Mitschnitte zitiert:

Moritat auf Biermann seine
Oma Meume in Hamburg
Als meine Oma ein Baby war
Vor achtundachtzig Jahrn
Da ist ihre Mutter im Wochenbett
Mit Schwindsucht zum Himmel gefahrn
Als meine Oma ein Baby war
Ihr Vater war Maschinist
Bis gleich darauf die rechte Hand
Ihm abgerissen ist. Leseprobe

Auch Überraschungen enthält der Erzählband

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Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg geboren und siedelte 1953 in die DDR über. 1976 wurde er ausgebürgert.

Manche der Geschichten kennt man schon und dazu kommen ganz überraschend neue. Etwa eine Geschichte über Manfred Krug und Robert Havemann, die sich offenbar mal ein gefährliches Autoduell auf der Landstraße geliefert haben und etliche weitere erotische Abenteuer.

In der Titelgeschichte "Barbara" erzählt er von einer Tänzerin, mit der es auf der Rückbank seines von Oma Meume geschenkten VW zum Äußersten kommt und die ihn schrecklich gebissen hat und damit einen unverrückbaren Platz in seinen Erinnerungen hält. Melancholisch ernsthaft kommen dann wieder andere Texten daher:

Die Mutter Erde geht schwanger
Und sieht ja so elend aus
Das Balg, es bewegt sich gar nicht
Und kommt aus dem Bauch nicht raus
Sie hat schon ein' Haufen Kinder
Und freut sich aufs neue Kind
Und lächelt und denkt an die Väter
Die längst schon gestorben sind Leseprobe

Liebeserklärung an eine Gitarre

Die Schlussgeschichte ist einer Schönheit gewidmet, der er Jahrzehnte treu war: seiner Gitarre, die aus einem Geigenkörper entstanden ist.

Die Schöne begleitet mich durch meine Lebensreise nun bald schon sechzig Jahre. Inzwischen sind wir längst ein uraltes Paar, und ich bin kein alter Mann mehr, sondern ein blutjunger Greis. Mancher Kenner bewundert meine Treue für ihre feine Form, die elegante Taille, ihre extravaganten Geigenwirbel mit den elfenbeinfarbenen Knöpfen. Aber ihr eisernes Geheimnis, am Hals versteckt unter dem Schönheitsfleck aus noblem schwarzem Ebenholz, das kann keiner erraten. Und geht auch keinen Menschen was an. Leseprobe

Sagt der Mann, der sich nun selbst einen "blutjungen Greis" nennt. "Greis" stimmt nicht, "blutjung" auch nicht, aber er ist tatsächlich in diesen Texten von einer so frischen, ungezähmten Verve und Lebendigkeit, neben der manch ein Jüngerer schlapp wirken könnte.

Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten

Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Erzählband
Verlag:
Ullstein Buchverlag
Preis:
20 €

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