Stand: 30.03.2020 19:00 Uhr  - NDR Kultur

Bachmannpreis 2020 stattfinden lassen!

In diesen Tagen findet außerhalb der eigenen vier Wände so gut wie keine Kultur statt - zumindest keine für ein größeres Publikum, es sei denn, man findet einen digitalen Ausweg. Theater und Konzertsäle, Museen und Literaturhäuser sind alle geschlossen, Veranstaltungen gestrichen. Da scheint es nur folgerichtig, dass Ende vergangener Woche auch die "Tage der deutschsprachigen Literatur" im Juni in Klagenfurt abgesagt wurden. Doch dagegen wurde aus dem Kreis der Jury Protest laut. Jürgen Deppe kommentiert.

Jürgen Deppe © NDR Foto: Christian Spielmann
Jürgen Deppe spricht sich gegen eine Absage des Literaturwettbewerbs aus.

Natürlich geht die Welt nicht unter, wenn die "Tage der deutschsprachigen Literatur" in diesem Jahr nicht stattfinden. Die Welt hat derzeit wahrlich dringendere Probleme. Dass nun fünf der sieben Jurorinnen und Juroren in einem offenen Brief "vehement" dagegen protestieren, könnte man also leicht als Luxusproblem profilneurotischer Literaturkritiker abtun. Aber das griffe zu kurz!

Zu Recht weisen die offenbar nicht in die Entscheidungsfindung einbezogenen Juroren darauf hin, dass sie es "gerade in der jetzigen Situation ausnehmend wichtig gefunden hätten, dass der Bewerb stattfindet". Um Solidarität mit den Künstlerinnen und Künstlern zu beweisen, um Kulturkonsumenten auf Entzug ihren Stoff zu bieten.

Chancen für Literaturspektakel

Da reden wir alle von Zusammenhalt und Solidarität und scheitern daran, den wichtigsten länderübergreifenden Literaturwettbewerb für den deutschsprachigen Raum ohne Saalpublikum, aber unter Einhaltung aller Sicherheitsregeln nur fürs Fernsehen stattfinden zu lassen? Und das, obwohl sich die "Tage der deutschsprachigen Literatur" doch von Hütern des heiligen Literaturgrals schon seit Jahren den Vorwurf gefallen lassen müssen, mehr und mehr zu einer Fernsehshow zu werden.

Aber genau daraus sollte der ORF, der das Literaturspektakel für 3sat von der ersten bis zur letzten Minute überträgt, jetzt eine Tugend machen und die Möglichkeiten der virenfreien Übertragung des Fernsehens auch in Zeiten eingeschränkter Reisefreiheit phantasievoll nutzen. Es müssen ja nicht alle in Klagenfurt vor Ort sein. Sie können zusammengeschaltet werden. Wir sehen das mittlerweile täglich in Nachrichten und Talkshows.

Verdacht kommt auf

Gerade in einer Zeit wie dieser dürften stundenlange Literaturlesungen mit anschließenden Kritikergesprächen, verteilt auf mehrere Tage, auf ungeahntes Interesse des Fernsehpublikums stoßen. Dass der ORF Kärnten das jetzt verhindert, lässt den bösen Verdacht aufkommen, dass die Corona-Gefahr schamlos ausgenutzt wird, um den von offizieller Seite wegen zu hoher Kosten, zu geringen Interesses und zu sperrigen Inhalts ungeliebten und deshalb seit Jahren immer wieder zur Disposition gestellten "Bewerb" - wie man in Österreich sagt - bereitwillig ausfallen zu lassen. Sicher geht die Welt davon nicht unter. Aber die "vehemente" Kritik an der Entscheidung ist berechtigt.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.03.2020 | 19:00 Uhr

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