Stand: 05.06.2020 14:59 Uhr  - NDR Kultur

BUH des Monats: Persönliche Totenklage

von Frank Schulz

Im "BUH des Monats" beklagt Frank Schulz, der große norddeutsche Erzähler, die Eigenschaft der großen Toten, mit dem Totsein einfach nicht aufzuhören, wie auch Harry Rowohlt, der vor fünf Jahren starb.

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Die Grabstätte von Harry Rowohlt befindet sich auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg.

Am Rande des schönen, berühmten Friedhofs in Hamburg-Ohlsdorf liegt, quasi in der Brandung der Zeitläufte, ein Fels. Ein schlichter Naturstein, gezeichnet mit einer Nachahmung des Autogramms von Harry Rowohlt. Darunter begraben ruht das Original.

Es schmerzt mich bis heute ein wenig, dass ich der Beisetzung aufgrund eines Missverständnisses fernblieb. Immerhin hatte ich zuvor Gelegenheit gehabt, Abschied zu nehmen. Ich meine … oder hoffe … oder bilde mir auch nur ein, dass er mich auf meine Ansprache hin in einem Blinzelaugenblick erkannt hat, bevor er sich wieder seinem Todeskampf widmete. Ja, es war ein Kampf, und nachdem er all die Monate im Rollstuhl klaglos hingenommen hatte, erinnerte mich seine Mimik nun an die eines Boxers in der fünfzehnten Runde, der die Deckung nicht mehr hochbringt und die unsichtbaren Haken, Geraden und Uppercuts "mit dem Gesicht abfängt", eine Formulierung, die ich irgendwann in den Neunzigern oder so beim Zappen auf einem Sportkanal aufschnappte.

Die ganze Sendung
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Die großen Toten (und ihre Bärte)

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Ich hatte diesen Boxkommentator in Harrys Gegenwart einmal zitiert: "Butterbean fängt die Schläge mit dem Gesicht ab!" So etwas war nach seinem Geschmack.

Harry im Kopf

Am 15. dieses Monats wird er seit bereits fünf Jahren tot sein und, stur wie er schon zu Lebzeiten war, wohl auch bleiben, und immer mal wieder in diesen vergangenen fünf Jahren denke ich: Das, dies oder jenes, das wäre nach seinem Geschmack. Sei es ex negativo, wie etwa der "Querdenker-Bommel" aus zusammengeknülltem Alu-Hut, den die "Hygienedemonstranten" heute tragen wie die Jünger des Brian die Sandale. Sei es im emphatischsten Sinne, wie zum Beispiel im Falle der "Hamburgischen Schule des Lebens und der Arbeit", einem der schönsten Bücher der vergangenen fünf Jahre, verfasst vom legendären, mysteriösen Autor Schuldt, der dem kritischen Lokalpatrioten Harry damit - jede Wette - ein homerisches Vergnügen bereitet hätte.

Stimme aus dem Totenreich

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Auch Harry Rowohlt und Frank Schulz haben zusammen Lesungen bestritten - hier zu "Onno Viets und der Irre vom Kiez".

Und hoffentlich wäre auch die Feier seines 75. Geburtstag nach seinem Geschmack gewesen. Denn wenn er nicht gestorben wäre, hätte er den am vergangenen 27. März begangen. Da er nun einmal gestorben ist, hätte eine Handvoll Weggefährten - diesmal unter der Federführung des "Magisters Krischan Maintz", wie Harry seinen vielfachen Lesungspartner nannte - eine der gelegentlichen "Séancen à Harry Rowohlt" abgehalten, im Hamburger Polittbüro. Für diesmal gewann Covid mit seiner Virenschleuder. Wir fingen die Schläge mit dem Gesicht ab. Dem großen, lieben, schmerzlich vermissten Harry Rowohlt zur Ehre.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | BücherLeben | 06.06.2020 | 18:00 Uhr

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