Stand: 18.09.2017 15:39 Uhr

Zoë Beck ist Hamburg dankbar für Krimi-Ideen

von Daniel Kaiser

Der Name Zoë Beck steht für erfolgreichen Krimi aus Deutschland. Jetzt war sie mit ihrem neuen Roman "Die Lieferantin" zu Gast beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg. Das Buch spielt in einer düsteren nahen Zukunft in London. Der Brexit ist vollzogen. Nationalisten und Rassisten sind stark. Die Demokratie wankt und die Menschen betäuben sich mit Drogen. NDR 90,3 hat mit der Autorin gesprochen.

Sind Sie da so pessimistisch?

Die Autorin Zoë Beck bei NDR 90,3. © NDR Fotograf: Alexander Dietze

Krimi-Autorin Zoë Beck im Interview

NDR 90,3 -

Mit ihrem neuen London-Thriller "Die Lieferantin" ist sie beim Harbourfront Literaturfestival zu Gast. Im Interview erzählt sie, welcher Hamburger Kriminalfall sie beim Schreiben inspiriert hat.

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Zoë Beck: Ja, in vielen Bereichen sicherlich schon. Ich war kurz nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien und habe da mit vielen, vielen Leuten und eben auch Brexit-Befürwortern gesprochen. Und was die alles erzählt haben, warum sie sich so entschieden haben, das hat mir tatsächlich Angst gemacht. Ich habe gemerkt, dass die wahnsinnig schlecht informiert waren, glaubten sich aber gut informiert. Sie hatten Quellen, die eigentlich keine seriösen Quellen sind, und sagten so absurde Dinge, dass mir zu dem Thema auch nichts mehr eingefallen ist. Da liegt eine Menge im Argen. Und als Schriftstellerin dreht man dann die Schraube ein bisschen weiter und überzeichnet das Ganze. Aus den Dingen, vor denen ich Angst habe, mache ich dann ein ganzes Gesellschaftsportrait.

"Die Lieferantin" ist eine Drogendealerin, die aus Idealismus handelt, weil sie die Kriminalisierung von Drogenkonsum bekämpfen will und deshalb über eine App erfolgreich Drogen verkauft und sie mit ultramodernen Drohnen liefert - wie mit Brieftrauben aus der Luft. Wie viel Zukunft steckt da drin?

Beck: Bei der Konstruktion der Drohne, wie ich sie für meinen Roman brauchte, musste ich einen Tick in die Zukunft gehen, weil es die so noch nicht gibt. Aber das Prinzip, dass Drogen per Drohne ausgeliefert werden könnten, gibt es schon. Nach Erscheinen des Romans habe ich gelesen, dass es in Kalifornien ein Start-up gibt, das legal verfügbare Drogen mit Drohnen ausliefern will und es da jetzt Widerstand gibt, weil die Auslieferung in diesem Fall durch Menschen erfolgen soll.

Warum spielen Ihre Geschichten in England?

Beck: Ich habe vor zehn Jahren begonnen, den Schauplatz meiner Geschichten aus Deutschland wegzunehmen und bin dann literarisch sozusagen nach Schottland ausgewandert. Das Umfeld kannte ich und mochte ich gern. Dazu kam damals noch die Tendenz, dass, wenn man in Deutschland Kriminalliteratur schreibt, die dann regional verankert und möglichst lustig sein sollte. Mir waren das zu viele Einschränkungen. Ich wollte einfach Geschichten mit möglichst auch gesellschaftskritischen oder politischen Aspekten schreiben.

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Zoë Beck gilt als Multitalent des Kriminalromans. Ihr neuer Thriller "Die Lieferantin" bringt die Heldin Ellie Johnson in Bedrängnis. Diese verkauft äußerst erfolgreich Drogen über eine App.

Da sagte der Verlag aber, das sei gerade nicht der Trend. Ich erwiderte, dass mich der Trend nicht interessiert und bin deshalb "ausgewandert". Ohnehin sind die meisten Kriminalromane, die ich lese, aus Großbritannien. Ich habe auch Anglistik mit einem Schwerpunkt auf englische Kriminalliteratur studiert. Man sieht übrigens auch die ganzen gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die mich interessieren, in Großbritannien deutlich früher. Dort ist der Unterschied zwischen Arm und Reich wesentlich radikaler. Auch politische Strömungen sind wesentlich krasser, als wir es hier sehen. Und das ist es auch, was mich stark interessiert.

Ein Mord in dem Buch ist aber inspiriert von einem echten Kriminalfall aus Hamburg...

Beck: Das haben Sie gut gemerkt. Ich hatte gerade zum Thema Organisierte Kriminalität recherchiert und wollte wissen, wie es zum Beispiel bei einer Schutzgelderpressung abläuft. In Hamburg erzählte mir jemand von dem Fall in der Pizzeria in St. Georg, in der der Besitzer seinen Erpresser umgebracht und unter dem Restaurant-Fußboden versteckt hat. Diese Geschichte hat mir den letzten, kleinen Kick für mein Buch gegeben. Da bin ich Hamburg sehr dankbar für.

Wann hat es zwischen Ihnen und dem Krimi klick gemacht?

Beck: Ich hatte schon als Kind eher eine Tendenz zu den düsteren Geschichten. Alles mit Heiraten, Prinzessinnen und Happy End fand ich verzichtbar. Edgar Allen Poe war eine meiner ersten, intensiven Leseerfahrungen.

Sie waren auch ein Grufti ...

Beck: Ja, stimmt. Diese melancholische Seite hatte ich durchaus. Meine Mutter hatte sich auch für Krimis im Fernsehen interessiert. Die brauchte die Art Krimi, die am Ende doch wieder die "heile Welt" macht. Da gehe ich ein bisschen von weg, denn die "heile Welt" gibt es nicht. Wenn so etwas passiert, kann man es nicht mehr reparieren. So ist das Genre an mir hängen geblieben.

Zoë ist ein sprechender Name, griechisch für "das Leben". Sie sind als Henrike Heiland geboren worden - auch ein schöner Name. Warum haben sie den neuen Namen gewählt?

Beck: Ich fand, dass der Name, den meine Eltern sich ausgesucht hatten, nicht so richtig passte. Irgendwann hatte ich dann Krebs. Und die Ärzte, an die ich zuerst geraten war, sind nicht besonders sensibel mit mir und dem Thema umgegangen, weshalb ich sehr lange davon überzeugt war, dass ich das garantiert nicht überlebe. Und das war die Zeit, in der ich beschlossen habe: Wenn ich aus der Nummer wider Erwarten gut rauskomme - und jetzt sitze ich ja hier, also bin ich gut herausgekommen - dann heiße ich so. Und das nicht nur auf dem Buchcover, sondern auch im Ausweis.

Wenn man sich in seinem Leben mit Krimi und Thriller - mit dem Verbrechen umgibt, was ist da für Sie ein Ausgleich?

Beck: Ich gucke wahnsinnig gern aufs Wasser. Das war sehr schön, als ich hier in Hamburg-Blankenese gewohnt habe. Da bin ich jeden Abend runter zu Elbe, dort spazieren gegangen und dann wieder zurück nach Hause. Jetzt in Berlin lebe ich in der Nähe von Wannsee und Schlachtensee und kann so - zack! - hin und aufs Wasser gucken, eine Runde um den See und dann wieder zurück. Das ist der physische Ausgleich, den ich dazu habe.

Das Interview führte Daniel Kaiser, NDR 90,3.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 18.09.2017 | 19:00 Uhr

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