Stand: 09.11.2017 17:49 Uhr

"Wirklichkeit übertrifft schlimmste Vorstellungen"

Ein schockierender Kriminalfall bewegt viele Menschen in Deutschland: Der Krankenpfleger Niels H. soll am Klinikum in Delmenhorst und an einem weiteren Klinikum in Oldenburg während seiner Schichten mehr als hundert Menschen getötet haben. Für die schwedische Krimiautorin Kristina Ohlsson gehören Verbrechen zu ihrem Beruf. Vor ihrer schriftstellerischen Arbeit war sie auch bei der nationalen schwedischen Polizeibehörde in Stockholm und als Terrorismus-Expertin bei der OSZE in Wien tätig.

NDR Kultur: Wie kommt es, dass Menschen in diesem Fall schockiert sind, aber viele Leser wie auch Fernsehzuschauer sich in Krimis freiwillig mit dem Bösen und Brutalen beschäftigen und Krimis sogar zur Entspannung lesen?

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Kristina Ohlsson zu Gast bei NDR Kultur

Kristina Ohlsson: Ich glaube, wir mögen es, kontrolliert geschockt zu werden. Wenn du einen Horrorfilm ansiehst oder eine schreckliche Geschichte liest, hast du immer die Möglichkeit zu unterbrechen und zu sagen, oh, das ist mir zuviel, ich mache erst einmal etwas anderes. Aber in der Realität kann man das nicht, man kann Dinge, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen, nicht einfach "abschalten". Und ich sage immer: die schrecklichen Dinge, die im Alltag geschehen, sind viel schrecklicher als die Dinge, die Schriftsteller wie ich erfinden. Wenn Sie mir jetzt von einem Krankenpfleger erzählen, der rund 100 Menschen umgebracht hat, kann ich nur sagen: Wenn ich mit so einer Story zu meinem schwedischen Verleger gekommen wäre, hätte der nur gesagt: Das ist zu dicke, das glauben die Leser nicht. Also ich glaube, die Wirklichkeit übertrifft immer unsere schlimmsten Vorstellungen.

Versuchen wir womöglich, dem realen Bösen zu entfliehen, indem wir Bücher über fiktionales, ausgedachtes Böses lesen?

Ohlsson: Ich denke ja. Und wenn wir Krimis lesen, kennen wir alle Personen: den Kommissar, das Opfer; manchmal kennen wir auch schon den bösen Typen. Doch ich vermute, wenn ich irgendeines dieser Opfer tatsächlich gekannt hätte, die es mit einem Massenmörder zu tun bekommen haben, dann hätte ich nicht darüber geschrieben, denn dann hätte die Geschichte so viel Wirklichkeit in sich getragen, dass es kein Spaß mehr gewesen wäre, darüber zu schreiben. Wenn ich die Leser unterhalten will, muss ich eine gewisse Distanz zu den Themen haben, über die ich schreibe.

Das heißt also, solche realen Grausamkeiten könnten niemals Inspiration für Sie sein?

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"Bruderlüge" heißt das aktuelle Buch von Kristina Ohlsson.

Ohlsson: Nein, ich weiß sogar, dass "true crime" ein großes Krimi-Genre ist. Aber für mich ist das nichts. Es könnte sogar sein, dass etwas Ähnliches, wie ich es in meinen Krimis beschrieben habe, später tatsächlich einmal passiert. Aber ich würde nie echte Fälle nachträglich beschreiben, denn etwas, das für bestimmte Menschen eine fürchterliche Erfahrung gewesen ist, kann ich nicht anschließend für Unterhaltungszwecke nutzen.

Das Gespräch führte Anna Novák.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.11.2017 | 14:20 Uhr

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