Stand: 26.07.2019 16:00 Uhr

Zeichnungen eines kreativen Tausendsassas

Antonin Artaud, Zeichnungen und Portraits
von Paule  Thévenin und Jacques Derrida
Vorgestellt von Katja Weise

In fast jeder Bühnenarbeit des langjährigen Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf finden sich Sätze oder Gedanken von Antonin Artaud. Mit seinem "Theater der Grausamkeit" hat der Franzose die Entwicklung des modernen Theaters entscheidend geprägt. 1896 in Marseille geboren und nach Jahren in Nervenheilanstalten 1948 gestorben, gehörte Artaud eine Zeitlang auch zu den Vordenkern der surrealistischen Bewegung. Er war ein Multitalent, schrieb, stand auf der Bühne, gründete ein eigenes Theater, und malte und zeichnete auch. Letzterem widmet sich der Bildband "Antonin Artaud. Zeichnungen und Portraits".

Zeichnungen eines vielseitigen Genies

Gefällig ist da fast nichts. Artaud sucht sichtbar nach einem Ausdruck für etwas, das vielleicht nur er sieht. Davon zeugen verschiedene Selbstporträts, darunter eine Kohlezeichnung aus dem Jahr 1920. Der junge Mann blickt skeptisch, herausfordernd, die Augen stechen heraus aus dem schmalen, von einem wilden Haarschopf beschützten Gesicht.

Eine Einheit im Schreiben, Malen und Zeichnen

Doch ist da auch eine Melancholie, die sich anders, ins beinahe Brutale gewandelt, wiederfindet in einem mit Bleistift angefertigten Selbstporträt, das nur wenige Jahre später entstanden ist.

"Wie man sieht, gewinnt ein Gemälde in letzter Analyse seinen Wert aus dem Ausdruck. Aus dem Ausdruck, damit meine ich nicht eine bestimmte lachende oder weinende Miene, sondern die tiefe Wahrheit der Kunst." (Artaud) Leseprobe

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Antonin Artaud, 1926 fotografiert vom US-Künstler Man Ray.

So beschrieb Artaud selbst seine Suche nach "Ausdruck" Anfang der 1920er-Jahre.

Man Ray ist es 1926 mit einem seiner berühmten Porträtfotos gelungen, diesen Künstler zu sehen: Er zeigt Artauds skeptischen Blick, schräg über die Schulter, das ebenso schroffe wie verletzliche Gesicht mit den prägnanten Wangenknochen.

Artaud hat zu dieser Zeit fast ganz mit dem Zeichnen aufgehört, er schließt sich der surrealistischen Bewegung an und widmet sich neben dem Theater vor allem dem Schreiben.

Wie Paule Thévenin, seine Nachlassverwalterin, in ihrem kundigen Text herausstellt, zeigt sich jedoch bald, dass Schreiben und Malen beziehungsweise Zeichnen für den Künstler eine Einheit bilden können.

"Buchstaben und Zeichen sind auf dasselbe Ziel hin ausgerichtet, und insofern ist es ganz natürlich, dass Zeichnung und Schrift sich zu etwas verbinden, was er selbst Anfang 1945 geschriebene Zeichnungen nennt. (Paule Thévenin)" Leseprobe

Paule Thévenin, die in den letzten Lebensjahren eine enge Vertraute Artauds war, erläutert das am Beispiel von "L'être et ses fœtus", das Sein und seine Fötusse: Einer Bleistift-"Zeichnung", die etwa um diese Zeit entstanden ist.

Fast manisch das Blatt füllend

Im Mittelpunkt des Blattes befindet sich ein weiblicher Kopf, das Haar scheint in Zöpfen gefasst. Der Körper ist nur angedeutet, fragmentarisch zusammengesetzt, innen erahnt man einen weiblichen Fötus. Rund herum finden sich kleine Sonnen, Knochen, verschiedene Formen, dazwischen: Worte. Fast manisch scheint Artaud, der ab 1937 immer wieder in geschlossene Kliniken eingewiesen wurde, das Blatt gefüllt zu haben. Ein Selbstporträt aus jener Zeit zeigt einen schmalen, wie von Stacheldraht eingeschlossenen Kopf, den angedeuteten Körper zerschunden.

"Es ist die Suche nach einer verlorenen Welt, die keiner menschlichen Sprache fassbar ist/ und deren Bild auf dem Papier selber schon nur noch ein Abklatsch ist, eine Art/ herabgeminderte/ Kopie. Denn die wahre Arbeit ist in den Wolken. (Artaud)" Leseprobe

Nicht nur sich selbst hat Artaud ab 1946 porträtiert - er arbeitet dabei fast immer mit Bleistift und farbiger Kreide. Das Haar von Minouche Pastier, der Schwester von Paule Thévenin beispielsweise, erinnert an Sonnenstrahlen.

Bleistiftlocken und dunkle Schatten

In die dunklen Bleistiftlocken setzt Artaud starke gelbe und rote Striche, bei einem anderen Frauenporträt deutet er den Ausschnitt rot an. Schmeichelhaft ist keine dieser Zeichnungen. In dem Gesicht von Paule Thévenin, damals, 1947, noch keine 30 Jahre alt, meint man die alte Frau zu erahnen, die sie einmal sein wird: Dunkle Schatten liegen unter den Augen, auch sie scheint eine Eingeschlossene: "Paule aux ferrets", "Paule mit Spitzen" ist das Blatt überschrieben. Im Uhrzeigersinn finden sich außerdem an den Kanten die Worte:

"Ich lasse meine/Tochter Wache stehen/sie ist treu/denn Ophelia ist spät aufgestanden." Leseprobe

Man muss sich einlassen auf diese Bilder - und Zeichenwelt. Sie scheint auf den ersten Blick rätselhaft und bleibt es teilweise auch auf den zweiten, doch die Entdeckungsreise ist reizvoll, zumal Paule Thévenin entscheidende Hinweise zur Einordnung gibt. Artaud schreibt:

"Meine Zeichnungen sind keine Zeichnungen, sondern Dokumente./ Man muss sie betrachten und verstehen, was in ihrem Innern ist"  Leseprobe

Antonin Artaud, Zeichnungen und Portraits

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
256 Seiten, 62 Farbtafeln und 58 Abbildungen in Farbe und Duotone
Verlag:
Schirmer/Mosel Verlag
Bestellnummer:
978-3-8296-0775-9
Preis:
39,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 28.07.2019 | 17:40 Uhr