Stand: 10.02.2019 10:00 Uhr

Neues über die Evolutionstheorie

Wallace
von Anselm Oelze
Vorgestellt von Bianca Schwarz
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Oelze geht der Frage nach, ob der große Naturforscher Darwin bei Wallace abgeschrieben hat.

Die Geschichte der Evolutionstheorie, erzählt aus einem ganz anderen Blickwinkel. Das versucht der Erfurter Autor Anselm Oelze mit seinem Debüt "Wallace". Ein Roman, kein Sachbuch!

Falscher Ruhm für Charles Darwin

"Wallace" ist die Geschichte eines Zweitplatzierten. Eines Mannes, den die Zeit nicht vergessen, aber doch sträflich verdrängt hat. Denn so sind wir Menschen halt. Wer kennt schon den zweiten Mann auf dem Mond? So verhält es sich auch mit der Evolutionstheorie. Tatsächlich haben zwei Forscher gleichzeitig an den gleichen Ideen zur natürlichen Selektion gearbeitet.

Frühjahr 1858: Ein Brief verlässt eine kleine Insel in den Molukken. Sein Ziel ist Südengland, sein Inhalt: Ein Aufsatz über den Ursprung der Arten. Kaum ein Jahr später sorgt er, von zwei Buchdeckeln umschlossen, für Aufsehen. Doch nicht sein Verfasser, der Artensammler Alfred Russel Wallace, erntet den Ruhm dafür, sondern sein Empfänger, der Naturforscher Charles Darwin. Leseprobe

So heißt es im Klappentext des Buches, und damit greift Anselm Oelze ein lange vor sich hin schwelendes Streitthema auf: Hat der große Naturforscher Darwin bei Wallace abgeschrieben oder nicht? Die moderne Wissenschaft kann die Frage nicht eindeutig beantworten. Im Roman von Anselm Oelze verhält sich dies etwas anders.

Die Handlung spielt auf zwei Zeit-Ebenen

Zeitlich spielt der Roman auf zwei Ebenen: Es gibt zum einen die Schilderungen aus dem Leben und den vielen Reisen von Wallace, circa zwischen 1848 und 1862. Diese Erzählungen sind sehr satt, sehr farbenprächtig, begleiten Wallace in Brasilien, wo er viele Tierarten gesammelt und katalogisiert, den Rio Negro befahren und kartografiert hat.

Später reist er nach Indonesien und beobachtet dort, wo die Trennlinie zwischen australischer und asiatischer Fauna verläuft. Wie er dort lebt, wie er mit den Einheimischen auskommt, wie er durch die noch wirklich wilde Natur unterwegs ist, das wird packend erzählt.

Der Falter war, abgesehen von den Bewegungen seines Rüssels, noch immer regungslos. Der junge Bärtige beugte sich vorsichtig nach vorne… dann schwang er den Kescher durch die Luft, ließ ihn auf den Stein sausen… und sah, als er aufblickte, wie das Tier nur wenige Fuß über seinem Kopf in Schleifen herumflatterte. Splitternackt, wie er war… hechtete der junge Bärtige in den Fluss, jagte dem blauen Ding hinterher, rannte durchs Wasser, hüpfte über spiegelglatte Steine und scharfkantige Felsen. Leseprobe

Museumswärter will Wallace zu spätem Ruhm verhelfen

Die zweite Erzählebene spielt in einer nicht näher bestimmten Gegenwart und dreht sich um den Museumsnachtwächter Albrecht Bromberg. Dieser stolpert über die Geschichte von Alfred Russel Wallace, ist begeistert von dessen Arbeit und ebenso empört darüber, dass Wallace nie auch nur im Ansatz den Ruhm eines Charles Darwin genießen konnte.

Das möchte er ändern und so schmiedet er einen Plan, mit dessen Hilfe die Geschichtsbücher zugunsten von Wallace umgeschrieben werden sollen - der gleichzeitig aber darauf hinausläuft, die Arbeit von Darwin zu diskreditieren.

Bromberg spürte mit einem Mal eine Erregung in sich aufsteigen, die er nicht von sich kannte. "Aber es stimmt doch einfach nicht! Darwin ist nicht vor Wallace im Ziel gewesen! Er ist einfach nur früher losgelaufen! Es ist mir schleierhaft, wie jemand, der früher losläuft, aber zeitgleich mit dem Konkurrenten ins Ziel gelangt, am Ende den Sieg davontragen kann! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Das muss man doch verhindern!" Leseprobe

Sorgfältige Recherche zu Fakten und Figuren

"Wallace" ist ein bewusst altmodisch geschriebenes Buch, es orientiert sich sowohl in Stil als auch in Wortwahl 150 Jahre zurück. Darin steckt viel Wissen, eine sorgfältige Recherche zur historischen Figur Wallace, philosophische Ansätze. Doch die Wissensvermittlung funktioniert nicht immer gut, wirkt manchmal wie Wikipedia lesen. Die Charaktere agieren oft nicht nachvollziehbar, sie scheinen nicht aus inneren Beweggründen zu handeln, sondern rein auf Äußeres zu reagieren.

Anselm Oelze ist dennoch ein guter Erzähler, aber man hätte diesen Plot eleganter lösen können. Die Geschichte des Zweitplatzierten zu würdigen, ohne den Gewinner dabei zum Betrüger zu machen.

Wallace

von
Seitenzahl:
264 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling
Bestellnummer:
978-3-89561-132-2
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.02.2019 | 12:40 Uhr

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