Stand: 26.05.2019 12:40 Uhr

Ein Fall von Kindesmissbrauch

Die bessere Geschichte
von Anselm Neft
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Der Autor war selbst Schüler des Aloisiuskollegs in Bonn, an dem es Missbrauchsopfer gegeben hat.

Bereits Mitte März ist ein Buch erschienen, das jetzt erst so richtig Wogen zu schlagen beginnt: Anselm Nefts "Die bessere Geschichte". Das mag daran liegen, dass die fast 500 Seiten erst einmal gelesen sein wollten. Vielleicht aber eher daran, dass sie erst einmal verdaut werden mussten. Denn der Wahl-Hamburger beschreibt in dem Roman den Kindesmissbrauch in einem mecklenburgischen Internat in den 90er-Jahren. Allerdings verkneift sich Neft einfache Gut-Böse-Zuschreibungen. Das macht "Die bessere Geschichte" in zu einem ganz besonderen Roman.

Ein Internat in Mecklenburg

Man muss sich den Himmel über Schwanhagen wohl als meist grau vorstellen. Von der Ostsee her dürften sich Wolkenberge über der Freien Schule dort auftürmen. Anselm Neft beschreibt weder das Grau noch die Wolkengebilde, sie sind aber unausgesprochen die Kulisse für "Die bessere Geschichte", die er erzählt: Das uneindeutige Grau, das nicht weiß ist und nicht schwarz, mal Licht, mal Schatten.

Hierhin verschlägt es 1992 den 13-jährigen Tilman, einen Sonderling aus dem Rheinland. Seine Mutter hat sich das Leben genommen, sein Vater ist mit ihm überfordert. Deshalb kommt er auf die FSS, die Freie Schule Schwanhagen, ein reformpädagogisches Internat in Mecklenburg.

Suche nach Halt und Anerkennung

Die einzelnen Wohn- und Arbeitsgruppen werden hier "Familien" genannt und Tilman kommt in die "Familie" der Internatsleiter Salvador und Valerie Wieland. Allerdings nicht einfach so. Der Junge muss sich bewehren, um in die erlauchte "Wieland-Familie" aufgenommen zu werden. Dabei wird das Weiß allmählich Grau.

Ich kann bis heute nicht sagen, ob ich Salvador und Valerie gern hatte. Ich bewunderte sie, und das war es, wonach ich mich als Jugendlicher verzehrte: Erwachsene zu bewundern. Denke ich an Salvador und Valerie, fühle ich mich abwechselnd mächtig und ohnmächtig, manchmal beides so unmittelbar nacheinander, dass es gleichzeitig erscheint. Ich habe den Eindruck, dass ich bei ihnen immer kurz davor stand, auf eine Weise angenommen zu werden, auf die ich weder davor noch danach angenommen worden bin. Leseprobe

Das ist es, was Tilman (wie alle Menschen seines Alters) sucht: Halt und Anerkennung. Und das ist es, was Erwachsene (wie Priester, Trainer und in diesem Fall Lehrer) ausnutzen: Verbrämt mit okkulten Lebensmaximen schaffen Salvador und Valerie eine Abhängigkeit, in der sie ihn dazu bringen, für ihre sexuelle Befriedigung zur Verfügung zu stehen. Anselm Neft erspart einem die Details, nicht aber die innere Zerrissenheit des Jungen.

Der Missbrauch soll an die Öffentlichkeit

Als Opfer sieht er sich aber nicht. Auch 27 Jahren später: Der zweite Teil des Buches spielt in der Gegenwart, in der die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule und in etlichen kirchlichen Einrichtungen wie dem Canisius-Kolleg längst öffentlich geworden sind.

Tilmans frühere Mitschüler wollen sich nun zu einer Opfer-Initiative zusammenschließen und ihn - den mittlerweile erfolgreichen Schriftsteller, für den Autor und Missbrauchsopfer Bodo Kirchhoff Modell gestanden haben könnte - zur Teilnahme daran bewegen. Doch Tilman will nicht. Er sieht sich nicht als Opfer, will sich zumindest nicht darauf reduzieren lassen, will sein Selbstverständnis nicht so definieren.

Opfer verhalten sich oft ambivalent

Dazu der Autor Anselm Neft: "Die Essenz ist eine unglaubliche Ambivalenz, die die Betroffenen erleben und die sie auch heute noch selten so äußern dürfen, weil man gesellschaftlich eigentlich sagt: Das ist etwas ganz, ganz Schlimmes, das ist ganz, ganz böse. Deswegen darf es entweder gar nicht vorkommen - vor allem nicht im Nahbereich bei Leuten, die man sympathisch findet - oder aber es muss ganz eindeutig besprochen werden."

Dass aber Betroffene vielleicht eine innige, wenn auch auf falschen Prämissen aufbauende Verbindung zu den Menschen haben, die sie dann auch sexuell benutzen, oder dass sie die Sexualität selbst als gleichermaßen interessant wie verstörend erleben können, mal als mehr oder als weniger gewalttätig, mal als einen Preis, den man bezahlt, mal als Aufmerksamkeit und Zuwendung, die sie bekommen, ganz besondere Exklusivität, das ist dann schon wieder zu viel für den öffentlichen Diskurs."

Neft bringt Tiefe in eine oft flache Auseinandersetzung

Neft bleibt ambivalent. Angemessen ambivalent. Analytisch. Differenziert. Auch wenn er das Opfer Tilman zu einem potentiellen Täter mutieren lässt. Das ist im gängigen Opfer-Täter-Schema heutzutage geläufig. Aber als Stereotyp vielleicht doch zu kurz gesprungen?

Werden wir nicht deshalb so oft zu schuldigen Tätern, weil wir uns als ohnmächtige Opfer fühlen, bis wir schließlich tatsächlich wieder zu Opfern werden, wenn uns die Gesellschaft zu Sündenböcken ernennt, also jenen unter allen Schuldigen, die bestraft werden müssen? Diese Welt kann gar nicht anders, als Verführer hervorzubringen, denn wie sollte es sonst eine freie Wahl geben? Wer aber trifft wissend und freiwillig die Wahl, ein Verführer zu sein? Leseprobe

Anselm Nefts "bessere Geschichte" funktioniert wie ein Rührstab im Teig unserer vermeintlichen Erkenntnisse über Missbrauch. Er walkt alles durch, was wir zu wissen glauben, und macht damit nichts besser, beschwichtigt nicht, relativiert nicht. Im Gegenteil. Er schafft Tiefe in einer oft flachen Auseinandersetzung. Ein gewichtiges Buch, ein großes Buch - und ein zusätzlich auch noch gut geschriebenes. Was ja auch nicht zu unterschätzen ist.

Die bessere Geschichte

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-09334-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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Anselm Neft: "Die bessere Geschichte"

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Anselm Nefts schreibt über Missbrauch an einem Internat. Er beschwichtigt und relativiert nicht, sondern schafft Tiefe in einer oft flachen Auseinandersetzung. Audio (04:60 min)