Stand: 28.10.2019 13:28 Uhr  - NDR Kultur

Von Müttern und Töchtern

Eine Frau
von Annie Ernaux, aus dem Französischen von Sonja Finck
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Alle Bücher der 1940 geborenen französischen Schriftstellerin Annie Ernaux sind autobiografisch. Sie hat über ihren Vater geschrieben, über ihre Kindheit in der Provinz, über ihre ältere, als Kind verstorbene Schwester. Es ist ihr dabei immer gelungen, die eigene Lebenszeit als repräsentativ für ihre Epoche darzustellen. In Frankreich ist sie eine literarische Legende. Kurze Zeit nach dem Tod ihrer Mutter hat sie ein Buch über sie geschrieben, das mit dem Titel "Une femme" 1988 bei Gallimard in Paris erschienen ist. Nun kommt das Buch "Eine Frau" in der Übersetzung von Sonja Finck auf Deutsch heraus.

Annie Ernaux: "Eine Frau" (Buchcover) © Suhrkamp Verlag
Das Buch "Eine Frau" von Annie Ernaux erschien in Frankreich bereits 1988.

Um über ihren Vater und ihre Mutter zu schreiben und ihnen damit gerecht zu werden, hat Annie Ernaux eine besondere Sprache, einen eigenen Duktus entwickelt. Ganz schlicht, sachlich, ohne Metaphern, blumige Umschreibungen kommt das in ganz klassischer Strenge daher. In der Mode würde man es "Pure Look" nennen. Weiße Bluse, Stehkragen, schwarze Hose. Das ist im französischen Original deutlicher, als es in der Übersetzung sein kann, etwa dadurch, dass sie auf das passé simple, die elegante Vergangenheitsform des Französischen, verzichtet. Wobei die Übersetzung von Sonja Finck großartig ist.

Ernaux überflügelte ihre Eltern

Annie Ernaux, die aus einfachen Verhältnissen stammt und Lehrerin wurde, hat es eindeutig geschafft, ihre Eltern zu überflügeln und in eine andere Gesellschaftsschicht aufzusteigen. Durch ihr Studium und letztlich auch durch ihre Heirat. Über ihre Eltern zu schreiben, kommt ihr wie eine Art Verrat an der Herkunft vor. In ihrem Text "Eine Frau" heißt es:

"Die Mutter meines Mannes, genauso alt wie meine, hatte einen schlank gebliebenen Körper, ein glattes Gesicht, gepflegte Hände. Sie konnte jedes Klavierstück vom Blatt spielen ... Angesichts dieser Welt war meine Mutter hin- und hergerissen zwischen der Bewunderung, die die guten Manieren, die Eleganz und die Bildung ihr einflößten, dem Stolz, dass ihre Tochter dazugehörte, und der Angst, dass man hinter der Fassade ausgesuchter Höflichkeit auf sie herabblickte ..." Leseprobe

Mutter-Tochter-Beziehung mit Abgründen

Annie Ernaux © picture alliance Foto: Ger Harley
Annie Ernaux wurde 1940 in Lillebonne geboren und gilt in Frankreich als literarische Legende.

Die Mutter hat ein hartes, arbeitsreiches Leben geführt und es dadurch zu etwas gebracht. In schweren Zeiten nach dem Krieg hat sie einen Laden aufgebaut, ein kleines Café dazu, und sich enormen Respekt verschafft durch ihre Leistung. Das würdigt Annie Ernaux mit großer Liebe und einer ganz eigenen Dankbarkeit. Aber wie wohl in allen Mutter-Tochter-Beziehungen ist es kompliziert zwischen den beiden. Es gibt Abgründe und unerklärliche Abscheu, Spiegelungen, die sie kaum erträgt. Im Text wirkt es manchmal, als verteidige Annie Ernaux die Mutter eben auch gegen die finsteren Gefühle, die sie im eigenen Herzen hegt. Und immer spürt man die Scham, die Mutter so bloßzustellen. Dann wird wieder Alltag beschrieben, die Bluse, die die Mutter aus Bequemlichkeit über dem Rock trägt. Oder sie erzählt, dass ihre Mutter die Kinder, also Tochter und Schwiegersohn, beim Studium unterstützen wollte.

"Aus Angst, nicht um ihr selbst willen geliebt zu werden, hoffte sie, für das geliebt zu werden, was sie uns gab ... Die Eltern meines Mannes waren humorvoll und originell, fühlten sich zu nichts verpflichtet." Leseprobe

Buch ist geeignet, eigene Beziehung zur Mutter zu hinterfragen

Annie Ernaux ist eine brave, gehorsame Tochter. Sie ist eng mit der Mutter verbunden, schreibt Briefe, wenn sie nicht zu Hause ist, lädt sie ein und kümmert sich, als sie alt ist, aufopferungsvoll um die Mutter, die natürlich lieber eigenständig bleiben will. Der Tod der Mutter kündigt sich durch Krankheit lange an und kommt dann, wie so oft, vollkommen überraschend. Auch davon erzählt dieses Buch: von dem unerwartet heftigen Gefühl endgültiger Verlassenheit, wenn die Mutter nicht mehr da ist, obgleich sie doch lange vorher schon weit weg war. Aber es gibt nun niemandem mehr, der so bedingungslos auf der Seite der Tochter steht. "Eine Frau" ist eine eindrucksvolle psychologische und soziologische Studie. Eine Schaufel, um die eigene Mutter-Tochter-Beziehung mal wieder umzugraben. 

Eine Frau

von
Seitenzahl:
88 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-22512-7
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.10.2019 | 12:40 Uhr

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