Stand: 06.06.2018 09:57 Uhr

Ein neuer Blick auf den Kunstbetrieb

Leinsee
von Anne Reinecke
Vorgestellt von Katja Lückert
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Anne Reineckes "Leinsee" ist eine Geschichte, die Ödipus auf den Kopf stellt.

Anne Reinecke, geboren 1978, hat Kunstgeschichte und Neuere Deutsche Literatur studiert und für verschiedene Theater-, Film- und Ausstellungsprojekte sowie als Stadtführerin gearbeitet. Den fiktiven Ort "Leinsee" hat sie sich für ihren ersten Roman, der im Künstlermilieu spielt, ausgedacht. Sie wurde für das  Manuskript zu diesem Buch mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet.

Zwei schlechte Nachrichten

Kanarienvogelgelb, Regentageblau und Rosageblümt. Die Kapitel dieses Romans tragen die Namen von Farben. Allerdings nicht offizielle wie Karminrot oder Ultramarin, sondern erfundene Farbnamen. Überhaupt ist der Blick ein neuer, ein kritischer, aber auch humorvoller, den Anne Reinecke auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb wirft. Ihre Geschichte lässt sie gleich mit einem Knalleffekt beginnen. Karl, ein erfolgreicher junger Künstler aus Berlin, bekommt kurz hintereinander zwei schlechte Nachrichten von seinen Eltern, die er seit Jahren nicht gesehen hat. Bei seiner Mutter ist ein Gehirntumor diagnostiziert worden, und sein Vater lebt nicht mehr.

"Erhängt, hatte der Mann am Telefon gesagt. Karl überlegte seitdem, wie das aussehen musste: Sein Vater erhängt am Lampenhaken, im Salon, in Leinsee. Aber er bekam nicht einmal mehr zusammen, wie sein Vater im Leben ausgesehen hatte. Vor allem das Gesicht fehlte. Er erinnerte sich nur an den doppelköpfigen Umriss seiner Eltern, Arm in Arm in flackernden Fernsehbildern. Ada und August Stiegenhauer, das Künstlerpaar, die Ikonen des späten 20. Jahrhunderts, leuchtend und schön, abwechselnd redend und nickend." Leseprobe

Reinecke kennt Kunstszene als "Zuschauerin am Rande"

Die Eltern wollten nicht, dass ihr Sohn Karl von ihrem Ruhm erdrückt würde und sich selbst nicht entfalten könnte. Deshalb steckten sie ihn mit zehn Jahren in ein Eliteinternat und holten ihn nur noch sehr selten zu kurzen Ferienwochen nach Hause in die Villa im Ort Leinsee, der, nimmt man die sonstigen geografischen Beschreibungen zusammen, auch am Bodensee liegen könnte. Mit der Herzlosigkeit und dem Egoismus der Eltern kommt Karl lange Zeit nicht zurecht, bis er sich entscheidet, seinerseits den Kontakt zu seinen berühmten Eltern abzubrechen.

Anne Reinecke kennt das Milieu ganz offensichtlich aus eigener Anschauung: "Ich würde mich nicht als Teil des Kunstbetriebs betrachten, mehr als Zuschauerin am Rande. Ich habe Kunstgeschichte studiert und habe zwei Künstler in der Familie, die aber ganz anders sind als die Künstler in dem Roman. Insofern kenne ich das als Zuschauerin am Rande diese Szenerie."

Heilende Wunden

Karl steckt trotz künstlicher Trennung von seinen Eltern das Künstlertum offenbar im Blut und er beginnt sich in der elterlichen Villa einzurichten, ihr Atelier und ihr Material zu benutzen. Er freundet sich mit der achtjährigen Tanja an, die eines Tages im Kirschbaum seines Gartens sitzt. Seine Freundin und sein ehemaliges Umfeld in Berlin verstehen nicht, warum er sich im Nachlass seiner Eltern vergräbt, und ihm selbst sind die Gründe vielleicht letztlich auch nicht klar. Karl lässt sich treiben, aber plötzlich findet er seine eigene Kunst wieder besser, er legt die angeschminkte Attitüde eines Künstlers ab, der "Scheiße zu Gold" macht und sich dafür in der Welt von London bis New York feiern lässt. Endlich heilen ein paar Wunden aus seiner Kindheit, und vor allem wird Karl liebesfähig.

"Leinsee" ist eine Geschichte, die Ödipus auf den Kopf stellt, die Affektiertheiten des Kunstbetriebs ironisch ins Lächerliche zieht und doch mit liebevollem Blick auf spleenige Künstler und ihr Schaffen blickt. Was können sie dafür, was aus ihnen gemacht wird? Was können wir schließlich alle dafür?

Leinsee

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes Verlag
Bestellnummer:
978-3-257-07014-9
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.06.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Anne-Reinecke-Leinsee,reinecke128.html

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