Stand: 02.07.2020 09:43 Uhr  - NDR Kultur

Vier poetische Streifzüge von außerordentlicher Vorstellungskraft

Irdischer Durst
von Anne Carson
Vorgestellt von Lisa Kreißler

In der englischsprachigen Welt ist die 70-Jährige Kanadierin Anne Carson schon lange eine Ikone der modernen Literatur. Wie kaum eine andere Dichterin schert Anne Carson sich in ihren Büchern nicht um Gattungsgrenzen.  All ihre Texte arbeiten mit Figuren, Formen und Inhalten der antiken Dichtung, variieren die alten Stoffe jedoch mit Geschichten und Bildern aus dem Jetzt. Vergangenes Jahr ist auf Deutsch "Rot" erschienen, zwei Versromane, die den Mythos des rotgeflügelten Hirten Geryon als moderne Lovestory erzählen. Jetzt erscheint ihr neues Buch "Irdischer Durst".

Bild vergrößern
Das neue Buch der Dichterin Anne Carson: Irdischer Durst

Irgendwo, wahrscheinlich im Himmel, gibt es eine geheime Schaltzentrale, in der das gesamte Weltwissen miteinander im Gespräch ist: über antike Dichtung, über Forellen, über die Wahrheit, die man in Träumen findet, über Brigitte Bardot. Es ist der Ort, an dem die "eigentliche" Literatur stattfindet. Denn die Gespräche in dieser Schaltzentrale überstrahlen ganze Regalkilometer linear erzählender Gegenwartsliteratur. Der Regie führende Mastermind dieser Vorstellung ist Anne Carson.

Schweiß. Nichts als Schweiß. Aber ich beobachte sie gern. Die Jugend ist ein Traum, den ich jede Nacht aufsuche, dann liege ich wach mit nichts als diesem kleinen hüpfenden Strauß Adern in meiner Hand. Hart, Liebling, so hinter deren Grenzen verbannt. In jedem Auge einen Stein zu tragen. Leseprobe

Ihre Analyse wird zur Dichtung

Der in vier Teile aufgebaute Band "Irdischer Durst", im Original "Short Talks", beginnt mit Variationen auf einige Fragmente des griechischen Dichters Mimnermos. Die Streitkräfte seiner Texte, Jugend und Alter, Sex und Licht untersucht Anne Carson in einer Analyse, die selbst zur Dichtung wird.

Wenn du in seinen Gedichten von der Sonne in den Schatten wechselst, kannst du spüren, dass dir der Unterschied wie kaltes Wasser den Schädel herabläuft. Leseprobe

Die geniale Arbeitsweise der Anne Carson

In einem der Fragmente öffnet jemand einen Uhrrücken und tritt in die Uhr ein. Dieses Bild verweist, wie so viele in diesem Buch, auf Anne Carsons geniale Arbeitsweise. Die Gefährten und Motive der Altphilologin kommen aus tiefster Vergangenheit, bewegen sich jedoch, wie selbstverständlich, durch die Gegenwart. Mimnermos wird von einem New Yorker Journalisten interviewt. Ob Mimnermos an das Unbewusste glaube, fragt ihn dieser. Mimnermos' Antwort:

Morgens mit dem ersten Bläuen des Himmels sehe ich die Menschheit die über Abermillionen Menschen bis zu einer Zeit noch vor meinem Großvater zurückreicht durch meine Wohnung strömen. Leseprobe

Über seine Geliebte Nanno, für die er seine Klagelieder schrieb, will Mimnermos hingegen keine Auskunft geben. Diese Leerstelle füllt Anne Carson mit einem Langgedicht über die Geliebte des italienischen Renaissancemalers Perugino, Anna. Diese Anna, nicht weit von Anne und Nanno, nimmt gemeinsam mit Anne Carson an einer Konferenz von Phänomenologen teil.

Der Phänomenologe aus Paris hasst Mücken und hat ein kleines elektronisches Gerät dabei, das durch Simulation eines männlichen Liebesschreis das Weibchen in den Tod lockt. Gegen das Wimmern hat er sich rosa Ohrstöpsel zugelegt. Mitten im Gespräch mit dem Phänomenologen aus Sussex sehen sie eine Mücke hereinfliegen. Leseprobe

Lust daran, Regeln zu brechen

Es ist fast schon unverschämt, wie spielerisch leicht Carson Mimnermos' Leitthemen Sex und Licht in Gattungen und Zeitströmen variiert. Und nicht nur das! Sie bildet aus dem Zusammenspiel der Künste, Wort, Malerei, Musik, ein neues synästhetisches Kunstwerk. Die Geräusche werden sichtbar in den Bildern Peruginos. Der Klang wird zu einem Lachen und riecht nach Blut. Anne Carsons Montagetechnik ist nicht dem filmischen Montieren entlehnt, sondern erschafft sich ganz aus den Mitteln der Sprache heraus. Ihre Lust daran, die Regeln zu brechen, einen Gedanken aufzunehmen und ihn für einen neuen wieder zu verlassen, ihr Mut, durch den Uhrrücken in die Zeit einzutreten und im Innern eine Essenz von Dichtung zusammenzuschmelzen, machen sie zur Göttin der Gegenwartsliteratur. Und diese Göttin liebt uns. Überall in ihren Texten ist es sichtbar, das "du". Sie meint uns, sie will, dass wir lachen - und sie lädt uns ein, zu sich nach oben in den Himmel zu reisen.

Irdischer Durst

von
Seitenzahl:
120 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Matthes & Seitz
Bestellnummer:
978-3-95757-962-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.07.2020 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Anne-Carson-Irdischer-Durst,irdischerdurst100.html
04:53
NDR Kultur

Huw Lewis-Jones: "Verrückt nach Karten"

05.07.2020 17:40 Uhr
NDR Kultur

Mit diesem Buch kann man auf Fantasiereise gehen: Der Bildband "Verrückt nach Karten" entführt in Fabelwelten. Herausgegeben hat das Buch ein Naturforscher und Entdecker. Audio (04:53 min)

05:00
NDR Kultur

Katie Hale: "Mein Name ist Monster"

03.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Die Welt ist am Ende, die Menschheit ausgelöscht. Katie Hale schildert als Ich-Erzählerin eine Überlebende, die sich durch eine verlassene Welt kämpft. Audio (05:00 min)

04:55
NDR Kultur

Anne Carson: "Irdischer Durst"

02.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Die Gefährten und Motive in diesem Buch der Dichterin Anne Carson kommen aus tiefster Vergangenheit, bewegen sich jedoch, wie selbstverständlich, durch die Gegenwart. Audio (04:55 min)

04:40
NDR Kultur

Marco Balzano: "Ich bleibe hier"

01.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Südtirol während des Zweiten Weltkriegs: Marco Balzano verwebt die wahre Geschichte des Dorfes Graun und des Reschensees mit der Geschichte einer Familie. Audio (04:40 min)

04:12
NDR Kultur

Nadia Terranova: "Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand"

30.06.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Nadia Terranova erzählt die Geschichte einer Frau, die mit den Schatten der Vergangenheit kämpft. Audio (04:12 min)

05:02
NDR Kultur

Guy de Maupassant: "Bel-Ami"

30.06.2020 09:20 Uhr
NDR Kultur

Ein ungebildeter, skrupelloser, aber gutaussehender ehemaliger Unteroffizier macht dank seiner Beziehungen zu hochgestellten Damen in der Pariser Zeitungswelt Karriere. Audio (05:02 min)

04:47
NDR Kultur

Zoe Beck: "Paradise City"

29.06.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Naturkatastrophen, Megastädte und entmündigte Bürger - der Thriller "Paradise City" von Zoё Beck spielt in der Zukunft, erzählt aber eine Geschichte der Gegenwart. Audio (04:47 min)

Mehr Kultur

56:30
NDR Kultur
05:59
Landpartie - Im Norden unterwegs

Quiz: Der Künstler Cyrus Overbeck

Landpartie - Im Norden unterwegs