Stand: 25.04.2018 07:31 Uhr

Anita Rées Malerei in ihrer ganzen Schönheit und Tiefe

Anita Rée (1885-1933) - Das Werk
von Maike Bruhns
Vorgestellt von Maike Bruhns

Echte Heldentaten geschehen meist im Verborgenen, ohne Getöse, Blitzlichtgewitter und Applaus. Das gilt auch für die Aktion von Wilhelm Werner, lange Zeit Hausmeister der Hamburger Kunsthalle. 1937, als die Nationalsozialisten durch die Ausstellungshäuser marodierten und angeblich "entartete" Werke aus den Sammlungen verbannten, kam Werner ihnen zuvor. In seiner Privatwohnung versteckte der couragierte Museumsmitarbeiter sieben Gemälde der Malerin Anita Rée. 1945 reihte er die Bilder stillschweigend wieder in die Depots der Kunsthalle ein. Wer das neue Werkverzeichnis der Künstlerin aufschlägt, kann ermessen, welch unschätzbaren Dienst der heimliche Held der Kunstwelt erwiesen hat: Das Buch zeigt Anita Rées Malerei in ihrer ganzen Schönheit und Tiefe.

Anita-Rée-Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle

"Alles ist schlecht geworden"

Zeit ihres Lebens zweifelt Anita Rée an ihren künstlerischen Fähigkeiten. Selbst ihre Erfolge, ihre Ausstellungen, das Lob und die Bewunderung der Kollegen vermögen daran nichts zu ändern.

"Waren wir bei Anita und bis in ihr Atelier vorgedrungen, so beteuerte sie zunächst, dass sie nichts zu zeigen habe, dass alles schlecht geworden und wieder abgekratzt sei", erinnert sich Maler Friedrich Ahlers-Hestermann: "Bis meine Frau energisch auf einen großen Schrank zuging und unter Anitas Protest die dahinter verborgenen Leinwände hervorzog. Dann kamen oft herrliche Dinge zum Vorschein."

Schon ihre ersten Bilder lassen ein außergewöhnliches Talent erkennen. Im Herbst 1904 - Anita Rée ist 19 Jahre alt - malt sie sich selbst vor einer ländlichen Kulisse. Die junge Frau, die das braune Haar unter ihrem roten Hut zurückgesteckt hat, blickt den Betrachter direkt an. Die zusammengezogenen Brauen, die aufeinander gepressten Lippen, das vorgereckte Kinn drücken Ernst und Entschlossenheit aus. Gleichzeitig verraten die dunklen Augen der Malerin Angst und Unsicherheit.

Paris als Inspirationsquelle

Die Mischung aus forschem Auftreten und tief verwurzelter Schüchternheit scheint charakteristisch für die junge Frau. Anita Rée stammt aus einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie. Ihre Eltern können ihren künstlerischen Ambitionen wenig abgewinnen. Sie sähen es lieber, wenn ihre Tochter heiraten, Kinder bekommen und nebenbei ein wenig malen würde.

Aber Anita Rée will mehr erreichen als ein paar selbst gepinselte Aquarelle im Salon. Weil ihr als Frau das Studium an der Kunstakademie verwehrt bleibt, wird sie Schülerin des Hamburger Freiluftmalers Arthur Siebelist. Seinen spät-impressionistischen Stil empfindet sie schon bald als überholt. Nach einer Reise nach Paris - wo sie die Malerei von Matisse, Léger und Picasso kennenlernt - entwickelt sie eine ganz eigene avantgardistische Bildsprache: Sie vereinfacht, reduziert, gibt ihren Figuren geometrische Formen.

Nazi-Regime treibt sie in die Freitod

Aber Anita Rée ist noch längst nicht auf ihrem Zenit angekommen. Bis zu ihrem Lebensende wird sie ihre Malerei weiterentwickeln, Einflüsse aufnehmen und verarbeiten. In den 20er-Jahren stechen die psychologisch genauen Portraits im Stil der Neuen Sachlichkeit hervor. Viele davon zeigen selbstbewusste Frauen, die das künstlerische und gesellschaftliche Leben in der Hansestadt geprägt haben.

Dennoch: Die Gemälde, die bis heute am tiefsten berühren, bleiben die Selbstbildnisse der Künstlerin. In ihnen spiegeln sich ihre Höhen und Tiefen, kurze Glücksmomente und lange Phasen der Selbstzweifel und Depressionen. 1933 begeht Anita Rée Selbstmord - nachdem die Nationalsozialisten ihr jede Perspektive auf eine künstlerische Zukunft genommen haben.

Kunst als Lebensinhalt

In seinem Nachruf schreibt der Kritiker Harry Reuss-Löwenstein: "Mit ihr ist eine Malerin in einem Format hingegangen, wie es in Deutschland nur wenige gibt. Ihr bedeutete Kunst nicht nur Können, sondern Lebensinhalt, Dienen mit ganzer Hingabe."

Die Autorinnen des neuen Bildbands verknüpfen die Lebensgeschichte der Künstlerin mit einer fundierten Analyse ihrer Zeichnungen und Gemälde. Ein kunsthistorisches Grundlagenwerk, das sich - dank seiner spannend geschriebenen Texte - keineswegs nur für Spezialisten eignet. Das edle, in Leinen gebundene Buch ist mit seinen erstklassigen Abbildungen ein Hochgenuss für alle, die das faszinierende Werk von Anita Rée entdecken wollen.

Anita Rée (1885-1933) - Das Werk

Seitenzahl:
264 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Prestel Verlag
Preis:
79,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.04.2018 | 17:40 Uhr

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