Andreas Kollender: "Mr. Crane" © Pendragon Verlag

Roman vom Hamburger Autor Andreas Kollender: "Mr. Crane"

Stand: 03.12.2020 11:11 Uhr

Der Schriftsteller Stephen Crane, von Ernest Hemingway hoch gelobt, ist hierzulande nur hart gesottenen Amerikanisten ein Begriff. Schon jahrelang sind seine Bücher nicht mehr auf Deutsch erhältlich.

von Jürgen Deppe

Die kleine Frau mit dem seinerzeit ungewöhnlich südländischen Aussehen ist Kollenders Fantasie entsprungen: Die Krankenschwester, deren Gesicht bei einem Wohnungsbrand in Hamburg entstellt wurde. Die Arzttochter, die es in ein Lungensanatorium nach Badenweiler im Schwarzwald verschlagen hat. Der schon immer irgendwie etwas rebellische Backfisch, der von der Tante aus New York amerikanische Bücher geschickt bekommt und regelmäßig verschlingt.

Sie ist die einzige Pflegekraft im Sanatorium, die der Sprache des neuen Patienten mächtig ist, der im Mai 1900 mit seiner Entourage aus Ehefrau, Nichte, Krankenschwester und Chauffeur in den Schwarzwald kommt. "Mr. Crane", Stephen Crane, amerikanischer Schriftsteller, ist schwer an Tuberkulose erkrankt.

Der amerikanische Patient

Ihn gab es wirklich, Stephen Crane, und dass er dort war, ist Fakt. Auch dass eins seiner Hauptwerke "The Monster" heißt. Der Roman im Roman wird bei Kollender das Bindeglied zwischen ihm und ihr, zwischen dem Schriftsteller und seiner Krankenschwester, zwischen den Fakten und der Fiktion. Denn Elisabeth, so erzählt Kollender, kennt all seine Bücher.

Crane hatte ein Buch über sie geschrieben. Über sie. Elisabeth. The Monster. Das Monster Elisabeth. Die Narben zwickten. Ohne dass Stephen Crane sie je gesehen hatte, ohne sie zu kennen, aus Tausenden Kilometern Entfernung, hatte er ein Buch geschrieben, das ihrem Gesicht ein schauderhaftes Denkmal setzte. Leseprobe

Eine romantische Beziehung

Im Sanatorium entpuppt sich dieser "Mr. Crane", wie Elisabeth ihn bei allem, was sich zwischen ihnen auch ereignen wird, bis zum Schluss nennt, als charmanter, humorvoller, jederzeit zu einem Flirt bereiter Gentleman - wenngleich mit seinen gerade einmal 28 Jahren auch schon dem Tuberkulosetod geweiht. Als wäre es ein letztes Aufbäumen, kommen sich die beiden Seelenverwandten näher:

Mit den Fingerspitzen fährt Crane über die vernarbte Hälfte ihrer linken Augenbraue, über die Narbe auf der Wange, streichelt die Narbe auf ihrem Kieferknochen. Er hört gar nicht mehr auf, und Elisabeth schließt die Augen und atmet, als müsse sie weinen, und die sanften, dünnen Fingerspitzen streicheln sie immer weiter, gehen jetzt von den Narben weg, berühren ihre Nase, tasten hauchzart über ihre Lippen und wieder hinauf zu ihrer rechten Augenbraue. Leseprobe

Kleine Frau verliebt und glücklich

Elisabeth, auch erst Mitte zwanzig, verfällt dem smarten Schriftsteller, der ihr - und sei es im Fieberwahn - stundenlang von seinen Reisen erzählt, vom Skandal mit einer Prostituierten in New York, seinem Clinch mit dem Reporterkollegen Richard Harding Davis bei militärischen Kämpfen auf Kuba oder in Griechenland, seiner Freundschaft mit Joseph Conrad und H.G. Wells. Crane lebt in einer anderen Welt, auf viel zu großem Fuß, und ist ihr doch so zugewandt. Und sie? Elisabeth verliert ihr Herz an ihn, an dieses andere Leben, und riskiert alles, ihren Mann, ihren Job, ihre Existenz.

Ich ruiniere mich. Ich ruiniere mich für einen todkranken Mann aus Amerika, der in England lebt und verschuldet ist und wahrscheinlich keine Zukunft hat und ich hole mir Tuberkulose. Genau das ist es, was ich tue. Und nie, niemals zuvor bin ich so glücklich gewesen. Zum Zerreißen glücklich, verzweifelt glücklich. Glücklich. Leseprobe

Das wird die "kleine Elisabeth, die immer zu allen hinaufgucken muss", groß machen. Sie beginnt zu tun, was Frauen zu jener Zeit nicht tun durften: Sie raucht, lässt sich scheiden, liebt lesbisch. Wie Andreas Kollender das alles auf zwei Zeitebenen in meist ruhiger, gelegentlich auch aufgepeitschter Sprache einfach peu à peu geschehen lässt, ohne es zu Tode zu erklären, ist brillant.

Stephen Crane war es nicht mehr vergönnt, eine Figur wie Elisabeth zu erfinden. Andreas Kollender hat das jetzt getan. Großartig!

Mr. Crane

von Andreas Kollender
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Pendragon
Bestellnummer:
978-3-86532-685-0
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.12.2020 | 12:40 Uhr

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