Stand: 09.05.2016 10:50 Uhr

Ein Leben voller Sehnsucht

Das Buch vom Süden
von André Heller
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Wenn André Heller nicht gerade in Wien oder Marrakesch lebt, befindet er sich auf Reisen.

André Heller, Chansonnier, Aktionskünstler, Autor und Schauspieler wurde 1947 in Wien geboren und hat schon früh im Leben begonnen, sich selbst als "Gesamtkunstwerk" zu betrachten. Er war Mitbegründer des Zirkus Roncalli, hat aber auch immer mal wieder an seine Berufung zum Dichter geglaubt. Vor acht Jahren erschien seine Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein". Nun erscheint das, was sein Verlag als seinen 'ersten großen Roman' anpreist: "Das Buch vom Süden".

Der zentrale Held der Geschichte heißt Julian Passauer und ist 1947 in Wien geboren. Der Gedanke, dass es sich um ein Alter Ego des Autors handeln könnte, ist also nicht völlig abwegig. In der dem Buch vorangestellten Widmung erwähnt André Heller seine 'schöne und wundersame' Mutter, die Jahrgang 1914 ist und immer noch lebt. Auch sein Romanheld hat eine großartige Mama.

Feinsinnige Erziehungsmethoden

An einem Regentag in Venedig erfand Julians Mama das Nasentheater. Dabei handelte es sich um ein mit Schildpatt intarsiertes Holzkästchen mit zwölf Laden, in die sie die unterschiedlichsten Gegenstände legte, die Julian mit verbundenen Augen an ihrem Geruch erkennen sollte: von Sand zu Blumen über Lederstückchen, Knöpfe, Wolle, Obstkerne, Münzen, Kräuter, Vogelfedern und Teesorten. Alle paar Tage füllte sie die Laden mit Neuem, und ebenso oft war Julian um ein paar Düfte weiser. Leseprobe

Die Erziehung des jungen Mannes verläuft in vieler Hinsicht ungewöhnlich und ist von besonderer Sinnlichkeit und Feinsinnigkeit. Dazu trägt auch bei, dass die Familie im Schloss Schönbrunn wohnt. Es ist eine Dienstwohnung, da der Vater Gottfried Passauer stellvertretender Direktor des Naturhistorischen Museums ist. Dass Österreich 1918 die südlichen Landschaften - Triest, Meran und den Gardasee - eingebüßt hat, erfüllt den Vater mit Melancholie und unstillbarem Heimweh nach dem Süden.

Etwas fehlt im Leben des Romanhelden

Dass der Vater auch im KZ Buchenwald war, erfahren wir später. Die Generation der Eltern hat vieles erlitten, doch der Sprössling Julian lebt in paradiesischen Zuständen. Im Gespräch mit dem Freund des Vaters, Graf Eltz, der die Rolle eines Mentors bekommt, offenbart sich so etwas wie ein Manko im Leben des jungen Helden.

"Der Krieg (...) bringt in jedem das Äußerste heraus. Das Schlechteste, aber bei manchen auch das Beste. Der Krieg ist eine grausam-lange Stunde der Wahrheit. Wenn du nur die geringste Wahrnehmungsfähigkeit hast, weißt du, wenn du es wissen willst, am Ende des Krieges genau, wer du bist."
"Deswegen wollen es ja die meisten Leute nicht wissen", sagte Gottfried Passauer. Und Julian, der die ganze Zeit über gebannt zugehört hatte, erbat sich einen Hinweis, wie er je genaue Auskunft über sich erhalten könnte, wenn ihm, was er innig hoffte, kein Krieg beschieden sei.
"Es existieren mannigfaltige Arten von Krieg", gab der Graf Eltz zur Antwort. "Abseits von Weltkriegen, Stammeskriegen und blutigen Revolutionen, zum Beispiel die Eifersuchtskriege, die Ehekriege, die Geschäftskriege, auch Kriege im eigenen Körper, Wissenschaftskriege, Neidkriege und weiß der Teufel was. In irgendeinen Krieg wirst du schon einmal geraten, und der wird dir den Spiegel vorhalten. (...)" Leseprobe

Ein Leben ohne Emotionen

Auf den noch folgenden 250 Seiten wird das Leben des Julian Passauer weitererzählt, aber an den Punkt, an dem er erfährt, wer er ist, gelangt die Geschichte nicht. Er wird als Erwachsener ein geschickter Pokerspieler und kann sich deshalb ein Haus am Gardasee leisten. Beziehungen zu Frauen hat er auch, aber nie erlebt man ihn in einer wirklich emotionsgeladenen Situation.

Es liegt wohl daran, dass der Autor die Gefühle seines Helden nie vollends offenlegt, dass der einem einfach nicht ans Herz wächst. Dass er seine Eltern innig liebt, ist noch das Liebenswerteste an Julian Passauer. Aber selbst bei der Beerdigung der Mama bewahrt er kühle Contenance.

Das "Buch vom Süden" ist in einer wundervoll eleganten Sprache mit altmodischem Vokabular und herrlichen wienerischen Mundart-Einsprengseln geschrieben, aber über das rein Ästhetische hinaus will sich kein Lesegenuss einstellen, weil der Protagonist keine eigenen Sehnsüchte, keine echten Leidenschaften geschweige denn tiefe Enttäuschungen erlebt.

Das Buch vom Süden

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Zsolnay Verlag
Bestellnummer:
978-3-552-05775-3
Preis:
24,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.05.2016 | 12:40 Uhr

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