Stand: 20.09.2019 09:52 Uhr

Amazon verschenkt Märchenbücher zum Weltkindertag

Es klang zunächst märchenhaft, als das Börsenblatt im Juli zum ersten Mal davon berichtete, dass der Internetkonzern Amazon gemeinsam mit der Stiftung Lesen und den Buchhandelspartnern Thalia und Hugendubel zum Weltkindertag am 20. September eine Million Märchenbücher verschenken will. Doch statt eines flächendeckenden Jubelsturms brach in den Kommentarspalten des Börsenblatts und in den sozialen Netzwerken ein veritabler Shitstorm los: Influencerin Karla Paul etwa schimpfte über ein "'Social Washing' in Reinform". Für Folkert Roggenkamp, Geschäftsführer der Deutschen Bibelgesellschaft, ist diese Aktion "ein harter Schlag ins Gesicht der Buchbranche, zu der ich Amazon ausdrücklich nicht zähle." Und der Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, nannte die Aktion einen "waschechten Affront für die vielen Menschen in der Branche, die tagtäglich und mit hohem persönlichen Engagement Lesen und Literatur vermitteln". Ein Gespräch mit Pedro Huerta, Country Manager Books Deutschland bei Amazon.

Herr Huerta, Amazon ist ja kein Wohltätigkeitsunternehmen. Warum verschenkt Amazon bis zu einer Million Bücher? Was versprechen Sie sich davon?

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Pedro Huerta ist Country Manager Books Deutschland bei Amazon.

Pedro Huerta: Es ist immer wichtig, über das Buch und das Lesen zu sprechen. Als Amazon 1995 live gegangen ist, war das Buch unsere erste Produktkategorie, auch in Deutschland. Deshalb ist es sehr wichtig, zu betonen, dass das Buch und das Lesen in einer starken Verbindung mit Amazon stehen, und es ist eine große Motivation für alle Amazon-Mitarbeiter, das Lesen zu fördern. Dieses Märchenbuch-Projekt ist für uns eine natürliche Weiterentwicklung und eine neue Chance, mit anderen Partnern, besonders unter der Schirmherrschaft der Stiftung Lesen, das Lesen und das Vorlesen innerhalb der Familie in den Vordergrund zu stellen.

Ist es denn tatsächlich Leseförderung, wenn Sie nach dem Gießkannenprinzip eine Million Märchenbücher auf den Markt spülen, die dann trotz prominenter Unterstützung, wie Börsenvereinsgeschäftsführer Skipis befürchtete, "mit hoher Sicherheit in irgendwelchen Ecken des Kinderzimmers" verstauben?

Huerta: Es ist für uns wichtig, immer auf die Unterstützung und auf alle Partner einzugehen, die gemeinsam mit uns an diesem Strang ziehen. Wir haben nicht nur die Buchhandelsketten Thalia, Mayersche und Hugendubel, sondern auch den unabhängigen Buchhandel jetzt mit an Bord. Es ist eine super Gelegenheit für alle Familien, ein Buch in einer Buchhandlung oder online kostenfrei nach Hause geliefert zu bekommen. Die deutschen Familien haben die Chance, eine sehr schöne Sammlung an Märchen zusammen zu lesen oder den Kindern vorzulesen und somit das Buch in den Vordergrund eines Abends zu stellen.

Voraussetzung dafür ist aber, dass diese Familien ihre Daten bei Ihnen hinterlassen haben. Hat Herr Skipis vom Börsenverein möglicherweise also doch Recht, dass es in erster Linie ums Datensammeln geht?

Huerta: Es ist wichtig für mich, zu betonen, dass alle Partner die Chance haben, diese Bücher zu verschenken: Thalia, Mayersche, Hugendubel, der unabhängige Buchhandel und Amazon. Wir versuchen hier, das Lesen und das Buch in den Vordergrund zu stellen.

Das Logo von Amazon am Logistikzentrum in Dortmund. © picture alliance/Ina Fassbender/dpa Foto: Ina Fassbender

Amazon verschenkt eine Million Märchenbücher

Kulturjournal -

Zum Weltkindertag gibt sich der Internetgigant Amazon großzügig und verschenkt eine Million Märchenbücher an Kinder. Gute Idee gegen den Bildungsnotstand, könnte man meinen. Aber es gibt Streit.

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Die prominente Leseförderin Kirsten Boie hat auch Kritik geübt: "Wenn es wirklich um Leseförderung gegangen wäre, dann hätten die beteiligten Player die Mittel für wirklich sinnvolle Projekte zur Verfügung stellen können." Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Huerta: Wir haben von Anfang an mit der Stiftung Lesen Hand in Hand zusammengearbeitet. Wir setzen voll auf die Expertise und auf die Erfahrung, die solch eine Stiftung jahrelang aufgebaut und uns und allen anderen Partnern vermittelt hat, dass das Vorlesen eine unglaubliche Investition für die Kinder ist, damit das Buch und das Lesen Teil des Lebens, des Alltags werden. Und diese Studien, die die Stiftung Lesen gemacht hat, haben uns dazu aufgefordert, dieses Märchenbuch als Vorlesebuch zu verlegen.

Es ist ein Märchenbuch, überwiegend mit Märchen der Gebrüder Grimm - diese sind gemeinfrei, das heißt, man muss keine Rechte dafür bezahlen. Es gibt auch fünf neue, extra für dieses Buch geschriebene Märchen. Aber sind Märchen in 2019 das richtige Genre, um Kinder zu erreichen?

Huerta: Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind "Das tapfere Schneiderlein" von meinen Eltern in Peru vorgelesen bekommen habe - diese Erinnerung bleibt mir immer im Kopf. Ich glaube, dass das Vorlesen - und das erlebe ich auch mit meinen Kindern, die elf, neun und sechs Jahre alt sind - eine Oase der Familie ist. Solche Märchen, die sowohl eine Moral, aber auch sehr viele spannende und witzige Momente haben, sind ein super Mittel, das Lesen näher an die Kinder zu bringen.

Sie haben vorhin gesagt, einer ihrer großen Partner ist die Stiftung Lesen. Die ist dafür sehr stark kritisiert worden. Die Verlagsgruppe Beltz beispielsweise, Mitglied im Stiftungsrat, ist unter Protest dann dort ausgestiegen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels überlegt gründlich, so heißt es, eine weitere Mitgliedschaft. Können Sie das nachvollziehen?

Huerta: Für mich ist es wichtig, immer auf die Unterstützung hinzuweisen, die dieses Projekt erlebt hat. Über 20 Prozent aller Buchhandlungen in Deutschland werden dieses Buch ab dem 20. September kostenlos für alle deutschen Familien zur Verfügung stellen. Ich glaube, dieses Projekt hat uns alle zusammengebracht, um das Lesen und das Buch in den Vordergrund zu stellen.

Ein Kopfhörer liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

Amazon verschenkt Märchenbuch am Weltkindertag

NDR Kultur Journal

Zum Weltkindertag verschenkt der Internetkonzern Amazon mit Partnern wie der Stiftung Lesen eine Million Märchenbücher. Dafür hagelt es heftige Kritik. Ein Gespräch mit Pedro Huerta von Amazon.

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Es gab ganz am Anfang, gerade vom unabhängigen Buchhandel, sehr viel Kritik. Sie haben ihn jetzt mittlerweile zu einem Partner gemacht. Möglicherweise auch, weil es Kritik gegeben hat. Wie reagiert der unabhängige Buchhandel jetzt?

Huerta: Von Anfang an, als wir die ersten Gedanken zu dem Projekt hatten und uns mit der Stiftung Lesen ausgetauscht hatten, war der unabhängige Buchhandel ein fester Bestandteil. Denn letztendlich geht es ja darum, diese Geschichten als gedrucktes Buch, als digitales Buch, als Audiobuch zur Verfügung zu stellen - nicht nur online, sondern auch offline. Der unabhängige Buchhandel ist ein fester Bestandteil dieser Leseförderung, und deshalb wollten wir ihn von Anfang an dabeihaben.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.09.2019 | 19:00 Uhr

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