Stand: 07.08.2017 11:38 Uhr

Alte Bücher - neu gelesen: "Vögel, die verkünden Land"

von Lenore Lötsch

In unserer Sommer-Reihe "Alte Bücher - neu gelesen" erinnern sich Autoren an Bücher, die sie immer noch gerne zur Hand nehmen. Für Lenore Lötsch ist "Vögel, die verkünden Land" von Sigrid Damm ein "Buch fürs Leben".

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Lenore Lötsch hat ihre Ausgabe von "Vögel, die verkünden Land" noch immer - samt Bleistiftnotizen am Rand.

Ich war 15 oder 16, der Sommer war einer aus dem Bilderbuch, und mein Vater reichte mir ein Buch mit einem grauen, furchtbar deprimierenden Cover in die Sandburg am Strand von Sellin. "Braucht man das für die Schule?", fragte ich. "Schaden kann's nicht", antwortete der Deutschlehrer, der mein Vater war.

Im Jahr 2017 lese ich "Vögel, die verkünden Land" von Sigrid Damm noch einmal, allerdings nicht am Strand. Es ist noch dasselbe Exemplar, ich habe es meinem Vater nie zurückgegeben. Und ich begegne bei der Lektüre meinem damaligen Ich. Mit dem Bleistift habe ich sie angestrichen, die Passagen, in denen er mir besonders nahe war, der unbehausteste aller Dichter: Jakob Michael Reinhold Lenz.

"Wann werde ich so weit sein, um alles, was ich gelernt, in mir zu zerstören und nur selbst zu erfinden, was ich denke und lerne und glaube", schreibt der junge Student Lenz in Königsberg, und die Schülerin aus der DDR malt Ausrufezeichen an den Rand. Auch bei diesen Worten: "Was ihr Tugend nennt, ist Schminke, womit ihr Brutalität bestreicht."

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Leiden mit dem Dichter

Bei der Erstlektüre litt ich mit dem 1751 in Livland geborenen Lenz. Und schnell stellt sich dieses Gefühl wieder ein: der pietistische, erdrückende, übermächtige Vater, die Armut zeitlebens, die Schilderung der Lebensumstände des großen Träumers Lenz, der 41 Jahre bis zum grausamen Ende auf einer Straße in Moskau einen Platz suchte zum Schreiben, das ihm das Sein war.

Darüber, wie genau und detailversessen Sigrid Damm alles schildert: die Orte, die Freunde, die Korrespondenzen, habe ich damals wohl nicht nachgedacht. Mit den heutigen Leseerfahrungen wirkt das an einigen Stellen ein wenig zu ausufernd, und doch: Die Gründlichkeit der Recherche geht nicht auf Kosten der Lesbarkeit. Sigrid Damm hat mich verdorben für schnell geschriebene, profunde Kenntnis nur behauptende Biographien, die alljährlich den Buchmarkt überfluten, wenn irgendein Jubiläum lauert.

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Goethe und Lenz: Freundschaft mit bitterem Ausgang

Brecht schrieb einst: "Man versteht nichts von Literatur, wenn man nur die ganz Großen gelten lässt." Und ich werde - wie bei der Erstlektüre - wütend auf einen der ganz Großen. Goethe und Lenz: Das ist die Geschichte einer Freundschaft, eines Aufbruchs - und des Fallenlassens. Sigrid Damm erzählt sie mit vielen Schattierungen und beschreibt die ungerechten Urteile Goethes, dessen Zorn noch Jahrzehnte nach Lenz' Tod nachwirkte und zu Legenden, Halbwahrheiten und Verleumdungen in der Beurteilung beitrug. Lenz' Name war ein "verhasster Gegenstand", der in Goethes Weimar möglichst nicht erwähnt werden durfte.

Lenz schreibt: "Die Härte der Grundsätze ist überall gleich und man trifft freilich mitunter auch weichere und edler gestimmte Gemüther. Doch auch diese wünschen gern die ganze Welt nach sich umzustimmen. Diese Bekehrungssucht ist allgemein… Warum richten und verdammen sich doch die Menschen untereinander ohne Ursache?"

Eine Geschichte vom Scheitern

Facettenreich geschrieben ist diese Biographie, mit einem immer stimmigen Ton. Sie erzählt von einem, der scheitert, der zugrundegeht am Widerstreit zwischen Poesie und Prosa des Lebens. Für Lenz hat die deutsche Literaturgeschichte einen schmalen Absatz parat; das wusste ich mit 16 noch nicht.

Nach nochmaliger Lektüre von Sigrid Damms Romanbiographie weiß ich sicher, was mein Vater damals meinte: ein Buch fürs Leben, ganz gewiss!

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