Jacqueline Woodson: "Alles glänzt" © Piper

Besonderer US-Alltag eingebettet in eine Familiengeschichte

Stand: 16.04.2021 06:55 Uhr

Jacqueline Woodsons neuer Roman "Alles glänzt" kann man als eine Art Verneigung vor der Stärke der People of Color in den USA verstehen, trotz des dort vorherrschenden Rassismus.

von Marie Schoeß

Jacqueline Woodson denkt gar nicht daran, uns Leser sanft in ihre Erzählung gleiten zu lassen. Sie lässt uns stattdessen gleich im ersten Satz wissen, dass wir schon einiges verpasst haben und jetzt bloß - wie der verschämt-verspätete Gast einer Lesung - zum leeren Platz in die letzte Reihe huschen und hoffen können, den Anschluss zu finden.

An jenem Nachmittag aber spielte ein Orchester. Lesprobe

Im Deutschen hat sich das "aber" in die Mitte des Satzes geschlichen, im Original ruft einem gleich das erste Wort zu, dass diese Geschichte keinen sauberen Anfang hat: "But at that afternoon there was an orchestra playing." An diesem Nachmittag also wird Melody gefeiert. Sie ist noch ein Mädchen, aber heute, mit diesem Fest, tritt sie in das Leben ein, das wir gern "Erwachsenenleben" nennen.

Jeder Satz bei Jacqueline Woodsons "Alles glänzt" stupst Neugier an

Das Ritual begleitet Melodys Familie seit Generationen: die Musik, die aus dem Haus hinaus auf Brooklyns Straßen tönt, die Tänze, das gute Essen, das Kleid, sorgsam ausgesucht und angepasst, ja, selbst die Strümpfe, die sich Melody über die Waden streift, erzählen ein Stück schwarze Familiengeschichte.

Der empfindliche Strumpf, der dagegen ankämpfte, in den Halter gehakt zu werden - das hatte mir meine Großmutter beigebracht - und ihre Mutter ihr und immer so weiter; mein Fest das einzige, das eine Generation von Töchter unterweisenden Müttern übersprang. Das alles - das Korsetttragen, die Strumpfhalter, die Seidenstrümpfe - war so alt wie das Haus, das mein Vater und ich mit meinen Großeltern bewohnten. Leseprobe

Wieder hält sich die Autorin nicht damit auf, uns aufzuklären: Warum Melodys Mutter nicht in dem Haus wohnt, warum nicht sie diejenige war, die Melody in die Eigengesetzlichkeiten von Seidenstrümpfen einführte. Aber Woodson stupst mit jedem Satz Neugier und Fantasie des Lesers an, sodass sich der im Laufe dieses sprachlich und erzählerisch reduzierten Romans das Bild der Familie zusammenpuzzelt.

Großer Roman auf nur wenigen Seiten

Immer wieder dreht Woodson an der Perspektive, um zu erzählen, wie Iris, Melodys Mutter, schwanger wurde, als sie selbst noch ein Kind war. Wie sie - gegen den Willen der eigenen Eltern - entschied, dass ihr Kind leben würde. Wie sie kämpfte für das Kind, aber kaum überriss, dass am Ende der Schwangerschaft die Mutterschaft liegen würde und deshalb, als Melody schließlich auf der Welt war, arbeitete, so viel sie konnte, um sich dem Familienleben zu entziehen und aufs College zu verschwinden: weg von Melody und dem Vater, der die Rolle des Sorgetragenden sofort annahm, mehr noch - der keine Rolle darin sah, sondern glücklich wurde.

Er wusste, sie hasste es, dass er Glück darin fand - ein Job in der Poststelle einer Kanzlei, das obere Stockwerk im Haus ihrer Eltern, das Baby, das schrie, bis er aufstand, um es zu trösten. Dass er dazu in der Lage war. Er wusste, dass sie nicht verstand, wie das genug sein könnte. Leseprobe

Dieser Roman ist erstaunlich schmal für das, was er birgt: Da sind offen kämpferische Passagen. Passagen, die von Rassismus erzählen, von den Traumata dieser Familie, deren Ursachen Geschichtsbücher lieber verschweigen. Auf solche Rückblicke folgt aber bald schon ein eher leiser lyrischer Moment, der sich auf die Gefühle, Eigenheiten der Charaktere konzentriert und sie nicht als Exemplare einer Generation, einer Klasse, einer Hautfarbe vorstellt.

Jacqueline Woodson weiß, wie man Familiengeschichten erzählt

Traurigkeit und Witz, junge und alte, ambitionierte und genügsame Figuren und Erzähler stehen hier nebeneinander und es überrascht, wie flott Jacqueline Woodson von einem zum anderen springen kann. Es überrascht - obwohl das "aber" es zu Beginn der Geschichte eigentlich schon verraten hatte: Diese Autorin weiß, dass man in Familiengeschichten mittenrein springen muss. Sie weiß, dass sich ein Familienfest nur verstehen lässt, wenn man Jahrhunderte zurückspult, oft genug an der Perspektive schraubt und sich mit dem Urteilen über Mütter, Väter und ihre beklemmenden Entscheidungen lange genug zurückhält.

Alles glänzt

von Jacqueline Woodson
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
übersetzt von Yvonne Eglinger
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-07041-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.04.2021 | 12:40 Uhr

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Vladimir Nabokov: "Fahles Feuer"

Nabokovs später Roman von 1962 stellt auf rätselhafte Weise die Frage nach dem Sinn des Todes und dem Sinn der Kunst, die für ihn eine „Fata Morgana im Spiegel“ ist. 5 Min

Mehr Kultur

Bronze-Büste von Sophie Scholl © picture alliance / Winfried Rothermel Foto: pWinfried Rothermel

Sophie Scholl: Das Vermächtnis ihres Kampfs gegen die Nazis

Am 9. Mai 2021 wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden - sie wurde nur 21. Ein Essay des Historikers Magnus Brechtken. mehr