Stand: 13.02.2018 00:01 Uhr

DDR-Architektur: Von wegen alles Platte

Alles Platte? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe
von Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.)
Vorgestellt von Axel Seitz

Der Teepott in Warnemünde, die Rettungsstation am Ostseestrand von Binz und die Schifferkirche in Ahrenshoop auf dem Fischland - drei markante Gebäude, die auch Jahrzehnte nach ihrer Errichtung auffallen und herausstechen - weger ihres besonderen Baustils. Zwischen 1945 und 1990 war die Architektur in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR vielen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Wer heute auf Gebäude aus DDR-Zeiten zurückblickt, dem fallen zunächst vor allem die Plattenbauten ein. Und so fragt jetzt auch ein neues Buch über Architektur im Norden der DDR "Alles Platte?".

DDR-Architektur in Norden

Das Verwaltungsgebäude in der Stralsunder Innenstadt zwischen Rathaus und Hafen ist Architektur-Experten ein Begriff. Auch rund 50 Jahre nach seiner Fertigstellung schwärmt Denkmalschützer Jörg Kirchner von diesem Gebäudekomplex. "Der Gebäudekomplex hatte wegen seiner farbigen Elemente in den Brüstungen auch den Namen 'Konfettihaus'. Es wird noch heute von staatlicher Stelle als Bürogebäude genutzt", erzählt Kirchner. "Der Komplex wurde umfangreich saniert - auch im Innenbereich. Es gibt dort Glasmalereien und die typischen leichten Metallverstrebungen in den Eingangsbereichen. Es ist ein sehr gut erhaltenes Beispiel für Architektur in der Stralsunder Innenstadt."

Hafenmeisterhaus im Bauhaus-Stil in Rostock

Jörg Kirchner arbeitet beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin und er kennt sich aus mit Architektur im Norden der DDR, mit Häusern, die eine besondere Geschichte haben. "Zu den typische Bauten gehören die Hafenanlagen in Rostock-Marienehe. Das Hafenmeisterhaus wurde im Bauhaus-Stil gebaut. Das war damals noch möglich." Damals - das war die erste Phase des Bauens bis 1949. Jörg Kirchner hat die Zeit in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR in vier Abschnitte gegliedert. Nach der "Freien Vielfalt" bis 1949 folgte bis 1955 die "Architektur nationaler Tradition", dann bis 1970 die Phase der "Nachgeholten Moderne" und schließlich die rund 20 Jahre dauernde "Ära Honecker", in der der Plattenbau dominierte.

Gundschule Bernitt: Künstler schufen die Ausstattung

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Auch in der Grundschule in Sassnitz auf Rügen sieht man Künstlerisches: Hier sind es Kunstschmiedearbeiten am Treppengeländer.

Doch vor allem in den ersten Jahren der DDR entstanden einige außerordentliche Gebäude. Mitte der 50er-Jahre beispielsweise die Dorfschule in Bernitt bei Bützow. "Diese Schule ist besonders aufwendig gestaltet - mit klassizistischen Formen", erklärt Alexander Schacht von der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Rostock. "Damals wurde auch immer sehr großer Wert auf die Ausstattung gelegt, an der sogar Künstler beteiligt waren: Vera Kopetz mit Mosaiken und Carl Hinrichs hat ein Tafelbild gestaltet. Ursprünglich wollte man dort ein Zentraldorf schaffen mit zahlreichen Nebengebäuden - aber es ist nur bei dieser Schule geblieben."

Backsteingotik in der Stadt, Klassizismus auf dem Land

Alexander Schacht sagt, es habe für den Norden der DDR eine zum Teil typische Architektur gegeben. "Bei den Bauten der 50er-Jahre hatte man in den DDR-Zeiten die sogenannten nationalen Bautraditionen beschworen. Man wollte ewas DDR-Typisches, aber doch regional Unterschiedliches schaffen. Bestes Beispiel ist die Lange Straße in Rostock mit Bezügen zur norddeutschen Backsteingotik. Auf dem Lande orientierte man sich dagegen eher am Klassizismus."

Tradition des Nordens

Auch Jörg Kirchner verweist auf regionale Aspekte: "Charakteristisch ist die Verwendung von Backstein als Material in den verschiedenen Phasen der DDR. Damit wird die Tradition des Nordens aufgenommen. Das ist sogar in den Plattenbauten der Fall. Auch dort wurden - besonders in Rostock als wichtigster Bezirkshauptstadt - selbst die Plattenbauten mit Backsteinriemchen ausgestattet."

Nur knapp 600 Objekte aus DDR-Zeiten unter Denkmalschutz

Mit dem Abstand von mehr als einem Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR ist die Zahl der Architekturdenkmale allerdings heute sehr überschaubar. "Wir haben knapp 600 Objekte unter Denkmalschutz aus der Zeit der DDR", sagt Kirchner. "Das ist keine hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass das nur etwa zwei Prozent dessen ist, was insgesamt unter Denkmalschutz steht." Unter diesen 600 Denkmalen sind jedoch zahlreiche interessante Gebäude zu finden: sei es die Panorama-Gaststätte in Schwerin, das Filmtheater Schauburg in Güstrow, die katholische Kirche St. Josef - St. Lukas in Neubrandenburg, die Christuskirche in Greifswald oder das ehemalige HO-Kaufhaus in Bad Doberan.

Alles Platte? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Zusatzinfo:
Mit 87 Abbildungen in Schwarz-Weiß und 164 in Farbe.
Verlag:
Christoph Links Verlag
Veröffentlichungsdatum:
14. Feburar 2018
Bestellnummer:
978-3-96289-001-8
Preis:
30,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 13.02.2018 | 19:00 Uhr

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