Stand: 08.05.2019 13:29 Uhr

Von Liebe und Grausamkeit

Der Zopf meiner Großmutter
von Alina Bronsky
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Dies ist nicht der erste Roman, in dem die Autorin eine - ihre - Großmutter zur Hauptfigur macht.

Als zwölfjähriges Mädchen zog Alina Bronsky mit ihren Eltern aus Jekaterinburg im Uralgebirge in die hessische Provinz; sie sprach kein Wort Deutsch. Heute, 28 Jahre später, darf sie als eine der spannendsten deutschen Schriftstellerinnen gelten. Schon ihr Debütroman "Scherbenpark" war 2008 ein gewaltiger Erfolg, er ist inzwischen Schul-Lektüre.

Auch ihre folgenden Bücher - "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche", "Nenn mich einfach Superheld" und "Baba Dunjas letzte Liebe" - festigten ihren Ruf: Lakonie und Witz und ein bisschen Drama - das ist der "Bronsky-Beat". Jetzt erscheint ihr neuer Roman: "Der Zopf meiner Großmutter".

Eine Generation, die viel zu erzählen hat

Alina Bronsky schreibt einen Großmutter-Roman. Aufregender als die Nachricht, dass zwei plus zwei vier macht, ist diese Mitteilung schon lange nicht mehr. Was haben ihr die Großmütter denn getan, dass sie ein Babuschka-Buch nach dem anderen vorlegt?

"Ja, meine armen Großmütter. Sie haben damit natürlich überhaupt nichts zu tun, aber die Generation meiner Großeltern interessiert mich brennend und wird immer noch viel zu wenig thematisiert. Das sind Menschen, die ein Jahrhundert miterlebt haben, das sehr bewegt war, und die natürlich die ganze Palette an Kraft, Energie, Grausamkeit und Charakter-Eigenschaften haben. Das ist eine Fundgrube. Ich fürchte, dass ich nicht aufhören werde, darüber zu schreiben", sagt die Autorin.

Die Großmutter scheint zu ihrem Enkel nicht lieb zu sein

Eine Verheißung, eine Drohung? Wir lesen zweifelnd die ersten Seiten und stellen fest: Wie in "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche" und anders als in "Baba Dunjas letzte Liebe" hat sich Alina Bronsky, grob gesagt, wieder für die tyrannische Großmutter entschieden. Ungläubiges Staunen weicht ungläubigem Lachen weicht ungläubiger Empörung: So kann man doch nicht sein! So aber ist Rita, die Großmutter von Maxim, dem Ich-Erzähler: schonungslos, brutal, abgrundtief böse - nicht zu sich, nur zu allen anderen und vor allem zum Enkel in ihrer Obhut. Das ist ein aufgeweckter, kluger Junge; sie aber dichtet ihm Krankheit und Schwachsinn an:

"In Deutschland ging die Großmutter mit mir als Erstes zum Kinderarzt. Eigentlich, erklärte sie mir unterwegs, sei dies der wahre Grund unserer Auswanderung gewesen: Mich endlich bei einem anständigen Arzt in Behandlung zu geben, der mir - und vor allem ihr - vielleicht doch die Hoffnung machen würde, dass ich einmal das Erwachsenenalter erreichen könnte, auch wenn das für die Großmutter bedeutete, noch jahrzehntelang einen Klotz am Bein zu haben." Leseprobe

In Deutschland aber, diesem sonderbaren Land, das sich sowieso nicht als das Paradies erweist, von dem sie in Russland immer geträumt hat, gibt es keinen anständigen Arzt, nur Quacksalber, die Max kerngesund finden. So obliegt es weiterhin ihr, dem Jungen den Weg zu weisen.

"Die Großmutter wurde nicht müde, mich vor meinen Mitschülern zu warnen. Ich war, so trichterte sie mir ein, nicht nur körperlich schwach und geistig minderbemittelt, sondern auch mit einem Äußeren verflucht, das geradezu zu Handgreiflichkeiten aufforderte." Leseprobe

Die Migration macht der Großmutter zu schaffen

Bliebe es dabei, wäre dies nichts als eine schnell vorüberrauschende Nummernrevue mit Knallchargen als Personal. Ins komische Fundament gießt Alina Bronsky aber viel Trauer und Verzweiflung, Hoffnung und Schwermut. Rita ist ja selbst eine Strauchelnde, entwurzelt und sprachlos. Man bekommt es nicht explizit zu lesen, versteht aber doch bald, welch ein heftiger Bruch die Migration für sie war. Wer braucht sie denn noch, wenn keiner mehr das Überleben im armen Russland organisieren muss? Wer braucht sie noch?

Lesung
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Sophie Rois liest Alina Bronsky

NDR Kultur

Alina Bronskys Geschichten handeln von Menschen, die wie ihre Familie russischer Herkunft sind. Ihr neuer Roman "Der Zopf meiner Großmutter" spielt im Flüchtlingsheim. Sophie Rois liest ihn vor. mehr

Rita wankt, vergisst sogar zeitweise, ihre Umgebung zu tyrannisieren. Da atmet man aber nicht auf, gerät eher in tiefe Sorge um diese kalte Frau, in der so viel Wärme lodert, Wärme für den Enkel, für den immer schweigenden untreuen Mann, sogar - und vor allem - für dessen uneheliches Kind. "Ich dachte, dass ich eigentlich eine Liebesgeschichte schreibe", erklärt die Autorin. "Das ist eine andere Form von Liebe, von Verständnis und Akzeptanz, die vielleicht gar nicht so plausibel ist."

Für jedes Leben, heißt es einmal, gibt es mehr als eine Version. Da geht nichts glatt auf. Bei Alina Bronsky macht zwei plus zwei ungefähr fünf. Das ist eine erhebende, verstörende, beglückende Rechnung. Diese wunderbare Schriftstellerin soll bitte noch verschwenderisch viele Großmutter-Romane schreiben.

Der Zopf meiner Großmutter

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05145-2
Preis:
20,00 €

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