Stand: 21.10.2019 15:00 Uhr

"Herbst" - ein Brexit-Roman der Britin Ali Smith

Herbst
von Ali Smith, aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Die "Financial Times" nennt dieses Buch den "ersten ernsthaften Brexit-Roman".

Die britische Autorin Ali Smith arbeitet gegenwärtig an einem "Jahreszeitenquartett", also vier Romanen, die jeweils einer Jahreszeit gewidmet sind. Sie hat die Reihe begonnen mit "Herbst" und ist damit zum vierten Mal in ihrem Schriftstellerinnenleben auf die Shortlist des renommierten Man Booker Prize gekommen und hat Bestsellerlisten in England und Amerika erobert.

Es ist ein bisschen schwer, in diesen Roman hineinzukommen. Ali Smith beherrscht eine so besondere, poetische, oft wie hingetupft wirkende, artifizielle Sprache, dass man sich erst daran gewöhnen muss. Am Anfang fürchtet man, es sei eines dieser Bücher, bei denen man sich nie merken kann, wo man aufgehört hat zu lesen, weil es keine konsequent erzählte Geschichte ist.

Zwei Geschichten in einer

Aber man gewöhnt sich daran und merkt, dass die Erzählweise von Ali Smith eher dem Wirrwarr im Kopf folgt als einer stringenten Chronologie. Eine Geschichte wird es dann irgendwie doch. Wir lernen eine 30-jährige Frau kennen, Elisabeth, die einen Mann im Krankenhaus besucht. Dieser hat früher, als sie Kind war, oft auf sie aufgepasst, ihr Gesellschaft geleistet. Inzwischen ist Mr. Gluck 101 Jahre alt. Sie setzt sich zu ihm und liest in einem Buch.

Kleine Auszeit genommen?, sagt die Pflegerin. Manche können es sich leisten, was? Einige von uns müssen für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Leseprobe

Der Ton wird rauer in England

Es ist die Zeit des ersten Brexit-Referendums in Großbritannien und Ali Smith beschreibt das in verblüffender, ungewöhnlicher Weise:

Im ganzen Land wurde Trübsal geblasen und gejubelt. Im ganzen Land schnellte das Geschehene hin und her, als wäre ein Stromkabel bei Sturm von einem Mast gerissen. Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Falsche. Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Richtige. Im ganzen Land beschimpften sich die Leute gegenseitig. Im ganzen Land fühlten die Leute sich nicht mehr sicher. Im ganzen Land waren die sozialen Medien schuld. Im ganzen Land wurde alles ekelhaft. Leseprobe

Das geht in dieser unglaublichen Verknappung über zwei Seiten und man hat das Gefühl, körperlich zu spüren, was eine so desolate, politisch ungewisse Situation mit den Seelen der Menschen macht. Dann gleiten wir wieder in die Hauptgeschichte, die Alltagssituationen bietet, urkomische Beschreibungen etwa einer kleinkarierten, bornierten Bürokratie oder Begegnungen mit der Mutter.

Immer ist der Kern der einzelnen, kunstvoll verwobenen Episoden eine Art Liebesgeschichte. Zwischen einem alten, homosexuellen Schlagerkomponisten und einem Kind, dem er die Welt erklärt und Elisabeth lauter Türen in eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit geöffnet hat. Mr. Gluck war ein Geschenk in ihrer Kindheit. Er hat ihr Talent gesehen und sich Zeit genommen für Gespräche mit ihr.

Zeit ist ein wertvolles Geschenk

Nun liegt er im Pflegeheim, ist offenbar nicht mehr ansprechbar, aber Elisabeth zieht sogar vorübergehend wieder zu ihrer Mutter, um ihn häufiger besuchen zu können. Er hat mit ihr, als sie Kind war, über Zeit und Vergänglichkeit gesprochen und sie ernst genommen. Sie betrachteten zum Beispiel die Stelle, an der ein Zirkus gestanden hat, das niedergetretene Gras.

Bei einem ihrer philosophischen Diskurse hatte Mr. Gluck Elisabeth heillos gekränkt. Sie hatte sich damals für viele Jahre zurückgezogen. Nun versucht sie, etwas von dieser Zeit ohne einander doch noch einzuholen. Es gelingt ihr, indem sie neben ihm sitzt und ihn von Herbst zum Winter begleitet.

Herbst

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87578-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.10.2019 | 12:40 Uhr

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