Stand: 23.04.2020 10:54 Uhr

"Unter Kitteln": Krisenszenario auch ohne Corona

von Jürgen Deppe

Wenn ein Roman "Unter Kitteln" heißt und im Untertitel als "Ein Krankenhausroman" kategorisiert wird, könnte der Verdacht aufkommen, es handele sich dabei um einen Arztroman. Aber nein! Es geht in dem Roman aus dem Hamburger "Literatur Quickie"- Verlag zwar um Ärzte, aber nicht um Halbgötter in Weiß. Auch nicht um Helden im Kampf gegen Covid-19, sondern um unser Gesundheitssystem, das nur gesund tut.  

Alexander Rösler: "Unter Kitteln" (Cover) © Quickie Verlag
Der Autor weiß, dass es eigentlich nur darum geht, dass sich Krankenhäuser rechnen müssen.

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist nicht der Roman der Stunde, ist kein Corona-Roman, kein Pandemie-Schocker oder Endzeit-Scifi. Zwar beschreibt dieser Roman unser Krankenhaussystem in einem krisenhaften, fast katastrophischen Überlastungsmodus, allerdings so, wie er zum Normalzustand geworden zu sein scheint.

"Unter Kitteln" liest sich wie der Arztbericht über eine Vorerkrankung, die das medizinische Versorgungssystems zu einem Risikokandidaten macht. Das System als Ganzes und jeden darin Tätigen.

Es ist die vierte, letzte Nacht einer Nachtdienstserie. Er hasst die Nachtdienste, weil er sie fürchtet. Jeder fürchtet sie, aber keiner spricht davon, nur Witzchen hinterher. An den Abenden bevor man in die Nachtdienste geht, ist man kaum zu gebrauchen, abwesend, neben sich stehend. Man muss sich hineinbegeben, wie wenn man in einen See steigt. Sobald man schwimmt, ist es erträglich. Man vergisst die Gefahr, wenn man sich darin bewegt. Leseprobe

Im Zweifel für den Profit

So empfindet es Hagen Burbeis, der gerade sein Medizinstudium abgeschlossen hat und nun irgendwo in der tiefsten brandenburgischen Provinz als Assistenzarzt an der dortigen "Dubio Klinik" antritt - einer Klinik, wie man sich heutzutage wohl die meisten Krankenhäuser vorzustellen hat: gnadenlos auf Effizienz und Rentabilität getrimmt. Je schwärzer die Zahlen umso besser. Der Patient ist Kostenfaktor, mit dem man Umsatz und Gewinn schmälern oder steigern kann. Die Mediziner werden nur noch als Optimierer dieses Systems gesehen.

Es müssen mehr Patienten aus der Notaufnahme ins Haus aufgenommen werden. Die reine Behandlung in der Notaufnahme rechnet sich nicht. "Sie müssen für Ihre Arbeit ausreichend entlohnt werden und dafür können Sie selbst sorgen." Bronchitis? Könnte auch eine Lungenentzündung sein, daher aufnehmen. Beckenprellung? Manche Brüche sieht man erst am Folgetag. Leseprobe

Doberer kennt sich inzwischen damit aus: Hans-Jürgen Doberer, Geschäftsführer der Dubio-Kliniken Punzlau. Er ist dafür zuständig, dass sich der Laden rentiert, dass er Gewinn abwirft. Koste es, was es wolle.

Kranke als Cashcows

Alexander Rösler weiß, worüber er schreibt: Im Hauptberuf ist er Chefarzt an einer Klinik für Geriatrie in Hamburg. Er hat persönliche Erfahrungen gemacht mit der privatwirtschaftlich geführten Krankenhauskette, die Hamburger Hospitäler seit Jahren zu rentablen Cashcows hochzüchtet. Daher dürfte auch der bisweilen sarkastische Ton rühren, wenn er seine problematischen Protagonisten unter ihren Kitteln ziemlich fragwürdig erscheinen lässt. Obwohl sie doch angeblich so genau wissen, was zählt.

Überzählig sind in dieser Gegend nur Schafe, Männer und gesetzlich Versicherte. Leseprobe

Grellweiße Gewinnertypen

Männer wie sie selbst zählen für sie als Männer, die sich für etwas Besseres halten: Da ist zum Beispiel der wohlmeinende Gesundheitsmanager, dessen Frau zuhause schwerkrank auf ihn wartet, während er in einem trostlosen Gewerbegebiet Stammkunde in einem Thai-Bordell ist. Da ist der Karrierist, der für seine Promotion Zahlen frisiert, bis er auffliegt - ohne große Folgen. Schließlich hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus.

Das sind alles keine bösen Menschen, die da handeln. So geht es halt zu "unter Kitteln". Aber genau diese Erkenntnis macht einem dann noch mehr Angst vor unserem Gesundheitssystem.

Unter Kitteln

von
Seitenzahl:
188 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Literatur Quickie Verlag
Bestellnummer:
978-3945453636
Preis:
19,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.04.2020 | 12:40 Uhr

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