Stand: 16.04.2019 15:08 Uhr

Ein kaum vermisster Vater kehrt zurück

Wo die Geschichte endet
von Alessandro Piperno
Vorgestellt von Katja Lückert
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"Wo die Geschichte endet" besticht durch Alessandro Pipernos liebevolle Figuren, die trotz oder gerade wegen ihrer Schwächen nahbar sind.

Alessandro Piperno zählt zu den renommiertesten italienischen Autoren. Er stammt aus einer jüdisch-katholischen Familie und lehrt an der Universität Tor Vergata in Rom französische Literatur. Sein Debütroman "Mit bösen Absichten" war in Italien ein spektakulärer Erfolg. Mit dem Premio Viareggio und dem Premio Campiello wurde das Buch mit gleich zwei renommierten italienischen Literaturpreisen ausgezeichnet. In seinem neuesten Buch "Wo die Geschichte endet" geht es um Verwicklungen in einer Familie, die zunächst fast banal, dann aber überaus tragisch sind.

"Where the story ends" ist der Titel eines Songs der amerikanischen Popgruppe The Fray. Die Stimme des Sängers Isaac Slade erinnert Martina noch immer an jenes aufregende Wochenende in Paris, wo sie vor einigen Jahren den Abschied von ihrem Junggesellinnendasein feierte. Ihre Busenfreundin Benedetta war auch dabei. Inzwischen darf sie sich Schwägerin nennen, denn Martina hat Benedettas Bruder Lorenzo aus der wohlhabenden römischen Familie der Mogherinis geheiratet. Ein Milieu der gehobenen Bourgeoisie, in dem es oft um elegante Kleidung, ausgefallene Sportarten und festliche Aktivitäten geht, sich aber auch nicht selten eine gewisse Haltlosigkeit breitmacht.

"Dieser Roman steht in einem engen Zusammenhang mit meinen anderen Büchern", erläutert Alessandro Piperno. Es sei fast so, als ob die Figuren seiner Bücher miteinander befreundet sein würden. Sie alle würden in derselben Zeit, derselben Umgebung und denselben Stadtvierteln leben. "Das Ambiente meiner Romane ähnelt sehr den bürgerlichen Verhältnissen, aus denen ich selbst stamme", begründet der Autor die Ähnlichkeiten zwischen den Romanen. "Hier mischen sich Katholiken, Atheisten und Juden, auch ein Grund, weshalb ich dieses Milieu so interessant finde."

Vater Matteo kehrt aus Amerika zurück

Martina ist Mitte zwanzig, arbeitet an ihrer Doktorarbeit und nährt ein paar erotische Gefühle für Benedetta. Da sich allerdings keine rechte Gelegenheit bietet, diese auszuleben, zeigt sie ihrem Ehemann gegenüber ein ziemlich albernes und zickiges Verhalten. Martina schiebt ihre emotionale Verwirrung auf ihren Vater, Matteo, der gerade aus Amerika zu Besuch gekommen ist.

Matteo ist ein Schönling und Lebemann, der wegen arger finanzieller Schwierigkeiten vor 16 Jahren geradezu aus Rom geflohen war. Nun, da einer seiner unerbittlichsten Gläubiger inzwischen tot ist, schaut er was aus dem Familientorso in Gestalt seiner Ehefrau Federica, seiner Tochter Martina und Girogio, einem Sohn aus einer weiteren Ehe, geworden ist.

"Er ähnelt einem Onkel von mir, der auch viele Jahre in Kalifornien gelebt hat, eines Tages nach Italien zurückkehrte und Schwierigkeiten hatte, sich zurecht zu finden", schildert Piperno, wie die Figur entstanden ist. "Tatsächlich glaube ich, eine Großstadt wie Rom nach zwanzig Jahren wiederzusehen, kann eine äußerst verwirrende und geradezu verstörende Erfahrung sein."

Vor sich hin plätschernder Roman mit plötzlicher Wendung

Doch Giorgio hat wenig Interesse an einer Begegnung mit seinem Vater. Er führt ein recht gut gehendes asiatisches Restaurant und eine etwas weniger gutgehende Beziehung zu Sara, die ein Kind von ihm erwartet. Bleibt also nur Federica, die sich trotz aller erlittener Schmach, vorstellen könnte, die Zeit zurückzudrehen und noch einmal neu anzufangen mit dem Filou Matteo.

Über weite Teile des Romans weiß der Leser nicht so recht, wo diese Geschichte endet. Doch plötzlich bricht gewissermaßen die große Geschichte, die politische Weltgeschichte, mit einem so dramatischen Ereignis ein, dass die Alltagsepisoden der römischen Bourgeoisie völlig in den Hintergrund geraten.

Manche legen ihr kindisches Verhalten ab und werden von einem auf den anderen Tag erwachsen. Der Leser, der es sich gerade in diesem vergnüglichen Sittengemälde eingerichtet hatte, muss erkennen, dass es Piperno auch immer ums große Ganze geht.

Wo die Geschichte endet

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleiner.
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05868-1
Preis:
22,00 €

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