Stand: 13.06.2019 14:20 Uhr

Als Sartre in den Pariser Cafés saß

An den Ufern der Seine
von Agnès Poirier, aus dem Englischen von Monika Köpfer
Vorgestellt von Bernd Noack
Bild vergrößern
Die Autorin schreibt in leichtem Plauderton über die Zeit der Existentialisten in Paris.

Wer Paris einen gewissen Zauber, eine gewisse Magie zuspricht, sagt zunächst einmal nichts unerhört Neues. Aber auch unter den Binsenweisheiten gibt es noch einmal Abstufungen: Sind denn die Pariser Jahre zwischen 1940 und 1950 - die Jahre zwischen Besetzung, Résistance und Befreiung - nicht ganz besonders magisch gewesen?, fragt die französische Kulturjournalistin Agnès Poirier - und versucht mit ihrem neuen Buch zu beweisen, dass man diese Frage ganz eindeutig nur mit: "Ja, das sind sie" beantworten kann.

"Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere", sagte Jean Paul Sartre einmal über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris. So lakonisch ging der große Schriftsteller und Philosoph über eine Epoche hinweg, in der er als intellektuelle und gesellschaftliche Lichtgestalt verehrt wurde.

Künstlerisch und geistig besonders fruchtbare Jahre

Seine Bücher, die er zwischen grandiosem Tabakkonsum und unkontrollierten Alkohol-Nachschüben oft genug auf den Marmortischen der Cafés "Les Deux Magots" oder "De Flore" zu Papier brachte, seine durch sanktionierte Seitensprünge lebendig gehaltene Zweierbeziehung mit der nicht minder schreibfleißigen Simone de Beauvoir, seine politischen Bocksprünge zwischen radikal linker Empörung und schickem Salonkommunismus, seine dem schrillen Nachtleben abgetrotzte Integrität - ob es "schönere Zeiten" geben konnte, mag dahingestellt sein. Aber es waren im Rückblick betrachtet und Sartres Bescheidenheit als Koketterie einstufend, sicherlich die künstlerisch und geistig fruchtbarsten Jahre, die Europa im vergangenen Jahrhundert erlebt hat.

Der Korrespondent einer englischen Zeitung schrieb später: "Auch wenn man mir Nostalgie vorwerfen könnte: Das Paris der 50er-Jahre muss wohl wirklich eine Zeit gewesen sein, als Riesen auf Erden wandelten."

Rückblickende Beobachtungen

Wenn sich jetzt die 1975 in Paris geborene Journalistin Agnès Poirier in ihrem Buch "An den Ufern der Seine" daran macht, diese Zeit noch einmal zu beleuchten, dann tut sie das mit dem Manko der Nachgeborenen. Poirier kann sich zwar etwas romantisch gestimmt in eines der einfachen Zimmer des legendären, noch immer existierenden Hotel La Louisiane in der Rue de Seine einmieten, wo auch schon die Beauvoir und Juliette Gréco logierten; sie wird aber dennoch nicht mehr als eine ferne Beobachterin und Chronisten der Jahre sein, die sie nur aus Büchern kennt.

Sie war nicht mitten drin in Saint-Germain-des-Prés am linken Ufer der Seine, als es zum Zentrum einer geistsprühenden Elite wurde, die sich aus den Verboten, Entbehrungen und Erniedrigungen eines menschenverachtenden Krieges befreite. Dennoch, und das macht Poiriers Tour de Force durch einen kleinen Augenblick in der Metropole des 20. Jahrhunderts dann eben doch lesenswert, fühlt sie sich unaufgeregt, neugierig, anekdoten- und pointenreich in dieses Lebensgefühl ein, überrascht von dem, was sie da entdeckte.

Sie sagt: "Ich hatte einen Wettstreit der Meinungen erwartet, endlose intellektuelle Streitgespräche, aber nicht, dass sich die Vergangenheit so klar materialisieren würde, dass ich sie förmlich berühren, riechen, ja sogar schmecken könnte."

Zwischen Savoir-vivre und geistigen Höhenflügen

Man spürt, dass sie gerne dabei gewesen wäre, wenn Boris Vian zu später Stunde im Kellerlokal zur Gitarre griff. Als zotiger Kleinbürgerschreck gefiel er sich und Sartre steckte sich die dicke Boyard-Zigarette zwischen die Lippen und dachte über das Sein oder Nichts oder auch nur über die kleine Schwarzhaarige dort am Nebentisch nach.

So nah lagen Savoir-vivre und tiefschürfende Geistesarbeit damals beieinander. Ein Lebensgefühl, geboren aus Verunsicherung und dem Willen zum Aufbruch, aus Protest gegen überkommene Konventionen und mit dem Kitzel der Libertinage, das einen Namen bekommen musste - und den gediegenen Citoyen sogleich auf die Palme brachte.

"Wenn Existentialismus manche Menschen wütend und besorgt macht, liegt es nicht daran, dass es eine Philosophie der Verzweiflung wäre, sondern eher daran, weil sie verlangt, dass die Menschen in einem ständigen Zustand der Spannung sind. Aber warum so anspruchsvoll? Warum von den Menschen erwarten, dass sie ihre Komfortzone verlassen?"

Analytisch und provozierend

So analysierte und fragte Simone de Beauvoir damals und provozierte damit all jene, die sie und ihre Entourage als Schreckgespenster einer ebenso wortgewaltigen wie vergnügungssüchtigen Bewegung sahen, die gegen Erinnerungsverlust, Bequemlichkeit, Pfründe, dumpfes Dulden und vertrocknete Miefigkeit Sturm lief.

Die amerikanische Journalistin und überzeugte Wahl-Pariserin Janet Flanner staunte: "Das war die neue Nachkriegsgeneration, die herumzog und den Frieden mit einer grandiosen Freiheit feierte, die ihre Eltern 1918, als sie jung waren, bestimmt nicht gekannt hatten."

So lässt Poirier alle aufmarschieren, die in den "magischen Jahren von 1940 bis 1950" - so der Untertitel dieses amüsanten Spaziergangs "An den Ufern der Seine" - etwas zu sagen hatten oder auch nur weit den Mund aufrissen: das Philosophen-Traumpaar Sartre/de Beauvoir, Albert Camus, die kleine Schwarzgekleidete, Picasso und Braque, die fiebrig Neugierigen aus Übersee wie Nelson Algren, Norman Mailer oder Richard Wright, den stillen Beckett oder den konfusen Koestler, den poetischen Prévert. Namedropping allenthalben, aber eben auch ein Alphabet des Geistes.

Beziehungskrisen und politische Diskussionen

Freilich: Wer wirklich die philosophische Basis, Brillanz und Brisanz des Denkens dieser Menschen in ihrer Zeit verstehen will, der hält sich sicher an Sarah Bakewells grandiose, sachkundige Kollektivbiografie "Das Café der Existentialisten", in der sie den Zusammenhang von Sein und Aprikosencocktails bestens erläutert. Dafür menschelt es bei Poirier umso mehr, ohne dass die Autorin zwischen Bettlaken und schummrigen Gassenecken groß nach pikanten Details suchen muss.

Hier werden eher die Beziehungskisten, die zum Alltag gehörten wie der Diskurs an oder vor der Sorbonne, aufgemacht, wer da mit wem das andere Geschlecht entdeckte. Man wundert sich, wie Albert Camus die Zeit fand, "Die Pest" zu schreiben und nebenbei noch all seine komplizierten Frauengeschichten zu meistern. Vielleicht interessiert auch wirklich nur beiläufig, was die Beauvoir anhatte als sie mal wieder fremd ging (obwohl das ja so mit Sartre abgemacht war), und dass die 19-jährige Gréco nicht nur für Männer, sondern auch für kreolische Blutwurst schwärmte.

Gleichwohl transportiert diese Kulturgeschichte über eine "intellektuell dauererregte" Stadt in sicherem Plauderton eine ganze Menge von dem unvergleichlichen Existenzgefühl, das man heute an der Seine nur noch mühsam aufspüren kann. Denn die Zeit, da, wie Hemingway schrieb, Paris "ein Fest fürs Leben" war, ist auch an den Ufern der Seine schon lange nostalgisch verklärte Vergangenheit.

An den Ufern der Seine

von
Seitenzahl:
508 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-96401-1
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.06.2019 | 12:40 Uhr

04:48
NDR Kultur

Agnès Poirier: "An den Ufern der Seine"

14.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Agnès Poirier transportiert in ihrem Buch "An den Ufern der Seine" viel von dem unvergleichlichen Existenzgefühl, das man heute in Paris nur noch mühsam aufspüren kann. Audio (04:48 min)

04:09
NDR Kultur

Colson Whitehead: "Die Nickel Boys"

13.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Colson Whiteheads Roman über schwarze Jugendliche, die in einer Besserungsanstalt ums Leben kommen, hat eine nüchterne Sprache, die beim Leser Empörung weckt. Audio (04:09 min)

04:28
NDR Kultur

Mikael Torfason: "Die Fallenden"

12.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mikael Torfason schreibt erstaunlich munter und kurzweilig über zum Teil katastrophale Familien-Ereignisse. Audio (04:28 min)

04:29
NDR Kultur

Christina Grätz und Manuela Kupfer: "Die fabelhafte Welt der Ameisen"

11.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Christina Grätz schreibt wunderbar lebendig über Ameisen. Ergänzt wird das Buch durch Wissenswertes zum Thema, das Co-Autorin Manuela Kupfer zusammengetragen hat. Audio (04:29 min)

Mehr Kultur

51:09
NDR Info
03:08
Hallo Niedersachsen