Stand: 16.12.2017 17:40 Uhr

Raffael - ein Meister der Renaissance

Raffael
von Achim Gnann (Hg.)
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Leonardo, Michelangelo und Raffael: Sie bilden das künstlerische Dreigestirn der Renaissance. Und weil so schwer zu sagen ist, wer der Bedeutendste von den Dreien ist, hat jeder im Laufe der Jahrhunderte sein Label bekommen: Leonardo gilt als "das Universalgenie". Michelangelo - dem es als Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter auch nicht an Talenten mangelte - wird als der "unübertroffene Bildhauer" gefeiert.

Den Ruf des besten Malers allerdings genießt - bis heute - Raffael. Natürlich vereinfachen solche Einordnungen, aber ein bisschen Wahrheit scheint doch darin enthalten zu sein: Wer in dem neuen Bildband mit Werken von Raffael blättert, kommt nicht umhin, in das Loblied auf den großen Maler und Zeichner einzustimmen.

Raffaels Madonnen: fast normale Frauen

Bildnisse mit psychologischer Präzision

Man könnte Raffaels "Knabe(n)" für das Bildnis eines Kindes halten. Auf seinem Kopf kräuseln sich weiche Locken, die Wangen schimmern rosig. Der Junge sitzt seitlich zum Betrachter und schaut mit großen braunen Augen aus dem Bild heraus. Allerdings verraten der Flaum auf seiner Oberlippe und der trotzige Blick, dass er sich nicht mehr als "Knabe" behandeln lassen will.

Mit psychologischer Präzision fängt Raffael das Gefühlschaos der Pubertät ein: kein Kind mehr zu sein, aber auch noch kein Mann. Empfindungen, die Heranwachsende von heute noch genauso beschäftigen wie den unbekannten Jungen Anfang des 16. Jahrhunderts. Denkt man sich das Renaissance-Gewand weg, könnte Raffaels "Knabe" ein Jugendlicher mit Jeans, Turnschuhen und Baumwoll-Hoodie sein.

In Raffaels Figuren zeigt sich das universell Menschliche

"Raffaels Figuren (…) besitzen eine Strahlkraft, ein inneres Leben und sind von Gefühlen beseelt, die auf ihre Umgebung weiterwirken." Leseprobe

Albrecht Schröder, Direktor der Wiener Albertina, bringt in seinem Vorwort auf den Punkt, was bis heute den Reiz der Bilder ausmacht: In Raffaels Figuren zeigt sich Universell-Menschliches. Mag die Kleidung die Männer und Frauen in ihrer Zeit verankern - ihre Mimik, ihre Gesten sind so lebendig und lebensnah, als stammten sie aus dem Hier und Jetzt.

Das zeigt sich auch in den Marienbildern, die den Maler berühmt gemacht haben. Glorienschein und blaues Gewand lassen keinen Zweifel daran, dass seine Madonnen Heilige sind. Trotzdem wirken sie wie ganz normale Frauen. Mit dem Christuskind auf dem Schoß sind sie junge Mütter, in deren Gesichtern sich Glück und Stolz, Ängste und Sorgen spiegeln.

Fundierte Analysen von Raffaels Technik

Die Autoren des neuen Bildbands begnügen sich nicht damit, Raffaels Meisterwerke vorzuführen. In fundierten Analysen gehen sie seiner Kunst auf den Grund und stellen fest: Schon im ersten Zeichenstrich unterscheidet sich der Maler von seinen Zeitgenossen.

Statt Figuren mit festen Konturen zu umschließen, formt er seine Körper aus locker geschwungenen Linien. Diese Technik lässt sie plastisch, beweglich und voller Leben erscheinen. Vor allem aber verankert der Künstler seine Gestalten im Bildgeschehen, lässt sie in Verbindung treten und miteinander agieren wie Menschen aus Fleisch und Blut:

"Jeder Akteur ist vollkommen durchdrungen von den Motiven seines Handelns. Seine Emotionen strömen weiter zum Nächsten und festigen dadurch die gegenseitige Verbindung." Leseprobe

Fachwissen auf hohem Niveau

Das Buch, das mit seinem hochwertigen Deckel und den burgunderroten Vorsatzblättern edel gestaltet ist, liefert Informationen über Raffaels Leben, seinen künstlerischen Werdegang, seine Einflüsse und Auftraggeber - Fachwissen auf hohem Niveau. Aber davon sollte sich niemand abschrecken lassen. Wer will, kann auch einfach nur die erstklassigen Reproduktionen der Zeichnungen und Gemälde genießen.

Wie Raffael mit wenigen Strichen Schönheit und Grazie ins Bild setzt, Zweifel, Trauer und Melancholie, ist faszinierend modern. Man hat den Eindruck, die 500 Jahre alten Figuren fühlen und denken zu sehen. Innenansichten von Menschen, denen Wut und Zorn nicht fremd sind.

Manche von ihnen kämpfen, morden und verletzen. Aber die große Mehrzahl von Raffaels Männern und Frauen handelt aus Liebe und Empathie. Dass solche Bilder die Jahrhunderte überdauern, ist tröstlich in einer Zeit, in der Menschlichkeit und Mitgefühl immer weniger zu zählen scheinen.

Raffael

Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Beiträge von C. Whistler, B.Thomas - 448 Seiten, 280 Abbildungen in Farbe - 24 x 30 cm, gebunden
Verlag:
Hirmer Verlag
Preis:
49,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.12.2017 | 17:40 Uhr

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