Stand: 22.11.2019 16:00 Uhr

Nigeria und die psychischen Folgen von Gewalt

von Tobias Wenzel

Mit 37 Jahren hat Abubakar Adam Ibrahim den nigerianischen Literaturpreis erhalten, den mit 100.000 US-Dollar höchstdotierten Literaturpreis Afrikas. Und zwar für seinen Debütroman. Nun, drei Jahre später, ist das Buch unter dem Titel "Wo wir stolpern und wo wir fallen" auf Deutsch erschienen. Der Roman thematisiert die psychischen Folgen von Gewalt.

"Hajiya Binta Zubairu wurde im Alter von fünfundfünfzig Jahren endlich zum Leben erweckt, als ein Gauner mit dunklen Lippen und kurzem Stachelhaar, das wie ein Feld mit winzigen Ameisenhügeln aussah, über ihren Zaun kletterte und mitsamt seinen Stiefeln im Tümpel ihres Herzens landete." Leseprobe

Eine ungewöhnliche Liebesbeziehung

Abubakar Adam Ibrahim: "Wo wir stolpern und wo wir fallen" (Cover) © Residenz Verlag
Ibrahims Buch ist ein bewegender und großartiger Debütroman.

Die Witwe Binta und der deutlich jüngere Reza, ein Gang-Anführer, der bei ihr eingebrochen ist, verlieben sich ineinander. Reza erinnert Binta an ihren Sohn, den die Polizei getötet hat. Binta erinnert Reza wiederum an seine abwesende Mutter. Eine Liebesbeziehung beginnt, die in der muslimischen Gesellschaft undenkbar ist und die die beiden deshalb geheim halten.

Abubakar Adam Ibrahims so origineller wie einfühlsamer Roman "Wo wir stolpern und wo wir fallen" ist aber vor allem eine Erkundung dessen, was die Abwesenheit von Menschen, oft ausgelöst durch Gewalt, in den Seelen der Zurückgebliebenen anrichtet.

Der Roman spielt in der Heimatstadt des Autors

Das Buch ist in Jos angesiedelt, der nigerianischen Heimatstadt des Autors. Von 2001 an hat es dort heftige Unruhen mit Morden gegeben. Ibrahims Haus wurde angezündet. Er zog dauerhaft in die Hauptstadt Abuja und er sagt: "Zu sehen, wie Leute, die du kennst, dich umbringen wollen aufgrund von angeblichen Differenzen, die du gar nicht verstehst, ist unbegreiflich. In Jos habe ich gelernt, was Menschlichkeit ist und wie sie in etwas Monströses und Beängstigendes umschlägt."

Auch im Roman wird der Leser schließlich Zeuge dieses Kippens von Menschlichkeit in Gewalt. Zugleich ist das Buch eine Hommage an die aussterbende afrikanische Tradition des mündlichen Erzählens von Geschichten. Um etwas davon zu bewahren, hat Ibrahim, der in Nigeria auch als Journalist arbeitet, Sprichworte gesammelt und jedem Kapitel des Romans ein passendes vorangestellt:

"Der Reiher war bereits weiß, da war die Mutter des Seifenmachers noch lange nicht geboren." Leseprobe

Korrupte Politiker bedrohen die Demokratie

Wer glaubt, der Roman "Wo wir stolpern und wo wir fallen" sei so betulich wie ein Sprichwort, irrt allerdings. Zwar gelingt es Ibrahim, auch durch Humor, hier und da eine gewisse Leichtigkeit zu erzeugen. Aber die durch Mord, Gewalt und Abwesenheit ausgelösten Traumata sind genauso spürbar wie die Bedrohung der Liebe von Binta und Reza und die Manipulation der Demokratie.

Im Roman ist Wahlkampf. Und dem korrupten Senator Buba Maikudi sind alle Mittel recht. Wie im realen Nigeria. Ibrahim erzählt: "Es gibt immer mehr Leute wie Buba Maikudi. Das ist tragisch. Politiker haben Zugriff auf das Landesvermögen. Anstatt das Geld für Infrastruktur und Dinge auszugeben, die der Gesellschaft zugute kommen, horten sie lieber die Ressourcen. Wenn man hungert, geht man dann zu ihnen, bekommt Geld, muss ihnen aber dafür einen kleinen Gefallen tun."

Reza tut dem Senator einen großen, unmenschlichen Gefallen - es geht um eine Entführung -, wird aber von ihm schließlich verraten. Und die Beziehung zwischen dem Kriminellen Reza und der unbescholtenen, viel älteren Binta wird konfliktreicher und endet mit einem Toten. Denn die muslimische Gesellschaft erweist sich als zu konservativ für diese Liebe zwischen zwei derart ungleichen Menschen. Ein bewegender, ein großartiger Debütroman.

Wo wir stolpern und wo wir fallen

von
Seitenzahl:
360 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Residenz
Bestellnummer:
978-3-7017-1712-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.11.2019 | 12:40 Uhr

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