Schild mit der Aufschrift "Kein Eingang" im Eingangsbereich der Leipziger Buchmesse © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas Foto: Jan Woitas

Absage Leipziger Buchmesse: "Das ist eindeutig ein Drama"

Stand: 29.01.2021 12:16 Uhr

Erneut wird es auch 2021 keine Leipziger Buchmesse geben. Eine Nachricht, die viele Literaturfreunde traurig macht. Die Pandemie lässt eine große Publikumsveranstaltung einfach nicht zu. Über die Konsequenzen spricht NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch.

Schild mit der Aufschrift "Kein Eingang" im Eingangsbereich der Leipziger Buchmesse © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas Foto: Jan Woitas
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Was bedeutet das nun für den Literaturbetrieb?

Alexander Solloch: Das ist eindeutig ein Drama in einer an Dramen nicht armen Zeit, ein ziemlicher Schock. Man konnte sich wohl ehrlich gesagt in den letzten Wochen schon darauf einstellen, aber irgendwie wollte man sich nicht darauf einstellen, weil doch bis zuletzt eine jedenfalls oberflächliche Hoffnung sich nicht so einfach wegwischen ließ.

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur

Der Gedanke war ja auch einfach zu verlockend gewesen: Bislang standen Buchmessenbesucher in Deutschland nämlich entweder immer im Frankfurter Herbstregen oder, immerhin ein bisschen vergnüglicher, im Leipziger Märzschneematsch; als dann die Leipziger Messe vor einem guten halben Jahr beschloss, die Buchmesse 2021 findet Ende Mai statt, waren wir alle erst einmal ziemlich euphorisiert, zunächst natürlich deshalb, weil in dieser Nachricht so viel Hoffnung auf Normalität mitschwang. Es schwang sogar Hoffnung auf etwas Besseres als die Normalität mit: Leipzig im Mai, dachten wir, warum eigentlich nicht immer so? Eine Buchmesse in der milden Maisonne, dann, wenn Leipzig, diese sowieso wunderschöne Bücherstadt, am allerherrlichsten strahlt und man gar nicht mehr weiß, wie man "Virus" überhaupt buchstabiert. Das schien uns zu schön, um nicht wahr zu sein.

Aber das war im vergangenen Sommer, als viele von uns dachten, das Schlimmste sei überstanden. Die heutige Nachricht ist sozusagen der amtliche Stempel auf der absoluten Ernüchterung, die seither eingesetzt hat. Es ist also ein Drama für die Gemüter aller Akteure im Literaturbetrieb, ein Drama für die Leipziger Messe, für die Stadt Leipzig, für alle, die gehofft hatten, irgendwann könne die Kultur wieder Luft holen. Nein, sie muss weiter japsen.

Ist das denn die richtige Entscheidung schon vier Monate vorher? Hätte die Messe nicht noch ein bisschen warten sollen?

Solloch: Wer wollte in dieser extremen Situation Vorwürfe verteilen oder gar Noten? Die Leipziger Messe selbst sagt: "Der schwere Verlauf der Pandemie lässt uns keine Wahl. Eine Veranstaltung mit mehr als 100.000 Gästen kann unter Gewährleistung der Gesundheit und angesichts der aktuellen Rechtslage nicht stattfinden."

Eine Rolle spielen bei den Überlegungen der Messe außerdem zweifellos die Tatsache, dass die Impfkampagne in Deutschland doch sehr schleppend beginnt, und die Sorge vor weiteren Mutationen und ihren unabsehbaren Folgen. Hinzu kommt, dass in diesem Jahr Portugal das Gastland in Leipzig gewesen wäre. Nun sind gerade in diesen Tagen die Infektionszahlen in Portugal besonders schlimm.

Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Sebastian Willnow

AUDIO: Direktor Oliver Zille zur Absage der Leipziger Buchmesse (6 Min)

Also - rationale Gründe für eine Absage gibt es genügend. Was passiert, wenn man nicht klar und rechtzeitig entscheidet, haben wir ja im vergangenen Herbst in Frankfurt gesehen, bei den fragmentarischen Resten von Buchmesse, die es da noch gab. Dem waren ja quälend lange Wochen vorangegangen mit Zwischenetappen wie: die Buchmesse findet statt, die Buchmesse findet reduziert statt, die Buchmesse findet noch ein bisschen reduzierter statt, die Buchmesse findet nur noch in einem Saal statt, schließlich fand sie eigentlich nur noch digital statt.

Diese monatelange Unklarheit hat die Buchbranche vollkommen entnervt; da ist es schon besser, rechtzeitig eine klare Entscheidung zu haben. Es ist traurig, aber wohl besser.

Wird es nun ein irgendwie geartetes Ersatzprogramm geben?

Solloch: Das jedenfalls kündigt die Buchmesse an: Es werde im Mai ein ausgewähltes Programm digital und an einzelnen Leseorten in der Stadt Leipzig geben, es solle eine digitale Plattform eingerichtet werden, auf der Lesungen veranstaltet werden. Das hat sich in der Not einigermaßen bewährt, auch wenn ich persönlich finde, man wird dieses ganzen digitalen Ersatzkrams dann schon irgendwann sehr müde. Gut, dass es die Möglichkeit gibt, aber es ist eben nur ein Trostpflaster: süße Kinderschokolade statt eines herrlichen Stücks Buttercrèmetorte. Immerhin sagt die Messe auch, es solle zudem "ausgewählte Präsenzveranstaltungen mit Publikum" geben, entscheidende Einschränkung: je nach Pandemielage. Also: bloß nicht wieder den Fehler machen, sich zu früh auf irgendetwas zu freuen.

Das Gespräch führte Anna Kremer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 29.01.2021 | 11:20 Uhr

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