Stand: 16.02.2020 11:52 Uhr  - NDR Kultur

Abbas Khiders erschütternder Blick auf den Irakkrieg

Palast der Miserablen
von Abbas Khider
Vorgestellt von Alexander Solloch

Wie der Mensch als Einzelwesen unterdrückt und zerstört wird, dieser aber strampelt und strampelt, um zu überleben - das ist, grob gesagt, das Thema der Romane von Abbas Khider. Der 46-Jährige ist ein überaus lustiger Mensch, das hat er im vergangenen Jahr mit seinem nicht übermäßig ernst gemeinten Lehrbuch "Deutsch für alle" bewiesen. Aber er blickt zurück auf eine düstere Geschichte: Verfolgung, Haft und Folter im Irak, jahrelange Flucht um die halbe Welt, bis er schließlich, eher zufällig, in Deutschland landete.

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Khiders Sprache in seinem neuen Roman hat sich verändert, sie ist härter geworden.

Es sind Geschenke für die deutsche Literatur, die Abbas Khider in den letzten Jahren mit seinen farbig-dramatischen Romanen "Der falsche Inder", "Brief in die Auberginenrepublik" und "Ohrfeige" uns bereitet hat. Nun ist sein neues Werk "Palast der Miserablen" erschienen.

Hart ist diese Geschichte und schwer zu ertragen. Es gibt nichts, was ihre Wucht dämpfen könnte. Abbas Khider hat sich endgültig von allen Orientalismen verabschiedet, die die Brutalität seiner früheren Bücher noch gemildert hatten. In seinem neuen Buch benutzt er kaum noch poetische Bilder. Seine Sprache ist jetzt grob und nahezu unbehauen. Die Düsternis eines ganz normalen Lebens sinkt ohne Umweg auf uns herab.

Ich saß im Bus, schloss die Augen und stellte mir vor, der Bus würde durch Paris fahren, am Eiffelturm vorbei. Nach einer Weile machte ich die Augen wieder auf und sah aus dem Fenster eine Statue von Saddam, durch deren Schatten wir gerade fuhren. Leseprobe

Erinnerungen an die Zeit im Gefängnis

Ein junger Mann erinnert sich: Shams Hussein sitzt in Bagdad im Kerker, vergessen und verhungernd. Es ist Frühjahr 2003, die Amerikaner und Briten bombardieren die irakische Hauptstadt, die Wärter sind verschwunden. Worauf kann der Gefangene jetzt noch hoffen? Seit Jahren ist er eingesperrt. Er wurde verhaftet und gefoltert, weil er verbotene Bücher verkauft hatte - wie einst, in den 90er-Jahren, Abbas Khider.

"Es war eine sehr harte Zeit, aber ich hatte irgendwann die Möglichkeit, das alles zu reflektieren und darüber zu schreiben. Ich habe mich wirklich damit jahrelang beschäftigt. Eine Autorin hat mir dabei sehr geholfen: Hannah Arendt. Sie ist eine besondere Denkerin in der Menschheitsgeschichte. Solche Menschen, die selbst auch Diktaturen erlebt haben und versuchen, das zu reflektieren, die können uns etwas geben!", sagt der Autor.

Was Abbas Khider uns gibt, ist die Gewissheit, dass dem Menschen alles genommen werden kann, nicht aber seine Größe und Würde.

Aufwachsen in der Zeit der Kriege

Die Geschichte beginnt in den 80er-Jahren im Südirak. Shams wächst im Zeitalter der Kriege auf. Das ist zwar schlimm, aber er kennt es ja nicht anders. Seine Familie schlägt sich irgendwie durch. Nach dem Golfkrieg 1991 zieht sie nach Bagdad, um in der Masse verschwinden zu können und vor der wahllosen Verfolgungen des Saddam-Regimes sicher sein zu können.

Doch es ist unmöglich, dort eine reguläre Behausung zu finden. Am Rande des Müllbergs, im Blechviertel, bauen sie sich aus alten Konservendosen ein kleines Haus. Mit Gelegenheitsarbeiten hält sich die Familie über Wasser, und dann kommt es zu einer spektakulären Entdeckung: die Welt der Bücher! Shams, kaum erwachsen, gerät in einen kleinen Kreis von Literaturliebhabern, die sich unregelmäßig freitags in der Wohnung eines blinden Büchernarren treffen. Es ist der "Palast der Miserablen".

Zugang zu Büchern und an Literatur interessierten Menschen

Es war herrlich, die Welt draußen für ein paar Stunden einfach vergessen zu können. Die Zeit in unserer kleinen Zuflucht fühlte sich jedoch immer weniger wie ein Teil unseres Lebens an und dafür mehr und mehr so, als wären wir mit Hilfe irgendeiner Zauberformel in eine Traumwelt getreten, die nichts mit Bagdad zu tun hatte. Wir entfernten uns aus unserer Gegenwart und wurden zu neuen Menschen mit ganz anderen Problemen als Hunger, Arbeitssuche oder Krankheit. Stattdessen debattierten wir über das richtige Versmaß, schräge Metaphern oder gackerten einfach herum. Doch dann… Leseprobe

So ist das in diesem wundervollen, traurigen Roman: Immer, wenn irgendetwas auch nur den Anschein erweckt, vielleicht in eine gute Richtung zu gehen, kommt ein gewaltiges "Doch dann", das alles erschlägt.

Palast der Miserablen

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26565-3
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.02.2020 | 12:40 Uhr

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