Stand: 17.07.2019 13:34 Uhr

Jens Balzer über "Das entfesselte Jahrzehnt"

von Matthias Schümann
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"Ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit." - 600 Millionen Menschen weltweit verfolgten die Mondlandung 1969.

Die Mondlandung von 1969 hatte eine lange Vorgeschichte. Schon in den 50ern fanden die ersten Versuche für den bemannten Flug zum Mond statt. Das Ereignis war aber auch prägend für das ganze folgende Jahrzehnt, die 70er-Jahre. Das behauptet zumindest der Journalist und Publizist Jens Balzer. Er hat das kürzlich erschienene Buch "Das entfesselte Jahrzehnt" geschrieben und darin geht es um den "Sound und Geist der 70er", so der Untertitel. Natürlich beginnt es mit dem Woodstock-Festival 1969, das das Bild der Hippie-Kultur prägte und aus heutiger Sicht die bemannte Raumfahrt fast in den Hintergrund drängt.

Woodstock und die Mondlandung

Richie Havens singt seinen Song "Freedom" auf dem Woodstock Festival, ein Ereignis, das sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat: Folk-Musik, lange Haare, freie Liebe und junge Leute, die wie Kinder im Matsch spielen. Der Buchautor Jens Balzer kontrastiert dieses Ereignis mit der Mondmission. Der Start der Trägerrakete Saturn hatte im Juli 1969 in Brevard County in Florida eine Million Menschen zusammengeführt. Für Balzer ist dies mindestens so wichtig für die 70er-Jahre wie das Woodstock-Festival.

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Jens Balzer ist Autor, Kolumnist und Dozent. Er wurde im Jahr 1969 geboren, in dem sich u.a. die Mondlandung ereignete.

"Die Mondlandung ist gewissermaßen das Scharnier zwischen den 60ern - also diesem Jahrzehnt der Utopien und der Hoffnung auf den technischen Fortschritt - und den 70er-Jahren, wo diese utopische Hoffnung erstmal enttäuscht worden ist. Die Mondlandung ist der große Erfolg der menschlichen Technik. Und schon in dem Moment als Neil Armstrong da oben herumhüpfte, hat sich die Erkenntnis eingestellt, dass es eigentlich nicht wesentlich darüber hinausgehen wird. Und ich glaube, diese Katererfahrung ist sehr wichtig, weil sich dann aus dieser Enttäuschung was entwickelt, was man vielleicht so die kleineren, utopischen Erzählungen oder Hoffnungen nennen könnte."

Faszination fürs Dunkle

In seinem Buch "Das entfesselte Jahrzehnt" beschreibt Balzer, wie diese verschiedenen kleinen Geschichten immer bedeutsamer wurden. Er konzentriert sich dabei auf politische, soziale und natürlich popkulturelle Phänomene vor allem in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland: "Denken wir an die neue Frauenbewegung, an die Ökologiebewegung, an alle Emanzipationsbewegungen, die das, was man heute so Identitätspolitik nennt, im Wesentlichen mitgeprägt haben. Je genauer man draufzoomt, desto stärker stellt man fest, dass unsere Gegenwart mehr mit diesem Jahrzehnt zu tun hat, als man erst mal glaubt. Und eigentlich würde ich behaupten, auch mehr als mit den 60er-Jahren und mit diesen mythischen Jahr '68, von dem angesichts dieser Jubiläen immer so groß die Rede war.

Menschen beim Woodstock Festival 1969, im Vordergrund umarmt sich ein Paar. © picture alliance/United Archives Foto: TBM

Mondlandung, die 70er und Jens Balzer

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Jens Balzer taucht ein in das bunte Jahrzehnt der Siebziger - von der Mondlandung und Woodstock über die Ölkrise und den Nihilismus des Punk. Genau hier beginnt die Gegenwart.

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Bedeutend sind die 70er laut Balzer auch in ihrer Gegensätzlichkeit. Wenn in Woodstock das Paradies beschworen wurde, wandten sich im folgenden Jahrzehnt viele Menschen, vor allem Künstlerinnen und Künstler der Hölle zu. Satanismus und Okkultismus zogen mit Bands wie Black Sabbath nach und nach in die Popkultur und in den Mainstream ein. Ein zweifelhaftes Phänomen, wenn man bedenkt, dass sich die Faszination fürs Dunkle auch an die mordende Gruppe um Charles Manson knüpfte. Mit dieser heftigen Dualität hatte auch Jens Balzer nicht gerechnet.

Bowie als Held der queeren Emanzipation

Informationen zum Buch

"Das entfesselte Jahrzehnt" von Jens Balzer (ISBN: 78-3737100496) ist im rowohlt Verlag erschienen und kostet 26 Euro.

"Also man findet in jedem Detail, in jedem emanzipatorischen Aufbruch immer auch eine reaktionäre Unterströmung", so der Popkritiker. "Man hat David Bowie, den großen Helden der queeren Emanzipation Anfang der 70er-Jahre als Ziggy Stardust. Und drei Jahre später läuft er im im schwarzen Ledermantel mit Hitlergruß durch die Victoria Station in London und redet irgendwelchen Nazi-Irrsinn. Man hat die Entwicklung der in Westdeutschland am Anfang ja noch sehr clownesk und popkulturell veranlagten Stadt-Guerilla dann hin zum Terror der Roten Armee Fraktion. Und je näher man da ranzoomt, desto irrer und bizarrer und unangenehmer wird das, was die eigentlich geschrieben haben."

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Das Woodstock Festival 1969 gilt als legendär. Für Popkritiker Jens Balzer beginnen die 70er bereits in diesem Jahr.

Es ging auch harmloser. Die softpornographischen Pseudo-Aufklärungsfilme der "Schulmädchenreport"-Reihe bildeten das Gegenstück zur Emanzipation der Frauen. Und was sich schließlich ab Mitte der 70er-Jahre in der Garage von Apple-Gründer Steve Jobs in Los Altos in Kalifornien zusammenbraute und unsere Gegenwart prägt, nahm auch seinen Ursprung in der Mondlandung und im darauffolgenden Zerfall der großen Geschichten, in Technikbegeisterung und Enttäuschung.

Jens Balzer: "Die Idee, dass man sich mit mit Gleichgesinnten, die vielleicht auch andere Ziele verfolgen als man selber, in einem großen Netzwerk aus kommunikativem Austausch zusammenfindet, die kommt auch aus den 70er-Jahren. Und die wird dann letztlich natürlich auch zu dem führen, was wir heute unsere digitale Gesellschaft nennen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 17.07.2019 | 16:20 Uhr

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