Stand: 22.12.2019 09:46 Uhr  - NDR Kultur

Zukünftige Varianten unserer Welt

2029 - Geschichten von morgen
von Stefan Brandt, Christian Granderath, Manfred Hattendorf (Hg.)
Vorgestellt von Marie Schoeß

George Orwell schrieb seine Zukunftsvision "1984" in den 40er-Jahren - es war also noch knapp 40 Jahre hin, bis sich das Erfundene bewahrheiten oder als rein literarischer Schrecken herausstellen konnte. Der algerische Autor Boualem Sansal veröffentlichte in Orwells Tradition im Jahr 2015 seine Erzählung "2084" und rückte damit noch ein paar Jahrzehnte weiter von der eigenen Zeit weg. Im Erzählband "2029" haben elf deutschsprachige Autorinnen und Autoren in die Zukunft geblickt und es gewagt, näher an der Gegenwart zu bleiben.

"2029 - Geschichten von morgen" (Buchcover) © Suhrkamp Verlag
Der Erzählband "2029" versammelt Geschichten, die uns in die nahe Zukunft führen.

"Darf ich einen verbotenen Satz sagen?" fragt eine Figur in diesem Erzählband und erhält zur Antwort, sie dürfe, solange er nur nicht wehtue. Für die Literatur gilt natürlich das Gegenteil: Sie darf, sie soll sogar Sätze und Szenarien durchdenken, die wehtun. Genau das gelingt diesem Buch, das uns elf Zukunftsvisionen der Welt vor Augen führt, nur möchte man in keiner davon wirklich leben oder auch nur ihre Sprache annehmen:

"Menschenwarnsystem"
"Die Snooze-App wird von Psychologen eingesetzt, um Patienten eine 'produktive Selbst- und Fremdinterpretation ohne diagnostische Verbindlichkeit' zu ermöglichen."
"Lebensdeterminationsprogramm"
"Wer den Peacemaker sabotierte, um gemeinschaftsschädigende Gefühle auszuleben, schadete der Gemeinschaft. Menschen, die der Gemeinschaft schadeten, hatten keinen Platz in ihrer Mitte." Leseprobe

"2029" präsentiert Ideen, die zornig machen

"Peacemaker", dieses schaurige Wort begegnet einem in Vea Kaisers Erzählung. Der Friedenswahrer, eine technische Einrichtung, interveniert, sobald starke Gefühle ins Spiel kommen. Wer sich kurz nicht beherrscht, wer zornig wird, mit der Faust auf den Tisch schlägt, oder auch nur intensiv liebt, wird von Meeresklängen oder Pillen beruhigt.

Selbständig denkende und fühlende Menschen könnte das umso zorniger machen, aber Querulanten dieser Art hat die Gemeinschaft längst in den Wald ausgewiesen und damit an den Ort dieses Buches, der einer Utopie wohl am nächsten kommt und unbeschrieben bleibt. Denn Utopien wie die Vorstellung einer widerspenstigen Waldgemeinschaft, in der noch ungehemmt getrunken und gelacht wird, reizen die Autoren weniger.

Einige Zukunftsvisionen kommen uns schon bekannt vor

Karl Wolfgang Flender führt in ein Krankenhaus, das dank Künstlicher Intelligenz Gesundheit wie Gefühle seiner Patienten steuern kann und nun ebenfalls steuern will, welche Kranken die Medizin rettet und welche besser nicht.

Wäre das nicht sogar wünschenswert im Sinne der allgemeinen Sicherheit?
Wer nichts verbrochen hat, muss schließlich auch nichts befürchten.   Leseprobe

Das ist so ein Satz, der wehtut, weil er unheimlich bekannt klingt - wie die Fortschreibung, Zuspitzung heutiger Sätze, die Überwachungskameras und Datenspeicherungen verharmlosen.

Immer noch behandeln wir Patienten seelsorgerisch weitgehend nach Gefühl, obwohl es unzählige Studien zum effektiven und empathischen Patientengespräch gibt. Deshalb möchte ich Ihnen unser neues Programm zur patientenorientierten, evidenzbasierten Gesprächsführung vorstellen, kurz PEGgie. Sie geben ein Gesprächsziel ein, beispielsweise Krebsdiagnose, und PEGie schlägt dem Arzt dann geeignete Dialogzeilen im Sinne einer effektiven und gleichzeitig empathischen Kommunikation vor. Leseprobe

Freiheit der Fiktion gerät ins Hintertreffen

Die Themen in diesem Buch sprechen einen gleich an, sofort steigt man ein in die Gedankenspiele. Nur gerät hier und da das Literarische, die besondere Logik, Freiheit und Feinheit der Fiktion, ins Hintertreffen. All das scheint hinter dem Wunsch, es mit den wirklich großen Fragen der Zeit aufzunehmen - zumindest in einigen Geschichten - erst an zweiter Stelle zu stehen.

2029 - Geschichten von morgen

von
Seitenzahl:
541 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Erzählungen von Emma Braslavsky, Dietmar Dath, Karl Wolfgang Flender, Thomas Glavinic, Olga Grjasnowa, Vea Kaiser, Dirk Kurbjuweit, Leif Randt, Clemens J. Setz, Nis-Momme Stockmann und Simon Urban.
Verlag:
Suhrkamp Taschenbuch
Bestellnummer:
978-3-518-47029-9
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.12.2019 | 12:40 Uhr

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