Stand: 20.03.2018 00:01 Uhr

1968: Gretchen Dutschkes Stolz auf das Erreichte

1968 - Worauf wir stolz sein dürfen
von Gretchen  Dutschke
Vorgestellt von Verena Gonsch
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In ihrem Buch "1968 - Worauf wir stolz sein können" zieht Gretchen Dutschke Bilanz über die 68er-Bewegung.

Antiautoritäre Erziehung, Kinderläden, Recht auf Abtreibung, Offene Ehe, befreite Sexualität - was ist von dem Epochenjahr 1968 geblieben? "1968 - Worauf wir stolz sein können" - so heißt die Bilanz von Gretchen Dutschke. Sie ist die Witwe eines der wichtigsten Aktivisten der 68er-Bewegung, des Studentenführers Rudi Dutschke.

"Ein Dutschke will keine Antworten geben, das wäre genau die manipulative Antwort, die ich nicht zu geben bereit bin, denn was soll es bedeuten, als einzelner Antworten zu geben, wenn die gesamtgesellschaftliche Bewusstlosigkeit bestehen bleibt. Die muss durchbrochen werden, dann kann es Antworten geben."  Rudi Dutschke

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Die 1942 in den USA geborene Gretchen Klotz lernte Rudi Dutschke 1964 in Berlin kennen.

Der 28-jährige Rudi Dutschke sagte das im Frühjahr 1968, vor dem Anschlag, bei dem er schwer verletzt wurde und an dessen Folgen er elf Jahre später starb. Es waren aufgeheizte Zeiten und genau so hitzig waren die Debatten. Dutschkes Witwe Gretchen, die in den USA aufgewachsen ist und Rudi Dutschke während eines Berlin-Besuches kennen- und lieben lernte, hat jetzt eine Bilanz vorgelegt, rechtzeitig zum 50. Jahrestag der 68er-Bewegung. "1968 - Worauf wir stolz sein dürfen", so heißt ihr Buch. Stolz ist die 76-Jährige, die mittlerweile wieder in Berlin lebt, vor allem auf die langfristigen gesellschaftlichen Veränderungen. "Ich denke, die Demokratisierung war vielleicht das Wichtigste und das Dauerndste", sagt sie. "Deutschland hatte eine Verfassung, die Demokratisierung möglich machte. Aber wenn die Leute gefragt wurden, was für eine Regierung sie haben wollen, waren nur zwei Prozent für eine Demokratie", erklärt sie und fügt hinzu: "Also, das ist keine Demokratie, wenn die Leute dagegen sind."

"Frauen mussten tippen, während die Männer diskutierten"

Gretchen Dutschke war eine der wichtigsten Aktivistinnen der Frauenbewegung. Offen spricht sie über den damaligen Unmut der Frauen über die Machos in der 68er-Bewegung. Sie sagt: "Die Frauen mussten vor allem die Bücher und Pamphlete tippen, während die Männer diskutierten." Die wirkliche Leistung der 68er-Bewegung sieht sie denn auch in der Frauenbewegung, die in den 70er-Jahren in Deutschland groß wurde. "Ich denke, als die Frauen endlich begriffen haben, dass die einzige Möglichkeit war, eine richtige Bewegung in Gang zu bringen, eine richtige Frauenbewegung, wo man sich gegen die Männer auflehnt und auch gegen ihre Theorie, dass der Patriarchialismus ein genauso wichtiges Problem war wie der Kapitalismus."

"So kann man einen Bruder nicht wiedererkennen"

Interview

"1968 - Worauf wir stolz sein dürfen"

Gretchen Dutschke, die Witwe von Rudi Dutschke, beschreibt in ihrem neuen Buch die Errungenschaften der 68er-Bewegung. Im Interview spricht sie über diese Erfolge. mehr

Antiautoritäre Erziehung, Kinderläden, Recht auf Abtreibung, offene Ehe, befreite Sexualität - die Liste der Forderungen der 68er war lang. Und alles zielte darauf, die von den jungen Menschen so erlebte verkrustete, autoritäre Bundesrepublik aufzubrechen. Aus welchem Elternhaus der in Luckenwalde in Brandenburg aufgewachsene Rudi Dutschke kam, erzählt sein Bruder Helmut Dutschke in einem vor vielen Jahren aufgezeichneten Interview. Er wurde gefragt, ob er jemals geglaubte hätte, dass sein Bruder Studentenführer wird. "Nein", sagte er damals. "So kann man einen Bruder nicht wiedererkennen, der von zu Hause weggegangen ist, um zu studieren, um Sportjournalist zu werden - nicht, um Politiker zu werden, Jungrevolutionär. Mutter wäre schon viel früher gestorben, wenn sie das gewusst hätte. Bei Mutter standen im Vordergrund: Demut, Kaisertreue und vor allem, auf keinen Fall auffallen."

Begriff "68er" ist für jeden in Deutschland etwas anders

50 Jahre nach 1968 ist der Begriff "68er" mittlerweile für jeden in Deutschland etwas anderes: für den CSU-Politiker Alexander Dobrindt ein Schimpfwort, für die in der bürgerliche Mitte angekommenen ehemaligen Aktivisten eine aufregende Jugenderinnerung und für viele Babyboomer die Erinnerung an ihre Lehrer, denen sie nicht politisch und engagiert genug waren.

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Was verbinden Sie mit dem Jahr 1968?

Ein Jahr der Revolte? Oder ein Jahr des Aufbruchs? Was verbinden Sie persönlich mit dem Jahr 1968? Wie empfinden Sie aus heutiger Sicht die Geschehnisse vor 50 Jahren? Schreiben Sie uns! mehr

1968 - Worauf wir stolz sein dürfen

von
Seitenzahl:
220 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Kursbuch Edition
Bestellnummer:
978-3-96196-006-4
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 20.03.2018 | 15:55 Uhr

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