Stand: 27.07.2020 06:00 Uhr

Das normale Unglück der ganz normalen Menschen

von Alexander Solloch

Mit einem großen, opulenten Roman hat der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu zuletzt Publikum und Kritik beeindruckt: "Wie später ihre Kinder", die Geschichte einer Jugend in den 90er-Jahren im deindustrialisierten Ostfrankreich. Es war Individualstudie und Gesellschaftsroman in einem. In seiner Heimat bekam der knapp über 40-Jährige dafür die wichtigste Auszeichnung, den Prix-Goncourt, in Deutschland viel Ruhm, volle Veranstaltungssäle und etliche Vergleiche mit Balzac, Flaubert und Zola. Nun erscheint etwas Neues aus der Feder von Nicolas Mathieu, und die Feder hat diesmal Tinte gespart: "Rose Royal", das neue Büchlein, ist nur ein Fünftel so umfangreich wie der Vorgängerroman, aber kaum weniger beeindruckend.

Cover des Buchs "Rose Royal" von Nicolas Mathieu © Hanser Berlin
Nicolas Mathieu erzählt die Geschichte der Großstädterin Rose, die sich mit fast fünfzig in Luc verliebt.

Sie ist knapp 50, sie ist schön und elegant. Grazil trotzt Rose dem Großstadtverkehr, schlängelt sich an den Automassen vorbei - und landet, endlich, in der Kneipe, im "Royal". So fängt alles an.

Mit dem ersten Schluck löste sich etwas in ihrer Brust. Das Bier war kalt, die Zeitung schon zerlesen, und unter ihrer rechten Sohle spürte sie das feste Material der Fußstütze. Diese drei Empfindungen ergaben für sie schon eine Welt, ein annehmbares Zuhause. Sie befeuchtete ihren Finger und blätterte um, und Fred fragte sie, was es Neues gebe. "Na ja, nicht viel." Zitat aus "Rose Royal"

Nicolas Mathieu - einer, der die Menschen versteht

Rose geht’s im Grunde wie dem Leser. Eben noch will der sich über den Verlagsquatsch ärgern, auf ein Büchlein von nicht einmal hundert Seiten das verkaufsfördernde Etikett "Roman" zu kleben; dann liest er die ersten Sätze, und der Verdruss zieht ab. Es löst sich etwas in des Lesers Brust, wie ihm das immer geschieht, wenn er das Gefühl hat, an die Hand genommen zu werden von einem, der die Menschen wirklich versteht und der Worte findet für das, was sie begehren, für das, was ihnen fehlt - ganz gleich, ob er das in einem "Roman" tut oder in einer "Novelle", ob er es irgendwie so ähnlich tut wie Flaubert oder eben doch unvergleichlich Nicolas Mathieu ist.

"Ich versuche, das Projekt des 'Realismus' fortzusetzen. Tatsächlich gibt es die 'Realität' ja gar nicht, sie ist eine Konstruktion; aber mir geht es darum, mir die literarischen Mittel anzueignen, mit denen ich sagen kann, was auf der Welt, was in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten los ist - und zwar mit größtmöglicher Präzision." Zitat aus "Rose Royal"

Die "besten Jahre" hinter sich

Was ist los bei Rose? Die sogenannten besten Jahre hat die Sekretärin hinter sich (die Jahre mit Ehe und Kindern, die großzuziehen sind). Jetzt könnten die guten kommen oder die, in denen gar nichts mehr passiert, das macht vielleicht gar keinen großen Unterschied. Manchmal mischt sich in die Tage, die so einigermaßen erträglich vorüberziehen, doch ein Verlangen nach mehr, das aber von Online-Dates kaum je befriedigt werden kann.

Die Hungersnöte von heute waren in ihren Breiten nicht mehr die Folge von Missernten und Spekulationen über den Weizenpreis. Heute hungerte man nach Liebe, Sex, einem nicht auffindbaren und deshalb geldwerten Anderen. Die Leute waren einsam, eingespannt in ihre Jobs, ihre produktiven Existenzen. Alle geschieden mit vierzig, sex- und internetsüchtig, in fremde Städte versetzt, von einem Fieber ständiger Veränderung befallen, und sie tippten spätabends im Bett auf ihrem Computer herum und hofften auf Rettung durch ein mögliches Date. Diese unzähligen Einsamkeiten, bekämpft mit Onlinekäufen und Streamingdiensten, waren die Pfeiler der Moderne. Zitat aus "Rose Royal"

Rose lernt Luc kennen

Aber ganz analog - in der Kneipe - erfährt Roses Leben doch eine schicksalhafte Wendung. Sie lernt dort Luc kennen, einen in amourösen Dingen eher etwas unbeholfenen Geschäftsmann. Aber liebevoll scheint er doch zu sein. Was tastend und tapernd beginnt, flackert zwischendurch leidenschaftlich auf, ehe alles in Gewöhnung und mittelmäßiger Unzufriedenheit zusammenfällt.

Geschichten der ganz normalen Menschen

Ganz normale Menschen, denen das ganz normale Unglück tief unter ihrer Haut sitzt, können sich nichts inniger wünschen als dies: dass ihre Geschichte immerhin vom unermesslich brillanten Nicolas Mathieu erzählt werde. Hier ist einer, der sie wirklich liebt und dafür sogar Worte findet, schneidende, schüttelnde, charmante Worte. Das ist die kleine Genugtuung, die ihnen noch bleibt beim schleichenden Gang in die ganz normale Katastrophe.

Rose Royal

von
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26785-5
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.07.2020 | 12:40 Uhr

"Heiter bis wolkig. Eine Deutschlandreise" - Cover © Hatje Cantz Verlag Foto: David Carreño Hansen, Sven Stolzenwald, Christian A. Werner
5 Min

"Heiter bis wolkig. Eine Deutschlandreise"

Der Bildband ist ein liebevoll-ironisches Porträt der Bundesrepublik im Alltagsmodus - ungekünstelte Bilder zwischen Vorgarten, Schrankwand und Mettbrötchen. 5 Min

Eliot Weinberger: "Neulich in Amerika" (Buchcover) © Berenberg
5 Min

Eliot Weinberger: "Neulich in Amerika"

Eliot Weinberger beobachtet seit Langem die politischen Ereignisse in den USA. Seine zusammengetragenen Ungeheuerlichkeiten machen uns das Land noch fremder. 5 Min

Cover des Buchs "Ich bin ein japanischer Schriftsteller" von Dany Lafferière © Wunderhorn
5 Min

Dany Laferrière: "Ich bin ein japanischer Schriftsteller"

Mit "Ich bin ein japanischer Schriftsteller" gelingt Dany Laferrière ein gewitzter Roman über Identität. 5 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Henri Stendhal: "Rot und Schwarz"

Der ehrgeizige Julien Sorel will den gesellschaftlichen Aufstieg. Beim Militär ist er ihm verwehrt, weil er nicht adlig ist. Also sind ihm alle anderen Mittel recht. 5 Min

Cover des Buchs "Rose Royal" von Nicolas Mathieu © Hanser Berlin
4 Min

Nicolas Mathieu: "Rose Royal"

Der Franzose Nicolas Mathieu ist ein beeindruckender Chronist der Gesellschaft. In seinem brillant geschriebenen Roman verliebt sich seine fast 50-jährige Heldin Rose neu 4 Min

Mehr Kultur

Notenblatt mit Geige. (Symbolbild) © dpa

Corona: Kleine Konzertveranstalter kämpfen ums Überleben

Große Klassikbetriebe halten durch. Kleinere kommen bei einer weiteren Einschränkung des Publikums in Existenznot. mehr

Anja (Andrea Bræin Hovig) und Tomas (Stellan Skarsgård) schauen in den Spiegel - Szene des Krebsdramas von Maria Sødahl - im Wettbewerb der Nordischen Filmtage Lübeck 20202 © Manuel Claro/Motlys

Nordische Filmtage finden nur online statt

137 Filme aus Skandinavien, dem Baltikum und Norddeutschland können im Netz geschaut werden - für je sieben Euro. mehr

Die Schauspielerin Nina Hoss (2020) © picture alliance/Jörg Carstensen/dpa Foto: Jörg Carstensen

Nina Hoss: "Ich bin Chopin-Fan!"

In dieser Woche kommt der Film "Schwesterlein" mit Nina Hoss in die Kinos. NDR Kultur hat die Schauspielerin getroffen. mehr

Die Künstlerinnen Anja Witt (l) und Monika Hahn steht vor ihren Werken. © NDR Foto: Anina Pommerenke

GEDOK: Ein Netzwerk für Künstlerinnen

1926 wurde die Gemeinschaft für Künstlerinnen in Hamburg gegründet. Heute hat die GEDOK deutschlandweit 3.500 Mitglieder. mehr