Sendedatum: 08.10.2008 06:53 Uhr  - NDR Info  | Archiv

Der Lektor

von Elke Drewes
Jan Strümpel ist Cheflektor des Göttinger Steidl Verlags und betreut dort junge Autoren und Nobelpreisträger wie Günter Grass. © Göttinger Steidl Verlag

Romane lesen und das in der Arbeitszeit - davon können andere nur träumen. Der Lektor hat das zu seinem Beruf gemacht. Wie entdeckt man neue Autoren? Welche Manuskripte sind es Wert, verlegt zu werden? Lassen sich Nobelpreisträger noch etwas sagen? Jan Strümpel ist Cheflektor des Göttinger Steidl Verlags und betreut dort junge Autoren und Nobelpreisträger wie Günter Grass.

Auf und unter dem Tisch stapeln sich Kartons

In der ersten Etage des verwinkelten Verlagshauses liegt Jan Strümpels Büro. In dem kleinen Raum stapeln sich Kartons mit Büchern und Katalogen auf und unter den Tischen. Vor wenigen Monaten noch hat der Lektor mit Günter Grass am Manuskript seines neuen Buches "Die Box" gearbeitet.

"Selbst Nobelpreisträger verwenden irgendwann ein Füllwort, das überflüssig ist oder wiederholen ein Wort da, wo es nicht gut ist oder schreiben einen Satz, der verzichtbar ist. Auf solche Dinge weise ich hin und dann wird das dankbar angenommen. Aber Günter Grass gibt seine Manuskripte uns auch dann erst zu lesen, wenn es in Ordnung ist - das ist Teil seiner Professionalität - und wir machen uns dann noch mal mit einem sehr feinen Schmirgelpapier an den Feinschliff.“

Mädchen für alles

Beim Göttinger Steidl Verlag fing Jan Strümpel als Korrekturleser an und suchte nach Grammatik- und Rechtschreibfehlern. Inzwischen ist er seit acht Jahren Chef-Lektor: "Als Lektor ist man Mädchen für alles: Man ist die Hebamme für das Buch, derjenige, der für jegliche Fragen Lösungen finden soll."

Klappentexte und Buchankündigungen

Der Lektor schreibt die Klappentexte und die Buchankündigungen für den Verlagskatalog. Mit der Grafikerin bespricht er die Umschlagsgestaltung. Und er liest natürlich ganz viel. Jeden Tag bekommt er unaufgefordert eingesandte Manuskripte auf den Tisch. Wenn das Anschreiben kurz ist und die ersten Seiten ansprechend geschrieben sind, dann liest er die Manuskripte weiter.

Spitze Ohren

Aber nur selten entdeckt er dabei eine Perle wie die Dresdner Autorin Eleonora Hummel, die in Kasachstan geboren wurde: "Als ich deren Manuskript auf den Tisch bekam, dachte ich, Mensch. du hast noch nie in der deutschen Literatur etwas erzählt bekommen - über das Leben von Russlanddeutschen in Kasachstan. (...) Und - das ist etwas, wo man als Lektor spitze Ohren bekommt, wenn Geschichten erzählt werden, die man so noch nicht gelesen hat."

Eine Ausnahme: Die meisten neuen Talente findet er auf Buchmessen, über Gespräche mit Agenten und Empfehlungen anderer Autoren: "Da wo Talent vorhanden ist, findet ein Buch einen Weg zum Verlag und auch zum Leser, da bin ich ganz gewiss."

Viele Junge Menschen wollen einen Roman schreiben und arbeiten Jahre lang an einer Geschichte, die auch trägt: "Der erste Roman ist nicht das Problem. Interessant wird es beim zweiten oder dritten Roman, wo es darum geht, dass der Autor weiterhin über gute Geschichten und Ideen verfügt."

Die Charaktere müssen überzeugend sein

Der Lektor betreut seine Autoren so intensiv, wie die es wünschen. Einige schreiben ihren Roman von Anfang bis zu Ende durch und brauchen oft nur eine stärkere Betreuung, um den Roman abzuschließen. Andere schicken immer wieder Zwischenfassungen. Jan Strümpel achtet darauf, dass die Charaktere überzeugend sind und die Handlungsstränge zu einer schlüssigen Geschichte verwoben.

"Dann sage ich nicht, schmeiß den Satz raus, sondern deine Figur könnte noch stärker konturiert werden oder ich sage, diesen Nebenstrang verfolge nicht weiter. Das Spannende für mich an der Arbeit ist, dass ich mich einbringen soll, aber unsichtbar bleiben muss, deshalb muss ich ein Gespür für Tonart des Textes bekommen. Ich sage nicht, erfinde eine neue Figur. Aber im Sinne deiner Art zu schreiben, ist diese Figur noch nicht treffend genug, ist dieser Satz zuviel oder da hast du dich im Ton vergriffen."

Man muss sich zurücknehmen können, sagt Jan Strümpel, der Lektor dürfe nicht der Ko-Autor sein, sondern allenfalls Wegweiser oder Hebamme. 

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NDR Info | 08.10.2008 | 06:53 Uhr

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