Marie-Luisa Frick © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka

Das Denken der Aufklärung als Inspiration und Auftrag

Stand: 13.08.2022 06:00 Uhr
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von Marie-Luisa Frick

Von der geistigen Faulheit und der diskursiven Feigheit

Das muss bereits bei Kants Aufforderung zum Selbstdenken beginnen. Sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, ist kein Ideal, das man unkritisch verfolgen kann, das heißt ohne Unterscheidung zwischen dem, was man selbst verstehen kann einerseits und dem, was man ohne die Expertise anderer nicht einordnen kann andererseits. Ohne eine solche Reflexivität droht Selbstdenken zu einer selbstgefälligen Attitüde zu werden, im schlimmsten Fall zur Revolte des Ungeistes, zum Ressentiment gegen jegliche epistemische Autorität jenseits des Selbst. Hat Kant zu Recht von Faulheit und Feigheit gesprochen, die Menschen vom Selbstdenken abhalten und in Fremdbestimmung gefangenhalten, so ist heute nicht nur mit Blick auf die Pandemie auch von einer anderen selbstverschuldeten Unmündigkeit zu sprechen: von der geistigen Faulheit, sich möglichst umfassend darüber kundig zu machen, was Fachleute mühsam an vorläufigem Wissen erarbeiten. Und von der diskursiven Feigheit, sich mit anderen Meinungen ernsthaft auseinanderzusetzen, anstatt sie in politischen Debatten lediglich zu karikieren oder zu skandalisieren.

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Die Frage, was man selbst wissen und beurteilen kann und wo man auf andere angewiesen ist und daher Vertrauen leihen muss, ist heute komplizierter. Noch nie waren die Möglichkeiten größer, sein Weltbild zu formen und epistemische Autoritäten zu wählen - dank globaler Kommunikation und der theoretischen Verfügbarkeit von Welt-Wissen, dessen Umfang die Aufklärer in Schock-Staunen versetzt hätte. Den Segnungen der fortgeschrittenen, digital-technologischen Moderne stehen Schatten gegenüber, die nicht in der Technik selbst angelegt sind, sondern in der menschlichen Natur. Dazu zählt die Tendenz, Informationen mittels des sogenannten Bestätigungsvorurteils zu verarbeiten: Was zu bisher für wahr Gehaltenem passt, wird rascher und unkritischer ins eigene Weltbild integriert als Informationen, die bisherigen Annahmen widersprechen. Solche Widersprüche zu klären oder gar aufzuarbeiten, wäre harte Arbeit. Wie viel davon ist uns ein aufgeklärtes Weltbild wert? Wie viel Zeit dazu lässt uns ein zu kleinen und großen Sorgen verdichteter Alltag überhaupt?

Spannungen der Demokratie

Besonders problematisch wird es, wenn sich die Neigung hin zu einem kohärenten Weltbild - zulasten eines der komplexen Wirklichkeit entsprechenden Weltbilds - mit Gruppendenken verbindet. Solche Stammesgemeinschaften in ihren digital-medialen Parallelwelten werfen die Frage auf, welche demokratische Öffentlichkeit uns eigentlich noch verbindet. Unter Krisenbedingungen und der unter unterschiedlichen Vorzeichen gefühlten existenziellen Bedrohung durch die anderen, ihren Lebensstil, ihr Streben, werden politische Konflikte radikal. Und zwar im Wortsinn: Sie scheinen bis zur Wurzel hinabzureichen und zwischen unvereinbaren Identitäten zu walten.

Wie sollte eine aufgeklärte Demokratie mit solchen Konflikten umgehen? Was ist überhaupt eine aufgeklärte Demokratie? Eine solche müsste sich zuerst über ihre unvermeidlichen Spannungen aufklären sowie über die Gefahren, die mit Versuchen verbunden sind, diese Spannungen zu beseitigen. Eine Ur-Spannung ist jene zwischen dem postulierten Willen eines politischen Volkes und den Verfahren, diesen Willen auszudeuten und in Geltung zu setzen. Den Volkswillen unmittelbar regieren zu lassen, wäre nur möglich unter der falschen Annahme seiner Einförmigkeit. Umgekehrt produzieren Verfahren der Repräsentation, ohne Korrekturen durch direkte Mitbestimmung, Entfremdung zwischen Bürgerschaft und politischer Klasse. Anfälligkeit für populistische Agitation, die zwischen dem angeblich "wahren" Volk und dessen angeblichen "Verrätern" trennt, ist ein Symptom für eine gefährliche Dysbalance der Demokratie.

Mehr Demokratie mit der Begründung abzulehnen, die Menschen seien dazu noch nicht bereit oder fähig, verweist auf eine weitere der Demokratie immanente Spannung, die es letztlich auszuhalten gilt: die Spannung zwischen dem Freiheitsversprechen der Demokratie und ihrem Erfolgsversprechen. Wer mit Blick auf Krisenherausforderungen und die beschränkte Urteilskraft der meisten Menschen mit einer Herrschaft der Klügsten sympathisiert, verkennt, dass Demokratie nicht deshalb beansprucht, ihren Alternativen überlegen zu sein, weil sie immer zu besten Ergebnissen führen müsste - sondern weil sie der Berufung des Menschen zur Freiheit entspricht. Umgekehrt kann dieses Freiheitsversprechen der Demokratie nur dann attraktiv sein, wenn die Menschen, die in ihr leben, von ihrer Freiheit Gebrauch machen, der das erfolgreiche Lösen gemeinsamer Probleme erlaubt.

Aufklärung ist kein abgeschlossenes Projekt

Das Denken der Aufklärung ist eine Absage an Fatalismus. Es ermutigt, auf eine hellere Zukunft hinzuarbeiten, statt darauf nur zu warten. Eine aufgeklärte Haltung aber weiß auch um die Grenzen menschlicher Handlungsmacht und verlangt nicht nach perfekten Lösungen. Sie kennt die Abgründe menschlicher Unvernunft ebenso wie jene menschlicher Vernunft. Sie betrachtet Aufklärung nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als Auftrag, sie weiterzudenken und mitzugestalten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 13.08.2022 | 13:05 Uhr