Marie-Luisa Frick © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka

Das Denken der Aufklärung als Inspiration und Auftrag

Stand: 13.08.2022 06:00 Uhr

Hat Aufklärung eine Zukunft? Die Philosophin Marie-Luisa Frick meint entschieden: ja - allerdings nur, wenn wir die vielstimmige Philosophie der Aufklärung als Inspiration nutzen, Aufklärung immer weiterzudenken.

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von Marie-Luisa Frick

Das Denken der Aufklärung hat mächtig Spuren hinterlassen; es hat unsere moderne Welt in vielerlei Hinsicht geformt. Das reicht von den Verfassungen der liberalen Demokratien über die Menschenrechte bis hin zur Rationalität der Wissenschaften und der modernen Technik. Zugleich wird in den letzten Jahren immer häufiger darüber geklagt, dass es aufklärerisches Denken neuerdings ganz schön schwer hat. Es gibt regelrechte antiaufklärerische Bewegungen, die an den Fundamenten unserer Gegenwart zu rütteln versuchen.

Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter?

Von Immanuel Kant stammt nicht nur der bekannte Wahlspruch der Aufklärung: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!". Auf ihn geht auch eine Unterscheidung zurück, die heute noch dazu einlädt, sich Gedanken zur Zeit zu machen. Dass er, Kant, in einem aufgeklärten Zeitalter lebt, verneinte er. Aber: Er und seine Zeitgenossen befänden sich in einem Zeitalter der Aufklärung. Immerhin. Aufklärung wird somit als Prozess verstanden, dessen Vollendung im ausgehenden 18. Jahrhundert noch der Erreichung harrt. Und dabei war dieser geistes- und kulturgeschichtliche Transformationsprozess von globalgeschichtlicher Bedeutung, den wir "Aufklärung" nennen, zu Kants Lebzeiten schon rund 150 Jahre im Gang.

Und heute, wo stehen wir eigentlich? Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter? Woran würden wir das festmachen? Oder befinden wir uns, nach Rückschlägen durch horrende Zivilisationsbrüche, noch immer oder wieder in einem Zeitalter der Aufklärung? In welchem Stadium dieses Prozesses sind wir? Oder haben wir, wie nicht wenige Zeitgenossen in kulturpessimistischer Gestimmtheit klagen, die Türen zu einem Zeitalter der Gegen-Aufklärung längst aufgestoßen?

Die Vision einer helleren Zukunft

So wenig geschichtsphilosophische Diagnosen, die mit dem Schlagwort "Aufklärung" operieren, taugen, eine komplexe, unübersichtliche Welt zu erfassen, in der über acht Milliarden Menschen leben, so fruchtbar sind sie als Medium der Kritik und der Hoffnung. Wer sich auf Aufklärung bezieht, meint immer schon ihr Anderes, das Nicht- oder Unaufgeklärte, mit. Wer im Dunkel der Menschheitsgeschichte einen Lichtschein erblickt, dem man folgen solle, hat eine Idee des Fortschritts, die Vision einer helleren Zukunft.

In Zeiten dichter Krisenverschränkungen haben Gesamtbetrachtungen der conditio humana und sie begleitende Gesellschaftskritik und Zukunftsprogramme Konjunktur. Rivalisierende politische Bewegungen und verschiedene Weltanschauungen bieten ganz unterschiedliche Modelle der "Aufklärung" an, sehen sich und ihre Anhängerschaft als mit Durchblick ausgestattet, ihre Gegner hingegen als mit Blindheit geschlagen. Sie sind aufgewacht, während die anderen schlafen. Sie haben die Lösung, die anderen sind das Problem.

Aufklärung als eine Quelle der Inspiration

Über Aufklärung darf, ja muss man streiten. Ist es eine Fortführung des aufklärerischen Humanismus, für eine universelle Achtungspflicht für jede Person, ihren Lebensentwurf und identitäre Selbstverortung einzutreten - oder verengen daraus abgeleitete Diskursnormen den freien, öffentlichen Vernunftgebrauch und damit die Möglichkeiten zur Aufklärung als solche? Ist Gleichheit der zentrale Wert der Aufklärung - oder aber Freiheit? Entspricht es einer aufgeklärten Haltung, der Obrigkeit zu misstrauen und sich nur auf sich selbst zu verlassen? Kann es auch ein Zuviel des kritischen Denkens geben? Ist es aufgeklärte Vorsicht, den Menschen nicht zu viel zuzutrauen und sie mit Verfahren demokratischer Repräsentation zu zügeln, oder würde eine aufgeklärte Demokratie mehr unmittelbare Beteiligung der Bürgerschaft beinhalten? Setzt ein aufgeklärtes Wirtschaftssystem eher auf nationale Autarkie oder globalen Handel? Ist es Ausdruck einer aufgeklärten Friedensorientierung, für weltweite Abrüstung einzutreten, oder sind umgekehrt aufgeklärte Gesellschaften besser beraten, sich gegen ihre Widersacher militärisch in Stellung zu bringen oder gar die "Werte der Aufklärung" mit Waffengewalt zu schützen?

Viele dieser Fragen und die Konflikte, die sie transportieren, beschäftigten bereits die Philosophie der Aufklärung. Dass die Aufklärung kein homogenes Projekt war und ihre Verfechter keine uniforme Kampfgemeinschaft darstellten, zeigt die Ideengeschichte deutlich. Die Philosophie der Aufklärung ist eine Quelle der Inspiration, die Fragen, was Aufklärung eigentlich bedeutet oder was gerade nicht als aufgeklärt gelten kann, immer wieder neu zu stellen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 13.08.2022 | 13:05 Uhr